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„Viren vernichten Hirntumor“

„Viren vernichten Hirntumor“

Der Artikel beschreibt eine erste, kleine Studie, in der ein Hirntumor bei Patienten versuchsweise mit Viren therapiert wird. Der Beitrag macht deutlich, dass zum Nutzen noch keine Aussagen möglich sind, wirkt dann aber überfrachtet, weil er zusätzlich noch gentherapeutische Ansätze für Krebstherapien vorstellt.

Zusammenfassung

Erstmals wird eine neue Therapie, bei der Viren (Parvoviren) gegen einen Hirntumor (Glioblastom) eingesetzt werden, in einer kleinen Studie (Phase 1) an Patienten getestet. Der vorliegende Artikel darüber nimmt die Studie zum Anlass auch über andere Versuche zu berichten, bei denen Viren mit anderen Verfahren gegen Krebs eingesetzt werden.

Der Artikel macht deutlich, dass bisher noch keine Aussagen zum Nutzen möglich sind, und es wird deutlich, dass mit der Untersuchung an 17 Probanden zunächst vor allem die Frage der Sicherheit geklärt wird. Auf Risiken und Nebenwirkungen wird insgesamt zu knapp eingegangen. Es kommen lediglich Experten zu Wort, die an den jeweiligen Studien beteiligt sind. Auch finden wir, dass der Artikel insgesamt zu wenig über die Pressemitteilungen hinaus geht; außerdem hätten die vorgestellten Therapien besser in die Forschungslandschaft eingeordnet werden können. Deutlich wird, dass die Therapien für Patienten noch nicht verfügbar sind, die Behandlungsoptionen für das Glioblastom werden klar, ebenso die Tatsache, dass diese Therapie noch nicht klinisch verfügbar ist, sondern lediglich im Rahmen dieser ersten Studie.

Auch wenn das Oberthema „Viren gegen Krebs“ auf den ersten Blick nach einem einheitlichen Thema klingt, wird der Unterschied zwischen den Verfahren nicht deutlich genug. Eine Beschränkung auf eine Studie wäre für Leser hilfreicher gewesen. So reicht es nur zu einem knappen vier Sterne Ergebnis.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Im Text heißt es zum möglichen Nutzen: „Vor zwei Jahren hatte der Wissenschaftler mit Kollegen (…) im Experiment mit erkrankten Ratten nachgewiesen, dass Glioblastome sich durch eine Behandlung mit den Parvoviren bei einem großen Teil der Tiere in kurzer Zeit vollständig zurückbildeten. Eine schädliche Wirkung auf gesunde Zellen zeigte sich dabei nicht.“ Damit wird klar, was die Forscher sich von diesem Ansatz erhoffen: selektive Zerstörung des Tumors durch Viren. Was bei Tieren funktioniert hat, soll jetzt erst bei Menschen getestet werden: „Erst dann können die Forscher erste vorsichtige Aussagen zur Wirksamkeit machen.“ Der Artikel macht deutlich, dass sich das Verfahren noch in einem sehr frühen Stadium befindet.

Fast schon zu zurückhaltend sind die Informationen zum ersten entlassenen Patienten. Es heißt nur sehr allgemein: „Nun hat auch der erste Patient, der mit den Parvoviren behandelt wurde, die Therapie sehr gut überstanden und konnte die Klinik verlassen.“ Das lässt sehr viel Spielraum für Spekulationen.

