Sprechstunde

Wie Medien und Mediziner das Frühstück zum Lebensretter ausriefen (Nachtrag 1.8.)

Es ist ein Spruch, den wir von Muttern kennen: „Junge, Du musst doch was essen. Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag.“ Spätestens seit vergangener Woche kann sie dem Sohn oder der Tochter ihrem Rat auch gleich Ausdrucke zahlreicher Tageszeitungen oder Online-Medien mit dem Hinweis beilegen:“Siehste, habe ich doch immer gesagt. Jetzt haben das auch Wissenschaftler rausgefunden.“

Zum Beleg gibt es dann zum Beispiel Folgendes (zum Beispiel bei n-tv, Augsburger Allgemeine, Bunte.de, Focus Online, stern.de (aber siehe ganz unten), t-online (AFP) u.v.a und selbst beim Deutschen Ärzteblatt):

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Wer wollte angesichts solcher Überschriften noch sein morgendliches Ritual aus Kaffee und Kaffee (und vielleicht noch einer Zigarette) nicht nochmal überdenken? 

Nur: Was nach sicherer Erkenntnis aussieht, erweist sich bei genauerer Betrachtung als altbekanntes Problem in der Gesundheitsberichterstattung.

Journalisten (und wir Leser natürlich auch) lieben klare Ansagen, was die Ursache für was ist. In diesem Fall: ohne Frühstück – krankes Herz; mit Frühstück – gesundes Herz. Beweis: Medizinische Studie.

Das Problem ist: Wieder einmal stellen die Artikel einen kausalen Zusammenhang her, obwohl ein solcher mit einem solchen Studiendesign nicht herzustellen ist (hatten wir zum Beispiel hier bereits thematisiert). Ob das Risiko für Herzerkrankungen tatsächlich durch den Verzicht auf das Frühstück erhöht wird, lässt sich auf die Art, wie die Forscher das untersucht haben, nur sehr, sehr schwer herausfinden – wenn überhaupt.

Es handelt sich um den Studientypus einer Beobachtungsstudie, der sehr oft zu finden ist, wenn es um Ernährungsempfehlungen geht (mehr zum Thema Studientypen und deren Aussagekraft erklären wir zum Beispiel hier (pdf), hier und hier (pdf)).

In diesem Fall (Studie als pdf) wurden rund 26.000 Studienteilnehmer regelmäßig über viele Jahre nach ihren Essgewohnheiten und Lebensumständen befragt. Danach schauten sich die Mediziner einen Zeitraum von 16 Jahren an, um herauszufinden, ob sie irgendwelche auffälligen Muster entdecken (natürlich nicht völlig wahllos, sondern durchaus begründet).

So zeigt sich, dass bei den Teilnehmern, die als junge Männer regelmäßig auf das Frühstück verzichteten (und am Abend zuvor spät und üppig gegessen hatten), in späteren Jahren mit größerer Wahrscheinlichkeit an eine Herz-Kreislauferkrankung litten.

Das Problem ist: Das könnte so sein, aber es könnte auch an anderen Faktoren liegen. In dieser Art von Studie schauen die Mediziner ja nur, wo sie Unterschiede finden (Männer mit Herz-Kreislauferkrankung vs. Männer ohne Herz-Kreislauferkrankung), und suchen dann nach anderen Unterschieden, die den ersten Unterschied möglicherweise erklären könnten (z.B. Männer ohne Frühstück vs. Männer mit Frühstück).

Viele unbekannt Faktoren

Es gibt aber noch andere Faktoren, die den Unterschied bei den Herz-Kreislauferkrankungen hervorrufen, wie etwa das Alter, Bewegungsmangel, Rauchen oder Stress. Diese lassen sich statistisch zwar heraus rechnen, sodass ihr Anteil als Ursache für das erhöhte Erkrankungsrisiko rausfliegt. Doch dabei gibt es ein Problem, auf das Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg hinweist (er hatte uns per E-Mail auf die Frühstücks-Berichterstattung hingewiesen):

„Es ist völlig klar, dass in einer solchen Kohorte [Untersuchungsgruppe, Anm. d. Redaktion] eine Fülle von Faktoren einen Einfluss haben, die sich unter Lifestyle und soziale Faktoren subsumieren lassen und die nicht messbar sind und damit auch nicht für die statistische Anpassung zur Verfügung stehen.“

Diese Begleitfaktoren (Confounder) sind jedoch entscheidend für die Aussagen aus der Studie, so Antes per E-Mail. Die Problematik werde an einer Stelle im Fachartikel angesprochen, kurz vor Ende der Diskussion, schreiben die Mediziner:

„Even though we did have repeated dietary assessment over the follow-up period, we cannot
exclude the possibility of unmeasured confounding. (…)“

Angesichts solcher Unbekannten findet Gerd Antes: Aus diesem Gebilde von untrennbaren Faktoren jetzt das Frühstück herauszupicken, ist natürlich abenteuerlich.“

Vor allem stört ihn, dass die Mediziner selbst aus ihrer Arbeit eine allgemeine Empfehlung für die Bevölkerung machen, obwohl die untersuchte Gruppe nur Angehörige von Gesundheitsberufen umfasste, die sich generell gut ernährten.

