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„Hauptsache Baby“

„Hauptsache Baby“

Ein ausführlicher Artikel der F.A.Z. beleuchtet die Sorgen und Erwartungen verschiedener Paare, die sie mit der Pränataldiagnostik verbinden. Ethische Aspkete und die Beweggründe der Paare verdeutlicht der Text gut, einige wichtige konkrete Aspekte zum Praena-Test kommen indes zu kurz.

Zusammenfassung


Der lange Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus dem März 2017 schildert die Auseinandersetzungen verschiedener Paare mit dem Thema Schwangerschaft, Geburt und Pränataldiagnostik. Dabei wird mehrfach auf den Praena-Test verwiesen. Die Aussagekraft des Tests wird dabei nur unvollständig wiedergegeben, auch das Thema Risiken und Nebenwirkungen finden wir nicht hinreichend abgehandelt. Es kommen neben verschiedenen Paaren, mehrere Experten zu Wort. Wie alt oder neu der Praena-Test ist, wird nicht erklärt, dafür gibt es hinreichende Informationen zur Verfügbarkeit, möglichen Alternativen und zu den Kosten. Trisomie 21 wird nicht übertrieben dargestellt. Der ausführliche Artikel stellt gut die Situationen und Begründungen der Paare dar, nutzt den Platz für den Text aber zu wenig für konkrete Informationen zum Praena-Test, auch weil stattdessen zu Beginn auf eine Debatte um das Geschlecht des Fötus‘ verwiesen wird, was nur indirekt mit dem Test zu tun hat.

 

Medizin-ExpertIn

Ein interessanter Artikel, dem es bei einigen Aspekten an konkreten Angaben mangelt. … mehr

StudentInnen-Teams

Etwas unstrukturiert beleuchtet der Text gut die ethischen Aspekte, lässt indes wichtige konkrete Angaben vermissen. … mehr

Medizinjournalistische Kriterien

1. Die Aussagekraft und der Nutzen des Tests sind ausreichend und verständlich dargestellt.

In dem Text wird nicht hinreichend deutlich, welche Aussagekraft Praena-Test eigentlich hat. Zwar wird richtig beschrieben: „(…) die Entdeckungsraten für das Down-Syndrom durch den Test lägen bei mehr als 99 Prozent (…)“ Dieser Wert gibt indes nur die Sensitivität an, also die Fähigkeit des Tests, Betroffen auch als Betroffene zu erkennen. Es fehlt die Angabe, wie gut der Test Nicht-Betroffene tatsächlich auch als „Nicht-Betroffene“ zu erkennen (die Spezifität).
Zudem erweckt der Artikel den Eindruck, diese hohe Quote gelte auch für die Erkennung weiterer Trisomien: „ (…), der die Trisomien 13, 18 und 21 fast immer erkennt.“ Das IQWiG schreibt aber etwa dazu: „Für die Erkennung der Trisomien 13 und 18 konnten jeweils die Sensitivität und Spezifität nicht robust geschätzt werden, liegen in der Sensitivität aber vermutlich niedriger.“
Der Nutzen wird nur implizit erwähnt, ebenso die spezielle Situation bei der Pränataldiagnostik: Während im Ultraschall primär Fehlbildungen entdeckt werden sollen, die dann operiert werden können (Nutzen für das Kind), kann die „therapeutische“ Konsequenz eines positiven Praena-Tests eine Abtreibung sein (Nutzen für die Eltern, Schaden für das Kind). Im Text wird eher die moralische Abwägung thematisiert, die mit Abtreibung vs. Leben mit behindertem Kind einhergeht.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Es wird nur allgemein deutlich, dass die Diagnose mit Unsicherheiten behaftet sind. An direkten Schäden wird bei der Fruchtwasseruntersuchung das „geringe Fehlgeburtsrisiko“ erwähnt, ansonsten wird davon ausgegangen, dass die Tests die richtige Diagnose stellen. Es fehlt jede Überlegung, zu welchen Schäden für Eltern und Kind es kommen kann, wenn etwa aufgrund einer falsch-positiven Diagnose abgetrieben wird, oder wenn aufgrund eines falsch-negativen Ergebnisses nicht abgetrieben oder eingegriffen wird.
Positiv ist: Der Test erklärt, dass auf einen (positiven) pränatalen DNA-Test eine Fruchtwasseruntersuchung erfolgt, die mit einem erhöhten Risiko auf Fehlgeburten einhergeht. Wir werten daher alles in allem nur knapp „nicht erfüllt“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Wie gut der Praena-Test (oder auch andere Verfahren) in Studien untersucht wurden, wie gut also die Aussagen zur Aussagekraft und zu Nutzen und Risiken der Tests belegt sind, erfahren Leser nicht.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es werden verschiedene Experten zitiert (Leiter der Pränataldiagnostik einer Universitätsklinik, der stellvertretende Verbandsvorsitzende der Frauenärzte), die auch etwas zur diagnostischen Güte sagen.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Wir haben dazu keine Pressemitteilung gefunden, haben aber ausreichend Hinweise dafür, dass eine Pressemittelung nicht die einzige Quelle war.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/der Test wirklich ist.

