Der Radiobeitrag stellt zwei neuere Verfahren zur Therapie der Lungenerkrankung COPD vor. Die Verfahren werden zwar verständlich erklärt, auch das Leiden eines Patienten wird deutlich, konkrete Informationen zu den meisten unserer Kriterien fehlen indes.
Zusammenfassung
COPD (engl. chronic obstructive pulmonary disease) ist eine Lungenerkrankung die nicht heilbar ist, und vor allem Raucher betrifft. Für diese Kombination aus chronischer Bronchitis und einem Lungenemphysem stellt der Radiobeitrag in der Gesundheitssendung Sprechstunde des Deutschlandfunks eine neue Ventiltherapie ausführlicher und eine Wasserdampftherapie kurz vor.
Beide Verfahren werden zwar verständlich erklärt, allerdings auf Kosten wichtiger Informationen. So wird weder der mögliche Nutzen konkret benannt, noch auf Risiken und Nebenwirkungen eingegangen. Wie gut das Verfahren untersucht ist, wird genau so wenig deutlich wie die Kosten oder die Verfügbarkeit des Verfahrens. Es wird lediglich ein Mediziner als Experte befragt. Zumindest wird klar, was das Neue an den Verfahren im Vergleich zur etablierten Therapie ist.
Hinweis: Das vorliegende Gutachten konnten wir krankheitsbedingt leider nur zeitverzögert veröffentlichen.
1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.
Der Beitrag erklärt zwar, was die Ventiltherapie (und später kurz die Wasserdampftherapie) in der Lunge bewirken, was zugleich impliziert, dass dies den Patienten auch nutzt; welchen Nutzen konkret die Patienten tatsächlich erwarten können, bleibt indes offen. Es wird weder quantifiziert, noch wird erklärt, was genau sich in welchem Ausmaß verbessert, es heißt zum Beispiel nur: „Und die Verbesserung tritt in der Regel schon nach wenigen Tagen ein.“ Hörer werden vermuten, dass sich „Verbesserung“ auf die nächtlichen Erstickungsanfälle bezieht, die der Patient zuvor beschrieb. Ob dies aber damit gemeint ist, und ob damit diese Fälle seltener werden oder nur schwächer ausfallen, auch das erfahren Hörer nicht.
Positiv ist, dass zumindest klar wird, dass die Ventile nicht für jeden Patienten geeignet sind: „Allerdings können die kleinen Ventile nur dann eingesetzt werden, wenn ein abgeschlossener Bereich der Lunge betroffen ist. Wenn gesunde und kranke Areale miteinander verbunden sind, greifen die Pneumologen in Nürnberg auf heißen Wasserdampf zurück.“
Alles in allem werten wir „nicht erfüllt“, weil es ansonsten keinerlei konkrete Aussagen zum möglichen Nutzen der Ventiltherapie gibt.
2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.
Auf Risiken und Nebenwirkungen wird nicht eingegangen. Es heißt lediglich, das Ventilverfahren sei deutlich schonender als die etablierte Operation. In der Beschreibung erscheint alles harmlos und wenig aufwändig, aber allein die Bronchoskopie, in deren Rahmen die Ventile eingesetzt werden, birgt – wenn auch geringe – Risiken für Blutungen bis hin zum Pneumothorax. Auch die Nebenwirkungen des Ventils selbst bleiben unerwähnt, obwohl eine randomisierte kontrollierte Studie gezeigt hat (LINK), dass die Ventile das Risiko für Lungenentzündungen und blutigen Husten erhöhen und das Krankheitsbild insgesamt verschlimmern können.
3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.
Darüber, wie gut die Verfahren untersucht sind, wird nichts ausgesagt. Es wäre aber wichtig gewesen, auf die schwache Evidenz hinzuweisen. In der Studiendatenbank Medline findet sich lediglich die zuvor schon angesprochene kontrollierte randomisierte Studie zur Ventilmethode für Emphysempatienten (NEJM 2010, 23;363(13):1233-44), die eine Eignung des Verfahrens für die breite Anwendung zum jetzigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich erscheinen lässt.
4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.
Es wird lediglich ein Mediziner befragt. Weder wird ein unabhängiger COPD-Experte hinzugezogen noch werden andere Quellen erkennbar bemüht; über Interessenskonflikte gibt es keine Aussage (der befragte Mediziner war an der bereits angesprochenen Studie beteiligt, die vom Hersteller gesponsert wurde).