Bei der Beschreibung der anderen Verfahren wird ebenfalls deutlich, dass noch keine Aussagen zum Nutzen oder zur Wirksamkeit möglich sind, da diese bisher nur an Tieren untersucht wurden.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Auch wenn es sich bei diesen Verfahren in allen Fällen noch um frühe Stadien der Erforschung handelt, und die Sicherheit im Falle des Glioblastom-Therapie erst untersucht werden soll, hätten wir es für wichtig gehalten, dem Thema „Risiken und Nebenwirkungen“ mehr Platz einzuräumen. Im Text heißt es lediglich (für Leser zudem kaum verständlich): „So besteht kein Risiko, dass sie beispielsweise wachstumsfördernde Gene aktivieren.“ (siehe auch Kriterium Journalistische Darstellung). An anderer Stelle heißt es zu einer der gentherapeutischen Ansätze mit Ratten: „Eine schädliche Wirkung auf gesunde Zellen zeigte sich dabei nicht.“ Ob andere Auswirkungen zu erwarten sind, wird in keinem Fall deutlich. Zu dem ersten bereits entlassenen Glioblastom-Patienten wird nur erklärt, er habe „die Therapie sehr gut überstanden“ und die Klinik verlassen. Gibt es keinerlei Erfahrungen aus anderen Experimenten oder Studien? Womit rechnen Mediziner? Gerade bei solchen neuen Therapien sollte das Thema Risiken und Nebenwirkungen ausführlicher behandelt werden.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Das Studiendesign der Glioblastombehandlung wird detailliert beschrieben. Es wird deutlich, das es zunächst nur darum geht, die Sicherheit der Therapie zu überprüfen, und dass dies die ersten Tests überhaupt an Menschen sind, sodass die Aussagekraft sehr eingeschränkt ist: „So darf der nächste Patient erst behandelt werden, wenn der vorherige Patient die Therapie gut überstanden hat. Deshalb vergehen zwischen zwei Behandlungen vier Wochen. Auf diese Weise sollen bis 2013 noch 17 weitere Patienten im Rahmen der Studie behandelt werden. Erst dann können die Forscher erste vorsichtige Aussagen zur Wirksamkeit machen.“ Bei den anderen beschriebenen Verfahren wird deutlich, dass zum Teil noch zahlreiche Untersuchungen notwendig sind, um überhaupt an erste Tests an Menschen zu denken.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen nur an der Studie oder der Forschung beteiligte Mediziner zu Wort. Eine Einordnung durch unbeteiligte Personen findet nicht statt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Abgesehen von den Informationen über Viren übernimmt der Artikel weite Teile der Pressemitteilung zur Parvovirenstudie fast wörtlich, daher werten wir „nicht erfüllt“. Bei anderen Textabschnitten gehen die Informationen ebenfalls nicht über die Pressemitteilungen hinaus, so stammt etwa das Zitat zum Hamburger Gentherapie-Ansatz wörtlich aus der Pressemitteilung des Bundesministeriums.

Möglicherweise stammen einige Informationen aber auch aus älteren Presseartikeln. Eine eigenständige Einordnung der Forschungsansätze über die bloße Ergebnisberichterstattung wie in den zugehörigen Pressemitteilungen können wir aber nicht erkennen.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Artikel macht zwar klar und betont, dass erstmals in Europa Menschen mit Glioblastom im Rahmen einer Studie mit Parvoviren behandelt werden. Damit steht aber für Leser die Frage im Raum, ob es ähnliche Ansätze z.B. in den USA oder Asien gibt und wie weit die Forscher dort sind. Dies bleibt offen. Bei den zusätzlich beschriebenen Gentherapie-Ansätzen werden lediglich die Studienergebnisse referiert. Warum ausgerechnet diese Ansätze vorgestellt werden, wird nicht deutlich. Denn an Gentherapien wird seit etwa 20 Jahren geforscht. Einige Forschergruppen haben auch bereits versucht, mit Hilfe einer Gentherapie das Immunsystem gegen Krebszellen zu aktivieren. Eine Einordnung der im Artikel vorgestellten Ansätze findet nicht statt. Daher werten wir knapp „nicht erfüllt“.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es gibt nur einen halben Satz zu diesem Punkt, der aber deutlich macht, was die gängigen Behandlungsoptionen bei einem Glioblastom sind: „Deshalb sind bisher nur Patienten eingeschlossen, die nach Operation, Strahlen- oder Chemotherapie einen Rückfall erlitten haben und bei denen die herkömmliche Therapie versagt hat.“

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Zum einen wird deutlich, dass sich die meisten der vorgestellten Verfahren bisher noch im Tierversuchsstadium befinden. Zum anderen wird detailliert erklärt, dass das Verfahren gegen Glioblastom bisher nur im Rahmen dieser Studie mit 17 Patienten abgewendet wird, die „austherapiert“ (also zuvor mit klassischen Methoden bereits ohne Erfolg behandelt) sind, und dass auch diese Patienten nur nach einer strengen Reihenfolge therapiert werden: „So darf der nächste Patient erst behandelt werden, wenn der vorherige Patient die Therapie gut überstanden hat. Deshalb vergehen zwischen zwei Behandlungen vier Wochen. Auf diese Weise sollen bis 2013 noch 17 weitere Patienten im Rahmen der Studie behandelt werden. Erst dann können die Forscher erste vorsichtige Aussagen zur Wirksamkeit machen.“

