Sprechstunde

Wer zu spät kommt, den belohnt die Presse

Presseartikel berichten über eine Studie, die zeigen soll, dass Tamiflu und vergleichbare Grippemittel die Zahl der Todesfälle im Fall der „Schweinegrippe“-Pandemie senken können. Die Studie war bereits drei Monate zuvor erschienen. Auslöser war eine verspätete Pressemitteilung. Kritik an der Untersuchung, die in den Monaten nach der Veröffentlichung geäußert worden war, wurde völlig ausgeblendet – in den Presseberichten wie in der Pressemitteilung. Ein prägnantes Beispiel für die Probleme in der Wissenschaftskommunikation.

Wer die Diskussion um die Grippemittel Tamiflu und Relenza (sog. Neuraminidashemmer) einigermaßen verfolgt hat, der merkte in der vierten Juni-Woche erstaunt auf. In einigen österreichischen Medien verkündeten Artikel: „Wirksamkeit von Tamiflu nachgewiesen“ (Salzburger Nachrichten), „Wirksamkeit von Tamiflu in internationaler Studie nachgewiesen“ (Standard.at). „Tamiflu: Umstritten, aber es wirkt“ (ORF.at). Danach zeige – im Gegensatz zu einer großen Übersichtsarbeit der unabhängigen Cochrane Collaboration – eine internationale Studie im Fachmagazin Lancet Respiratory Medicine, dass die Grippemittel die Sterberate bei H1N1-Influenza (besser bekannt als „Schweinegrippe“) deutlich senken könne. Eine erfreuliche Nachricht für alle, die es für sinnvoll halten, große Menge der Mittel für den Fall einer Pandemie zu bevorraten (was derzeit in vielen Ländern gemacht wird).

Wer die Artikel genauer liest, dem kommt indes einiges bekannt vor. Die Angaben zur Studie erinnern stark an eine Untersuchung, die ebenfalls im Fachmagazin Lancet Respiratory Medicine ziemlich genau drei Monaten zuvor veröffentlicht worden war. Gab es eine neue Studie, die die Ergebnisse der März-Untersuchung bestätigten? Mitnichten. Das Paper, über das die Presse im Juni „brandaktuell“ berichtete, war genau das aus dem März, nur mit dreimonatiger Verspätung. Aktualität sieht anders aus.

Wenn es in diesem Fall nur um eine verschlafene Berichterstattung ginge, wäre er keiner Erwähnung wert (Slow Media entwickelt sich ja gerade zum nächsten „heißen Scheiß“ ). Doch das Beispiel dieser Studienberichterstattung hat etwas von einem Schulbuchbeispiel dafür, was alles falsch läuft in der Wissenschafts-PR und in der gesamte Informationskaskade vom wissenschaftlichen Fachartikel bis zum journalistischen Beitrag (die wir hier erforschen), also der Wissenschaftskommunikation in toto, die zuletzt auf drei Veranstaltungen das große Thema war (unter den Stichworten #siggen, #wöm und #wowk14).

Das Fatale in diesem Fall ist: Wer sich über diese journalistischen Artikel und die Pressemitteilung über die Studie informieren will, muss den Eindruck bekommen, dass die Untersuchung über jeden Zweifel erhaben ist. Kritik daran findet sich keine. Kein einziger Aspekt, der hier, hierhierhierhierhierhierhier oder hier in den Wochen nach dem Tamiflu-Paper an der Studie kritisiert wurde, („Statistical and methodological concerns about the beneficial effect of neuraminidase inhibitors on mortality“) hat den Weg in einen der Beiträge gefunden. Als wären die drei Monate zuvor in einer Raum-Zeit-Verschränkung verloren gegangen.

Wie konnte das passieren? 

Anlass: Verspätete Pressemitteilung

Zwar stellten einige der verspäteten Medien Links zur Originalstudie bereit, doch dass die Veröffentlichung aus dem März stammt, findet sich in keinem der Artikel (ob absichtlich oder aus Versehen, wer weiß das schon?).

Dafür macht Salzburg.com (Salzburger Nachrichten) im Artikel am Dienstag (24. Juni) kenntlich, was der vermeintlich aktuelle Anlass für die Journalisten war: „Das berichtete die MedUni Wien am Montag.“ heißt es in der Meldung.

Auslöser der Flauschberichterstattung zur Wirksamkeit von Tamiflu und Relenza war – wie leider all zu oft – nicht der wissenschaftliche Fachartikel, sondern eine Pressemitteilung der Medizinischen Universität Wien vom 23. Juni 2014. Kann man machen.

