Sprechstunde

Von Schönheit, Schwächen – und Stärken

Eine erste Bilanz zum Medizinjournalismus in Deutschland nach 120 Gutachten.

“Quality, Honesty and Beauty” ist ein viel versprechendes Motto für eine wissenschaftliche Tagung – noch dazu, wenn sie in Florenz stattfindet. Und die Schlagworte passen gut zu dem, was der Medien-Doktor im Medizinjournalismus fördern möchte. Auch einige Inhalte der betreffenden Tagung mit dem – dann allerdings etwas sperrigen – Namen „12th International Public Communication of Science and Technology Conference (PCST)“ passen gut zum Medien-Doktor. Immerhin ist das Projekt nicht nur ein Weiterbildungsangebot für alle aktiven und angehenden (Medizin-)Journalisten, sondern auch ein wissenschaftliches Projekt, angesiedelt am Lehrstuhl einer Universität. Konkret: Uns interessiert nicht nur jedes einzelne Fallbeispiel eines guten oder weniger guten medizinjournalistischen Beitrags; uns interessiert auch eine systematische Auswertung der Stärken und Schwächen des Medizinjournalismus insgesamt. Denn nur so kann der Medien-Doktor auf lange Sicht auch gezielt Weiterbildungen, Seminare oder Blattkritiken für jene Journalisten anbieten, die ihre journalistische Qualität immer wieder verbessern möchten – zuletzt erfreulicherweise geschehen bei der Tagung des EbM-Netzwerks oder in der Redaktion der Apotheken Umschau.

Für die Tagung mit dem viel versprechenden Motto zwischen Qualität und Schönheit hat Marcus Anhäuser die ersten 120 Bewertungen des Medien-Doktor (auf der Basis von insgesamt mehr als 240 Einzelgutachten) ausgewertet. Sicherlich, die Datenbasis ist im Vergleich zum Vorbild in den USA noch recht schmal; die wissenschaftlichen PCST-Gutachter haben das eingereichte Tagungspaper aber für gut befunden, sodass wir hier nun kurz einige Eckdaten vorstellen können, wie wir sie auf der Tagung in Florenz gerade erst präsentiert haben.

Ergebnis 1: Der Medien-Doktor ist kein Pranger! 11 mit Null Sternen bewerteten Beiträgen stehen 8 Fünf-Sterne-Beiträge gegenüber – und im Großen und Ganzen hätte Gauß sicherlich seine Freude an der Verteilung gehabt (1-Stern: 19; 2-Sterne: 27; 3-Sterne: 27; 4-Sterne: 28). Interessant dabei: Die in Deutschland gegenüber den Vorgängern im Ausland neu eingeführten drei allgemeinjournalistischen Kriterien führten in 35 Fällen zu einer Abwertung und nur in einem Fall zu einer Aufwertung.

Ergebnis 2: Legt man zum Vergleich mit den Vorgängerprojekten nur die 10 internationalen Kriterien zu Grunde, so zeigt sich lediglich eine wirklich deutliche Abweichung: Während es bei HealthNewsReview in den USA 14 Prozent (zum Zeitpunkt der Abrage n= 1729) aller Beiträge auf 5 Sterne bringen, so sind es beim deutschen Medien-Doktor nur 6 Prozent (n= 120).

Ergebnis 3: So plastisch die Sternebewertungen auch sind, für die eigentliche Analyse der Stärken und Schwächen sind natürlich die Bewertungen der Einzelkriterien viel interessanter. Am häufigsten haperte es nach Meinung unserer Gutachter bei den 120 beurteilten Beiträgen an der Qualität der Belege/Evidenz (75 Prozent „nicht erfüllt“) und der Darstellung des konkreten Nutzens einer medizinischen Anwendung (74,2 Prozent „nicht erfüllt“). Viel zu selten wurden demnach auch Nebenwirkungen ausreichend erwähnt (72,5 Prozent „nicht erfüllt“). Weniger zu bemängeln gab es indes bei der Frage, ob ein Beitrag über eine Pressemitteilung hinaus geht (24,2 Prozent „nicht erfüllt“) oder ob sich Autor und Redaktion zum Bewerben einer Krankheit („Disease Mongering“) hinreißen ließen (11,7 Prozent „nicht erfüllt“). Auch an der journalistischen Themenauswahl gab es nur in wenigen Fällen Kritik (15 Prozent „nicht erfüllt“).

 

Ergebnis 4: Im Vergleich zu den USA und Australien kann man sagen: Die gravierendsten Mängel scheinen in allen drei Ländern ähnlich zu sein. Auch dort gehört die Darstellung des Nutzens, der Nebenwirkungen und der Evidenz für eine medizinische Anwendung zu den häufigsten Mängeln – wobei man sich in Australien vor allem bei den Nebenwirkungen sogar noch schwerer tut als in Deutschland. Interessanter Unterschied: Wer glaubt, deutsche Journalisten wären angesichts der unterschiedlichen Finanzierung der Gesundheitssysteme weniger kostenbewusst in ihrer Berichterstattung, sieht sich getäuscht: Während die deutschen Medien-Doktor-Gutachter das Kriterium „Kosten“ in 46 Prozent der Fälle als „nicht erfüllt“ werteten, waren es in Australien 64 Prozent und in den USA sogar 77 Prozent. Eines setzen wir bei diesem Vergleich natürlich voraus: Dass die deutschen Gutachter beim Punkt „Kosten“ wie auch bei den anderen Kriterien ähnliche Maßstäbe anlegen wie ihre Kollegen aus den USA und Australien. (Vergleichsdaten aus: (USA) Schwitzer G (2008) How Do US Journalists Cover Treatments, Tests, Products, and Procedures? An Evaluation of 500 Stories. PLoS Med 5(5): e95; (Australien) Wilson A, Bonevski B, Jones A, Henry D (2009) Media Reporting of Health Interventions: Signs of Improvement, but Major Problems Persist. PLoS ONE 4(3): e4831)

Ergebnis 5: Die Medien-Doktor-Gutachter sind sich erstaunlich oft einig! Dies hatten wir im Sinne der Qualitätssicherung bereits nach 70 begutachteten Beiträgen evaluiert. Demnach urteilten die beiden Gutachter, die jeweils den gleichen Beitrag bewerten mussten, in 77 Prozent der Fälle identisch oder mit nur einem Stern Unterschied. Um mehr als zwei Sterne unterschied sich keine einzige Bewertung.

Fazit: Ob der Medizinjournalismus in Deutschland schöner ist als in den USA oder Australien, wagen wir nicht zu beurteilen. Was die Stärken und Schwächen angeht, so zeigen sich nach der allerersten (!) Auswertung jedoch eine Reihe ähnlicher Tendenzen. Wir bleiben dran!

Die Zusammenfassung des Medien-Doktor-Vortrags “A QUESTION OF QUALITY: CRITERIA FOR THE EVALUATION OF SCIENCE AND MEDICAL REPORTING AND TESTING THEIR APPLICABILITY” erscheint demnächst in den Proceedings zur PCST-Tagung. Das eingereichte Abstract (zum Zeitpunkt der Abgabe noch auf der Basis der ersten 100 Gutachten) ist hier als pdf abrufbar; der gesamte Abstractband findet sich an dieser Stelle als pdf.


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