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„Ein Krebsmittel hält den Sehverlust auf“

„Ein Krebsmittel hält den Sehverlust auf“

Zwei neue Studien zeigen, dass ein wesentlich günstigeres Medikament ebenso gut gegen eine Augenerkrankung wirkt wie die teurere Variante. Der Artikel macht das deutlich, erklärt aber das Ausmaß des Nutzens nicht ausreichend und geht kaum auf die Risiken ein. Nicht immer wird deutlich, welche Bedeutung so manche Erklärung im Text für die Leser hat.

Zusammenfassung

Gegen die altersbedingte feuchte Makuladegeneration (AMD, eine schnell fortschreitende Augenerkrankung im Alter), wird seit einigen Jahren das Antikörperpräparat Lucentis eingesetzt. Das ähnliche Mittel Avastin, das für die Behandlung von verschiedenen Krebserkrankungen zugelassen ist, ist deutlich billiger, wirkt aber – zumindest nach Beobachtungen der Ärzte – genauso gut gegen die Makuladegeneration. Das Krebsmittel ist eigentlich nicht für die Behandlung der feuchten AMD zugelassen, darf aber nach einer Sondergenehmigung eingesetzt werden. Es wurden mehrere Studien initiiert, um herauszufinden, ob die beiden Mittel wirklich gleichwertig sind.

Der Artikel, den wir bewerten, berichtet über die Ergebnisse einer dieser Studien nach den ersten zwei Jahren und über das vorläufige Ergebnis einer weiteren Untersuchung.

Der Text macht die zentrale Aussage deutlich: Beide Mittel wirken gleich gut. Dabei vergisst er aber zu erklären, in welchem Ausmaß die Medikamente den Patienten nützen. Auf Risiken und Nebenwirkungen geht er kaum ein, die Aussagekraft der Studien erklärt er nicht. Ob es andere Behandlungsoptionen gibt, bleibt offen. Dafür wird deutlich, dass es sich um nicht mehr ganz neue Medikamente handelt, und wie groß der Kostenunterschied ist. Ein nicht an den Studien beteiligter Experte ordnet die Ergebnisse zwar ein und verweist auf eine dritte, kommende Variante des Mittels, erklärt aber auch teils sehr spezielle Aspekte, ohne dass deutlich wird, wozu Leser dies wissen müssten.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Einerseits wird das Hauptergebnis der Studie gleich zu Anfang des Artikels berichtet: „ (…) das Medikament Avastin ist so wirksam in der Behandlung wie Lucentis (…)“. Dass ein preisgünstiges Mittel genauso wirksam ist wie die vielfach teurere Alternative, ist gut zu wissen. Und auch ein drittes Medikament (Aflibercept), das in den USA bereits getestet und zugelassen wurde, sei „genauso wirksam“.

Doch es wird nicht erklärt, in welchem Ausmaß die Medikamente helfen können, dass sie nämlich bei den meisten Patienten den rasanten Verlauf der Erkrankung stoppen, bei zwanzig Prozent sogar eine Sehverbesserung erreichen können. Angesichts einer Erkrankung, die rasch zur Erblindung führen kann, erscheint die genaue Darlegung des Nutzens besonders wichtig. Dies nämlich kann unrealistische Erwartungen an die Behandlung vermeiden. Die Aussage im Titel („Ein Krebsmittel hält den Sehverlust auf“) erscheint uns zu wenig Information zu bieten.