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Sämtliche Ansätze befinden sich noch in frühen Phasen der Erprobung und Erforschung. Daher sehen wir von einer Bewertung dieses Kriteriums ab, auch wenn es durchaus interessant wäre zu erfahren, ob Forscher abschätzen können, in welcher Größenordnung die Kosten solche Virentherapien liegen könnten.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Eine Übertreibung der Schwere des Glioblastoms liegt nicht vor: „Das Glioblastom ist bei Erwachsenen der häufigste bösartige Primärtumor im Gehirn und wächst sehr aggressiv. Jedes Jahr erkranken etwa 3500 Menschen in Deutschland. Der Erfolg mit herkömmlichen Behandlungsmethoden ist äußerst unsicher. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt unter fünf Prozent.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Neue Ansätze der Krebsforschung sind für viele Leser per se interessant. Ausgerechnet ansonsten krank machende Viren zu nutzen, um Krebszellen abzutöten – das ist ein ungewöhnlicher und interessanter Forschungsansatz, der neugierig macht. Aktuell ist das Thema insofern, als die erste europäische Studie gerade begonnen hat. Problematisch bei der Themenauswahl ist, dass das Thema sehr weit gefasst ist und über zwei Forschungsrichtungen berichtet, die – abgesehen von der Nutzung von Viren gegen Krebs – wenig miteinander zu tun haben. Daraus ergeben sich Probleme für die Verständlichkeit des Artikels (siehe Kriterium Journalistische Darstellung.).

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Artikel besteht im Grunde aus zwei Teilen. Der erste Teil, in dem die experimentelle Glioblastombehandlung mit Parvoviren ausführlicher dargestellt wird, ist zum Teil verständlich geschrieben. Nur auf diesen Teil beziehen sich der Titel und der Vorspann. Die Besonderheiten von Viren im Allgemeinen – und Parvoviren im Besonderen werden erklärt. Mit kräftigen Bildern wird versucht, den Beitrag lebendiger zu gestalten; ob sie jeder Leser angemessen findet, ist wohl eher Geschmacksache, („parasitäre Moleküle“, „molekulare Kampfmaschinen“). Der Text nutzt einfache Sätze; Fachausdrücke werden auch erklärt. Allerdings wird überhaupt nicht klar, warum die Tumoren durch die Viren absterben, es heißt nur etwas abstrakt: „Dazu klinken sie sich nach einer Infektion geschickt in das zelluläre Wechselspiel zwischen Information und Funktion ein (…).“ Ebenso wird nicht deutlich, was der folgende Vorteil der Parvoviren eigentlich bedeutet: „So besteht kein Risiko, dass sie beispielsweise wachstumsfördernde Gene aktivieren.“ Dies besagt nämlich, dass die Viren womöglich keinen weiteren Krebs auslösen werden. Leser werden dies aber nicht verstehen.

Anstatt den Raum zu nutzen und mehr Informationen und Einordnung der Glioblastom-Therapie zu liefern, zählt der Beitrag dann neue Gentherapieansätze auf. Es wird aber nicht ausreichend klar, dass Viren hier lediglich als Transportmittel genutzt werden, um zusätzliche genetische Informationen in Zellen des Körpers einzuschleusen.

Warum ausgerechnet diese beiden Gentherapie-Ansätze vorgestellt werden, bleibt zudem unklar, schließlich wird seit Jahren an Gentherapien gegen Krebs geforscht. Auf Probleme, die bei anderen Gentherapieansätzen aufgetreten sind, geht der Artikel – wenn man diese Therapieform schon zusätzlich thematisieren möchte – dann zu wenig ein.

Für die Vermittlung der wesentlichen Aspekte wäre es unserer Meinung nach besser gewesen, sich auf das erste Thema zu konzentrieren, als den Artikel mit zu vielen Informationen zu verschiedenen Therapieansätzen aufzufüllen.

Daher werten wir alles in allem „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine bedeutenden Faktenfehler aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt

VN:R_U [1.9.10_1130]
Rating: 0.0/5 (0 votes cast)

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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