6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.
Im Vorspann heißt es, dass der Beitrag neue Verfahren vorstellt. Im gesamten Beitrag wird dann noch einmal kurz darauf eingegangen. Dass es sich um ein gerade erst in der Klinik zu erprobendes Verfahren handelt, wird dem Hörer nicht klar. Im Gegenteil: Die Auswahl der O-Töne impliziert, dass das Verfahren bereits Routine ist. Dafür wird aber deutlich, was das Neue an den Therapien ist, die es in dieser Form so bisher nicht gibt.
7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.
Es werden zwei Alternativen zum Ventilverfahren erwähnt: das Wasserdampfverfahren wird genauer erklärt und das bei fortgeschrittenem COPD etablierte Verfahren der operative Entfernung des Emphysemgewebes. Wie diese Verfahren im Vergleich zum Ventilverfahren abschneiden, wird allerdings nur an einer Stelle – sehr allgemein – beschrieben: „Bis vor Kurzem lautete die Lösung im Ernstfall, die kranken Lungen-Bereiche operativ zu entfernen. Was den geschwächten Körper eines Lungenpatienten natürlich zusätzlich belastet. Die neue Lösung mit dem Ventil ist da deutlich schonender: Der Eingriff findet im Rahmen einer Lungenspiegelung statt und dauert nur wenige Minuten.“ Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.
8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.
Klar wird zwar, dass die Ventiltherapie nur für eine bestimmte Gruppe von Patienten geeignet ist (siehe Kriterium Nutzen). Völlig unklar bleibt aber, ob und wie verbreitet das Verfahren in Deutschland überhaupt ist. Nach dem Beitrag könnte man auch genauso annehmen, dass die Ventiltherapie ebenso wie das Wasserdampfverfahren nur im Nürnberger Klinikum getestet werden. Daher werten wir „nicht erfüllt“.
10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).
Was die COPD für bestimmte Patienten bedeuten kann, wird nicht übertrieben dargestellt.
Problematisch finden wir indes den Verweis im Vorspann, dass COPD laut WHO die vierthäufigste Todesursache weltweit ist. Dies impliziert (zusammen mit der Aussage, dass Lungenerkrankungen zur Volkskrankheit geworden seien), dass COPD auch in Deutschland ständig an Bedeutung zunimmt. Da aber die Raucherzahlen seit Jahren selbst bei Jugendlichen zurückgehen (und Rauchen zugleich die Hauptursache für COPD ist), sollte nicht unnötig ein Bedrohungsszenario aufgebaut werden. Dass COPD weltweit die vierthäufigste Todesursache sein soll, erklärt sich vor allem durch die Zunahme bei Rauchern in den Schwellenländern, da dort der Lebensstandard gestiegen ist (siehe erklärenden Artikel dazu hier).
Da dies im Beitrag selbst aber nicht mehr thematisiert wird, werten wir – wenn auch knapp – „erfüllt“.
1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.
Ein konkreter aktueller Anlass ist zwar nicht erkennbar, neue Therapien für eine auch in Deutschland weit verbreitete Erkrankung sind indes ein relevantes Thema. Auch eine gewisse Kuriosität ist gegeben, denn immerhin ist es eine ungewöhnliche Vorstellung, dass Menschen Ventile in die Brust implantiert bekommen.
2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).
Der Radiobeitrag macht eines gut: Er erklärt im Rahmen der Mittel anschaulich und handwerklich ansprechend, wie die Ventil- und die Wasserdampftherapie funktionieren, ein Patient verdeutlicht hörbar die Leiden der Krankheit. Dies alles nimmt indes viel Raum ein. In der Folge könnte Hörern nicht ganz deutlich werden, was COPD eigentlich genau ist (dass es sich um eine entzündliche Erkrankung der Lungen handelt, wird nicht erklärt). Zum anderen fallen viele wichtige Informationen unter den Tisch (was wir in den medizinjournalistischen Kriterien bereits kritisiert haben). Eine Einordnung findet nicht statt. Daher werten wir nur knapp „erfüllt”.


Kriterium erfüllt |
Kriterium nicht erfüllt |
Kriterium nicht anwendbar