Die Studien, auf deren Ergebnisse sich der Artikel bezieht, haben auch ergeben, dass die Häufigkeit dieser riskanten und belastenden Behandlungen ohne wesentliche Einbußen in der Wirksamkeit reduziert werden kann. Diese für die Nutzenbewertung wichtige Information bekommen die Leser des Artikels jedoch nicht geboten.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Injektionen in das Innere der Augen können ernsthafte Komplikationen haben: Infektionen, Blutungen in den Glaskörper oder Ablösungen der Netzhaut. Die Wirkstoffe Avastin und Lucentis erhöhen auch das Risiko für grünen Star, Herzinfarkt und Schlaganfall. Aber auf diese Risiken geht der Text nicht. Nur am Ende erwähnt er, dass die neue Substanz Aflibercept den Vorteil habe, nur halb so oft wie die anderen injiziert werden zu müssen. Und das bedeute „ein geringeres Risiko für die Augen.“ Insgesamt sind Risiken und Nebenwirkungen nicht angemessen berücksichtigt.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Der Artikel bezieht sich zwar auf aktuelle Studiendaten: „Die Ergebnisse einer jetzt veröffentlichten Studie des US-Augeninstituts mit 1185 Patienten sowie die vorläufigen Ergebnisse einer britischen Studie vergleichen nun erstmals die Wirksamkeit von Avastin und Lucentis.“ Eine Einordnung dieser Studien erfolgt indes nicht. Auch über den dritten Wirkstoff Aflibercept heißt es lediglich er sei „(…) in zwei Zulassungsstudien mit Lucentis verglichen worden (…)“. So ist für Leser kaum nachvollziehbar, ob die Studien bedeutende Schwachpunkte haben oder wie hoch ihre Aussagekraft ist.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird im Text ein Experte zitiert, der weder an der US-Studie noch an der britischen Studie beteiligt war.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Artikel geht über die verschiedenen Pressemitteilungen zu den AMD-Studien hinaus.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Artikel arbeitet gut heraus, seit wann es die Gruppe der Medikamente (VEGF-Hemmer) gibt, und was das Neue am noch nicht zugelassenen Mittel ist.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Im Text geht es um verschiedene Alternativen einer Therapie der AMD – doch habe alle drei Präparate das gleiche Wirkprinzip. Es wäre also interessant gewesen, etwas über andere Therapiealternativen zu erfahren bzw. zu erfahren wie wenig aussichtsreich andere Behandlungsmöglichkeiten im Vergleich zu den neuen Methoden sind. Dann hätte der Leser auch die Bedeutung der Diskussion für betroffene Patienten besser nachvollziehen können.

Bevor die Medikamente aus der Gruppe der VEGF-Inhibitoren, über die der Artikel berichtet, verfügbar wurden, waren Laserverfahren (Photodynamische Therapie, Thermische Lasertherapie) der Behandlungsstandard bei der feuchten Form der altersbedingten Makuladegeneration. Die medikamentöse Therapie ist zwar wirksamer, aber um die hohe Relevanz der Medikamente einzuordnen, wäre es gut gewesen auch die alternativen Behandlungsansätze vorzustellen. Wir werten dieses Kriterium daher als knapp nicht erfüllt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird deutlich, dass Avastin und Lucentis bereits verfügbar sind, während das dritte Mittel Aflibercept bisher nur in den USA  zugelassen ist. Deutlich wird auch, dass das Krebsmittel Avastin für die Behandlung der AMD nur befristet für den „Off Label“- Gebrauch (also abseits der Zulassung) zugelassen ist.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Im Artikel wird erwähnt, dass Lucentis 1262 Euro pro Injektion kostet und Avastin 50 bis 60 Euro. Zu der Frage , wie teuer Aflibercept sein wird, zitiert der Beitrag einen Experten mit der auf die USA bezogenen Aussage, das Mittel werde „geringfügig günstiger sein als Lucentis, aber viel teurer als Avastin“ . Was indes fehlt und sehr wichtig für den Leser gewesen wäre, ist die Frage der Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die feuchte Makuladegeneration wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Die unabhängigen Studiendaten zur Wirksamkeit von Avastin im Vergleich zu Lucentis wurden seit langem erwartet. Weitere Studien zur gleichen Fragestellung laufen noch. Das Thema ist relevant und, obwohl die Veröffentlichung der diskutierten Studiendaten schon ein paar Wochen zurückliegt, werten wir dieses Kriterium aufgrund der Relevanz als „erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Das Thema macht der Artikel zwar schon zu Beginn gut auf populäre Weise deutlich, der Leser weiß gleich worum es geht. Aber im weiteren Verlauf liefert der Text eher fachliche Erklärungen zum Wirkprinzip und zum strukturellen Unterschied zwischen den beiden Wirkstoffen. Dies sind ziemlich spezielle Aspekte, deren Zusammenhang sich nicht immer erschließt. Einerseits heißt es ganz allgemein, beide Medikamente seien gleichwertig. Und gleich danach erfährt der Leser, der Vorteil von Lucentis betrage „unterm Strich 1,4 Buchstaben mehr“. Welche Bedeutung dieser Unterschied hat wird nicht erklärt.

Irritierend ist auch zu lesen, dass Avastin wegen der (noch) notwendigen Portionierung „durch Anheftung an die Spritzenwand, durch Verklumpung und Brüche im Molekül (…) an Aktivität verlieren (…)“ könne. Wirkeinbußen seien die Folge. Ob dies die berichteten Behandlungserfolge infrage stellt, oder im Gegenteil in Zukunft noch bessere Effekte möglich sind, wird nicht weiter diskutiert.

So enthält das Stück viele interessante Teilaspekte, es fehlt aber eine klare inhaltliche Linie. Es entsteht teilweise der Eindruck, dass Leser einiges an Vorwissen haben müssen, um alles Aspekte zu verstehen. Wir werten knapp nicht erfüllt.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Fehler aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

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