Publikationsbias: Nur gute Studien

Die Mediziner haben aber noch einen weiteren, an sich wichtigen Grund, ihre These von der Bedeutung des Frühstücks zu halten. Im Guardian werden sie wie folgt zitiert:

„We realise this is only an observational study, but what we’re seeing is probably more causation than correlation – if only because there’s a whole body of literature now that suggests a biological phenomenon related to skipping breakfast.“

Was diesen „body of literature“ ausmacht, welche Art von Studien dazu zählen – gut gemachte, aussagekräftige Studien oder Tests mit Laborraten – erfahren Leser nicht.

Gerd Antes weist darüber hinaus auch noch auf ein anderes grundsätzliches Problem hin:

„Es ist genau dieser „whole body of literature“, bei dem jetzt die inzwischen gut bekannten Mechanismen zuschlagen (insbesondere die Verwerfungen im Publikationsprozess) und ein Bild erzeugen, dass vermutlich weit davon entfernt ist, vollständig zu sein. Solche Arbeiten haben einen extrem hohen Publikationsbias, weil sie weder durch die Ethikkommission gehen noch registriert werden – zumindest ist davon nichts erwähnt – so dass alle unspektakulären Ergebnisse einfach weggeworfen werden.“

Weil nur die Ergbnisse mit eindeutigen und positiven Ergebnissen veröffentlich werden (oder von Forschern überhaupt zur Veröffentlichung an Fachzeitschriften versendet werden, eben weil negative Ergebnisse von den Fachtzeitschriften seltener publiziert werden), kann man sich als Mediziner dann mit seinem Ergebnisse auf all die anderen „positiven“ Ergebnisse stützen, die alles wunderbar bestätigen. In solchen Fällen wäre es also wichtig nach konkreten Studien zu fragen, um herauszufinden,  was dieser „body of literature“ umfasst.

Journalisten müssen bei der Berichterstattung über solche Studien sehr auf ihre Wortwahl achten. Sätze wie: „Frühstück schützt vor Herzinfarkt“ oder ähnliches stellen einen klaren kausalen Zusammenhang her, für den das Studiendesign aber gar nicht gemacht ist. Andererseits stellt sich dann die Frage: Wenn das alles nur vage ist, warum dann überhaupt berichten?

Antes sieht die Schuld für solche Meldungen aber nicht alleine bei den Journalisten:

„Der Artikel und die mediale Verarbeitung ist ein weiteres sehr gut geeignetes Beispiel für schlechte oder überflüssige Forschung, schlechte Begutachtung in der Zeitschrift, schlechte Förderpolitik (NIH und Canadian Institutes of Health Research gefördert) und schlechte mediale Verarbeitung.“

Die Meldung war übrigens auch bei stern.de zu finden. Inzwischen wurde sie entfernt:

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Zusatz: 

Was das Problem mit solchen Studien ist, erklärt ein Leser des Guardian-Artikel in seinem Kommentar: 

„It is statistically true that brightly colourful cars are involved in proportionately more accidents than more sombre blacks, navy blues, greys and silvers, so does that mean it is the light colours causing the accidents? Of course not – it is simply that bright colours are more usually found on small cars and that new drivers tend to start in small cars and have proportionately  more accidents than experienced drivers in larger, more sombre-colored cars.“

Nachtrag 1.8.:

Das generelle Problem in der Ernährungsforschung beschreibt Hanno Böck in Telepolis auf heise.de  sehr schön in seinem Artikel zum Thema:

„Die hier vorliegende Studie ist ein Beispiel für die Schwierigkeiten, die Auswirkungen von Ernährungsgewohnheiten auf spätere Erkrankungen zu untersuchen. Medikamente werden üblicherweise in sogenannten randomisierten Doppelblindversuchen getestet. Dabei teilt man möglichst vergleichbare Patienten zufällig in Gruppen ein und vergleicht ein zu testendes Medikament mit einem Placebo, also einer wirkungslosen Pille.

Erfolgt die Zuteilung der Patienten zu den Gruppen wirklich zufällig, sind Confounder ausgeschlossen, denn es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Lebensgewohnheiten der Studienteilnehmer und der Frage, ob sie in der Placebo- oder der Medikamentengruppe landen. Ähnliches ist bei Ernährungsgewohnheiten unmöglich. Es scheitert schon daran, dass niemand ein Placebo-Frühstück essen kann, ohne es zu merken. Auch ist es schwierig, zufällig ausgewählte Menschen dazu zu bewegen, über einen längeren Zeitraum bestimmten Ernährungsgewohnheiten zu folgen.

Das führt ganz grundsätzlich dazu, dass es sehr schwierig ist, in der Ernährungsforschung zu soliden Studienergebnissen zu kommen. Von den vielen Empfehlungen zur gesunden Ernährung sind nur sehr wenige mit guter Evidenz belegt. Die Schwierigkeit zeigt sich auch darin, dass bei vielen Menschen der Eindruck entsteht, die Wissenschaft wisse nicht, was sie wolle. Empfehlungen von einst gelten heute als überholt und sich widersprechende Empfehlungen sind nicht selten.“


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