Dieser Pressetext verkündet über die eigene Uni-Webseite und die üblichen Kanäle (unter anderem über die Pressemitteilungsplattform Apa.at, die auf die Meldung auch über Twitter hinweist): „Wirksamkeit von Tamiflu nachgewiesen“ (Fun Fact: nur auf der Uni-Webseite heißt es übrigens (inzwischen?): „Wirksamkeit des umstrittenen Influenza-Medikaments Tamiflu nachgewiesen.“).

Im Pressemitteilungstext selbst heißt es dann:

„konnten (…) nachweisen, dass die Einnahme von Neuraminidasehemmern die Mortalität bei den Betroffenen um 20 Prozent senkt – und zwar unabhängig vom Zeitpunkt der Einnahme. (…) 

Vollmundig behauptet der Text:

„Damit konnten die internationalen Wissenschafter (…) auch eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration widerlegen, die Tamiflu eine sehr schwache Wirkung zugeschrieben hatte.“

Der Artikel schränkt zwar auch ein:

„Neuraminidasehemmer sind keine Wundermedikamente.“

Kommt aber letztlich zu dem Schluss:

„Daher sei aus Sicht der öffentlichen Gesundheit eine vorbeugende Lagerung von Neuraminidasehemmern für den möglichen Ernstfall gerechtfertigt.“

Generelle Kritik an der Studie? Keine. Informationen zu konkreten Einschränkungen der Aussagekraft der Studie? Fehlanzeige? Angaben zur Finanzierung durch den Tamiflu-Hersteller? Auch nicht. Im März, im April, im Mai und zuletzt im Juni, noch eine Woche bevor die Medizinische Universität Wien die Pressemitteilung herausgab, hatte es ausführliche und konkrete Kritik an der Studie und ihrer Aussagekraft gegeben (siehe Links oben, zusammengefasst bei unseren Kollegen von medizin-transparent.at). Doch die Pressemitteilung tut so, als wäre diese nicht existent. Und fast unvermeidlich erscheint es in dieser Geschichte, dass diese Informationen natürlich auch in den Medienberichten fehlen, die die Pressemitteilung als Anlass nahmen und teils mehr oder weniger kopierten.

Man mag anmerken, dass es nicht Aufgabe der Pressestelle ist, in einer Pressemitteilung auf Kritikpunkte einzugehen (denn eine Pressemitteilung wird von vielen immer noch nur als Marketinginstrument betrachtet). Das sei schließlich die Aufgabe der Journalisten. Nur: Dass man sich darauf nicht verlassen kann, zeigt nicht nur dieses Beispiel. Hinzu kommt: Diese Argumentation über den journalistischen Filter stammt aus einer Zeit, die lange zurück liegt; genau genommen, aus der Prä-Internetzeit, als Pressemitteilungen ausschließlich über einen geschlossenen Kanal von Pressestellen an Journalisten verteilt wurden (Post oder Fax), Journalisten als Filter funktionierten und die Öffentlichkeit außen vor war. Doch diese Zeit ist längst vorbei. Pressestellen schreiben letztlich für dasselbe Publikum wie Journalisten (auch wenn die Verfasser (ob Pressestellen-Mitarbeiter oder engagierte freie Journalisten) doch oft nur den Journalisten vor dem inneren Augen haben, wie mir verschiedene Mitarbeiter auf Nachfrage erzählten).

Die Öffnung in die Öffentlichkeit begrüßen natürlich auch Pressestellen von Forschungseinrichtungen und Universitäten (Stichworte Reichweite und direkte Zielansprache der Endnutzer). Die Folge ist, dass sie ihre Pressetexte seit Jahren über jeden erdenklichen Kanal verbreiten, ob Plattformen für Pressemitteilungen (wo die Texte über Jahre zugänglich bleiben) oder die sozialen Medien (wo sie weiter verbrietet werden). Jeder – vom Journalisten bis zum Laien – kann heute diese Texte lesen, die früher einmal Journalisten vorbehalten waren.

Unter einem Marketinggedanken ist die Öffnung zur breiten Öffentlichkeit hin durchaus ein attraktiver Aspekt des Internets und der offenen Kommunikation. Dass diese Öffnung hin zu Medienlaien aber eventuell auch Folgen für die Art der „Berichterstattung“ durch Pressestellen haben könnte/müsste, dieser Gedanke scheint indes erst allmählich in den Köpfen zu reifen. Das Stichwort heißt: zunehmende Verantwortung. Denn wie schon gesagt: Mit einem Mal erreichen Pressemitteilungen die gleichen Nutzer wie Journalisten, und damit sollte man vielleicht darüber nachdenken, welche ethischen Standards für diese Kommunikation gelten könnte, insbesondere in der Medizinkommunikation (für die es im Pressekodex der Journalisten einen eigenen Paragrafen gibt). Erste Ansätze im Bereich wissenschaftlicher PR finden sich zum Beispiel in der Leitlinie zum Siggener Aufruf (siehe zu der gesamten Problematik auch Artikel bei uns hierhier und hier.)

