Sprechstunde

Von Sesamstraße, Selbstbewusstsein und Selbstkritik

Eine Diskussionsrunde auf dem „World Health Summit“ in Berlin bescheinigte dem Journalismus mehr als eine wichtige Rolle beim Thema Gesundheitsinformationen. Lob und Kritik wie sie der Medien-Doktor betreibt, wurde dabei als hilfreich und notwendig erachtet.

Der Macher von Bildungsworkshops zur Sesamstraße, der Präsident des Weltverbands der Wissenschaftsjournalisten und eine preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin aus Kenia: Es war eine illustre Runde, die das Deutsche Ärzteblatt zu einer „Pre-Panel Discussion“ auf dem World Health Summit mit Max-Planck-Wissenschaftler Gerd Gigerenzer, der Ärzteblattredakteurin Vera Zylka-Menhorn und dem Präsidenten des Weltgesundheitsgipfels Detlev Ganten eingeladen hatte. Das Thema: „The Crucial Role of Media in Health Promotion„.

Das (mehrheitliche) Ergebnis, ermittelt per Abstimmung von Referenten und Publikum: Ja, die Rolle der Medien ist neben der Bildung (von der Sesamstraße an aufwärts) auch im Internetzeitalter „crucial“, wenn es um Gesundheitsinformationen geht – wobei offen bleibt, wer „crucial“ für sich eher mit „sehr wichtig“ oder eher mit „entscheidend“ übersetzt hatte.

Immerhin, auch jenseits des kleinen Berliner Abstimmungsergebnisses halten Gigerenzer et al. ein paar härtere (wenngleich schon einige Jahre alte) Daten bereit: Per Befragung von mehr als 10.000 Europäern wurde von ihm und zwei Kollegen die Bedeutung unterschiedlicher Medien für Informationen zu Gesundheitsthemen ermittelt.

Demnach nutzte jeder zweite Deutsche das Fernsehen „manchmal“ oder „häufig“ als Quelle für Gesundheitsinformationen; bei Printmedien war es jeder dritte bis jeder vierte, beim Internet damals noch etwa jeder fünfte. Wenn man als Mediennutzer eine Informationsquelle wahrnimmt, bedeutet das zwar noch längst nicht, dass sie auch tatsächlich eine Wirkung hat; diese Einschränkung gilt aber nicht nur für die Massenmedien.

Und trotz aller Einschränkungen: Während Wissenschaftler bei aller eigenen Selbstbloggerei und –twitterei sonst bisher wenig Zweifel am weiterhin großen Einfluss der Medien haben, sind es manchmal die Journalisten selbst, die die Bedeutung ihrer Rolle angesichts der Konkurrenz aus dem Netz dahinschmelzen sehen. Mehr Selbstbewusstsein würde dem Wissenschafts- und Medizinjournalismus aber gerade in Deutschland gut tun. Unser Tipp: Auf internationalen Treffen mit Kollegen aus dem Ausland sprechen! Denn die schauen fast immer mit einer Mischung aus Neid und Erstaunen nach Deutschland. Und sie sagen einem – wie nun auch in Berlin – ungefähr Dinge wie: „In keinem Land der Welt ist der Wissenschaftsjournalismus so stark wie in Deutschland“.

Das heißt natürlich nicht, dass diese Stärke im trüben Redaktionsalltag bei gekürzten Redaktionsbudgets automatisch Bestand haben wird. Und wahrscheinlich gilt auch: Nur wenn Journalismus zum Thema Medizin und Wissenschaft besser ist als das Rauschen im Netz, hat er eine gute Chance, auch künftig „crucial“ zu bleiben.

Doch wer wirklich besser werden will, kommt ohne (Selbst-)Kritik nicht aus. Dem Selbstbewusstsein der Medien-Doktoren tut es dabei gut, dass die internationale Runde in Berlin mit lobenden Worten für unser kritisches Projekt nicht sparte. Wer konstruktive, gegenseitige Kritik indes immer noch mit „Kollegenschelte“ verwechselt, der sollte sich als Journalist in der Tat Gedanken machen über seine künftige Rolle im Internetzeitalter – oder über einen ganz neuen Job.

LINK:
Vorberichte zum World Health Summit im Deutschen Ärzteblatt
http://www.aerzteblatt.de/pdf/108/42/a2184.pdf

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