Wie alt oder neu der Praena-Test ist, wird nicht recht klar.

7. Es werden ALTERNATIVE Tests vorgestellt.

Es werden zwei wesentliche Alternativen genannt: das Ersttrimesterscreening und die Fruchtwasseruntersuchung, allerdings nicht die Chorionzottenbiopsie. Es werden auch Vor- und Nachteile erwähnt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein Test VERFÜGBAR ist.

Der Text macht deutlich, dass pränatale Bluttests und auch die anderen Verfahren z.B. über die Frauenarztpraxis verfügbar sind.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Artikel benennt „mehrere hundert Euro aus der eigenen Tasche für den oben erwähnten Bluttest“. Das reicht insofern aus, da der Test tatsächlich nicht zum Festpreis angeboten wird, sondern einer Spanne unterliegt. Deutlich wird auch, dass diese Kosten selbst zu tragen sind, und dass zum Zeitpunkt des Artikels (März 2017) untersucht wurde, ob die Kosten von Krankenkassen übernommen werden sollten. Dass es auch zum Zeitpunkt des Artikels schon Krankenkassen gab, die die Kosten übernahmen, erfahren Leser nicht.
Zu anderen Pränatalverfahren heißt es: „Die regulären, von der Krankenkasse bezahlten Ultraschalluntersuchungen hat die 33 Jahre alte Schauspielerin in Anspruch genommen, das sogenannte Ersttrimester-Screening im ersten Drittel der Schwangerschaft nicht. Das Screening ist eine individuelle Gesundheitsleistung, für die Patienten selbst zahlen müssen.“
Positiv ist auch zu werten, dass die Situation derjenigen berücksichtigt wird, die sich den Test nicht leisten können: „Was ist mit denen, die vielleicht einen Test nicht machen lassen, weil sie ihn nicht bezahlen können?“

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Das Leben mit einem behinderten Kind oder die Folgen einer Fehlbildung werden nicht dramatisiert.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Zumindest das schwebende Verfahren der Kostenübernahme des Praena-Tests durch die Kassen verleiht dem Text eine gewisse Aktualität. Fast alle werdenden Eltern stehen vor den hier angeschnittenen Fragen, insofern ist der Text auch relevant.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text führt den Leser zunächst völlig von der eigentlichen Thematik des Textes weg. Statt deutlich zu machen, dass der pränatale Bluttest erstmals nur anhand einer Blutprobe der Mutter schon recht früh in der Schwangerschaft Fehlbildungen des Ungeborenen nachweisen kann, wird über einen „gefühlten“ Trend gegen das frühe Wissen um das Geschlecht des Kindes berichtet. Sogar von „möglichst wenig in die natürliche Entwicklung des Fötus eingreifen“ und „das Baby einfach wachsen lassen“ ist die Rede – als ob es um Eingriffe ginge, nicht die Diagnose. Positiv ist, wie die verschiedenen Motivationen, Hintergründe und Entscheidungen der verschiedenen Paare für oder gegen eine Pränataldiagnostik nachvollziehbar dargestellt werden.
Hinzu kommen auch verschiedene Stellen, die schwer verständlich sind, etwa zum Ersttrimesterscreening: „Dabei wird mütterliches Blut abgenommen und gemessen, ob sich unter der Haut des Fötus im Nackenbereich viel Flüssigkeit angesammelt hat. Unter anderem anhand der Nackenfalten-Transparenz, des Alters der Mutter und ihrer Blutwerte wird dann errechnet, ob statistisch ein erhöhtes Risiko für eine Chromosomen-Abweichung besteht.“ Es bleibt auch unklar, dass die Nackenfalten-Transparenz eine Ultraschall-Diagnostik ist, die ergänzend zur Blutuntersuchung bestimmter Schwangerschaftshormone, die bei trisomalen Embryonen verändert sein können, stattfindet.
Handwerklich unzureichend sind auch Aussagen bzw. Zitate, bei denen nicht klar wird, ob es sich um belastbare Zahlen handelt, die verallgemeinerbar sind, oder nur um Schätzungen eines Arztes: „Klaus König schätzt, dass nur etwa zehn Prozent seiner Patientinnen keine Pränataldiagnostik in Anspruch nähmen.“