Dass die Berichterstattung zur Tamiflu-Studie aus dem März so spät ist, merkt man ihr nicht an. Aber wieso ist die Berichterstattung zur Tamiflu-Studie aus dem März überhaupt so spät? 

Auf meine Frage, wieso die Pressestelle erst drei Monate nach der eigentlichen Veröffentlichung in einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit und Journalisten über die Studie informierte, antwortet mir der stellvertretende Leiter der Pressestelle Klaus Dietl:

„Wir wurden von den beteiligten WissenschafterInnen aus unserem Haus im Juni über das Forschungsergebnis informiert und haben danach beschlossen, darüber zu berichten, da das Thema zu diesem Zeitpunkt in Österreich noch nicht aufgegriffen war.“

Meine Nachfrage an den zuständigen Mediziner Heinz Burgmann, warum er erst im Juni die Pressestelle auf die Studie aufmerksam machte, offenbart ein überraschendes Verständnis davon, welche Publikationsform er im Internetzeitalter für die Medien als die scheinbar relevante hält:

„Der Grund der Verspätung liegt bei mir – ich habe erst später die Pressestelle informiert – wollte, dass alles publiziert ist. (…) Der Artikel ist zwar im März erschienen – aber nur online. In der pubmed [Anmerk.: der wichtigsten biomedizinischen Datenbank für Fachartikel aus diesem Bereich] und als Papier [gemeint ist die Druckausgabe des Magazins] gab es ihn erst Ende Mai.)“

Außerdem merkte er an:

„Betreffend Aktualität: es handelte sich um Patienten der Pandemie 2009/10!! dh. 2 Monate mehr machen nicht wirklich den Unterschied.“

Aus Sicht eines Mediziners, der Jahre Arbeit in eine solche Studie steckt, mag das zutreffen. Doch aus Sicht einer informierten Öffentlichkeit in Zeiten des Internets, spielen diese Monate sehr wohl eine Rolle: Denn in dieser Zeit hatten zahlreiche Mediziner ihre Kritik an der Studie bereits geäußert (siehe oben), und sie wurde an mehreren Stellen online veröffentlicht. Nichts davon – nicht der kleinste Hinweis – findet sich dazu in der Pressemitteilung wieder, und auch nicht in den dadurch initiierten journalistischen Artikeln. Als hätte es diese Kritik nicht gegeben.

Durch eine Kombination aus überholtem Verständnis von Wissenschaftskommunikation und journalistischer Schlampigkeit erweist eine akademische Institution und einige Redaktionen ihren Leserinnen und Lesern einen Bärendienst. Es wird Zeit, dass sich was ändert.

(Offenlegung: Medien-Doktor Medizin arbeitet innerhalb des Inka-Projekts mit dem Deutschen Cochrane Zentrum Freiburg zusammen. Ich war an der Erstellung des Siggener Aufrufs und den Leitlinien beteiligt.)


Links:

Medizin-Transparent.at: Tamiflu: Wirknachweis bei Schweinegrippe unglaubwürdig
http://www.medizin-transparent.at/tamiflu-wirknachweis-bei-schweinegrippe-unglaubwuerdig

Muthuri et al. (2014): Effectiveness of neuraminidase inhibitors in reducing mortality in patients admitted to hospital with influenza A H1N1pdm09 virus infection: a meta-analysis of individual participant data 
http://www.thelancet.com/journals/lanres/article/PIIS2213-2600(14)70041-4/abstract

Jefferson et al. (2014): Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD008965.pub4/abstract

Siggener Aufruf (2014): Leitlinie für gute Wissenschaftskommunikation
http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wissenschaftskommunikation/weiterentwicklung/siggener-aufruf/diskussionspapier.html

Holger Wormer, Peter Weingart (2014): Sensation, Sensation!
http://www.medien-doktor.de/medizin/sprechstunde/sensation-sensation

Holger Wormer (2014): Die Kommunikation, die Medien und die Wissenschaftler
http://www.medien-doktor.de/umwelt/exkursion/die-kommunikation-die-medien-und-die-wissenschaftler


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