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Eine Ungenauigkeit ist uns aufgefallen: Im Artikel heißt es: „ (…) dass der Frauenarzt bis zur 14. Schwangerschaftswoche das Geschlecht des Kindes gar nicht verraten darf.“ Das Geschlecht darf indes bereits ab der 13. Schwangerschaftswoche mitgeteilt werden, außer es gibt eine medizinische Notwendigkeit für eine frühere Diagnose.
§ 15, Gendiagnostikgesetz: „Wird anlässlich einer Untersuchung nach Satz 1 oder einer sonstigen vorgeburtlichen Untersuchung das Geschlecht eines Embryos oder Fötus festgestellt, kann dies der Schwangeren mit ihrer Einwilligung nach Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche mitgeteilt werden.“ Wir werten daher nur knapp „erfüllt“.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Zusammenfassung

Bewertung Medizin-ExpertIn

Die Aussagekraft des Tests wird nur zur Hälfte erläutert, negative Folgeerscheinungen und die Verunsicherung werden deutlich, nicht aber, dass solche Tests auch falsche Ergebnisse liefern. Wie gut die Belege für die Aussagen der Ärzte und Experten sind, bleibt völlig offen, da keine Studien erwähnt werden. Wie neu der Test tatsächlich ist, wird nicht erklärt. Sehr positiv ist der Hinweis, dass es auch ein Recht auf Nichtwissen gibt, dass also keiner der Tests gemacht werden muss. Es wird deutlich, wo der Test verfügbar ist und dass er (zum Zeitpunkt des Artikels) noch selbst bezahlt werden muss, aber es wird nicht erklärt, wie viel er oder andere Verfahren kosten. Trisomie 21 wird nicht übertrieben dargestellt. Die sozialen bzw. familiären Aspekte werden gut beschrieben durch die unterschiedlichen Fallbeispiele und machen den Artikel interessant. Manche Überleitungen erscheinen etwas weit hergeholt, etwa vom Thema des Geschlechts des Kindes zu Beginn des Textes zu vorgeburtlichen Eingriffen und Tests. Der Artikel ist durchaus verständlich, aber wichtige statistische Werte werden leider nicht erklärt.

Bewertung StudentInnen-Teams

Die Aussagegenauigkeit wird nicht hinreichend deutlich. Mögliche Probleme werden nicht heruntergespielt, vielmehr wird deutlich, dass ein Bluttest auch für Verunsicherung und Zweifel sorgen kann. Indes wird das Thema falscher Ergebnisse nicht ausreichend konkret beleuchtet. Es kommen mehrere Experten zu Wort, indes wird nicht auf Studien verwiesen, womit unklar bleibt, wie gut Aussagen zum Praena-Test belegt sind. Wie neu der Praena-Test ist, bleibt offen. Es wird deutlich, was das Neue des Tests ist. Auf Alternativen wird eingegangen und auch der Kostenaspekt wird hinreichend erläutert. Trisomie 21 wird nicht übertrieben dargestellt, indes wird nicht erklärt, wie selten sie vorkommt. Ein aktueller Anlass für eine Tageszeitung ist nicht erkennbar, eine angebliche Diskussion zum Geschlecht des Kindes erscheint wie eine Schein-Relevanz. Unterschiedliche Meinungen von Eltern und Ärzten wechseln sich ab und die Informationen zum Praena-Test werden ungeordnet immer wieder eingeworfen. Insgesamt ist der Artikel unstrukturiert. Der Artikel legt großen Wert in der Darstellung ethischer Aspekte, die über die verschiedenen Szenarien und Konflikte der Paare angesprochen werden.
(Einzelwertungen der Teams: 2, 4 Sterne)

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