Sprechstunde

Studie: Übertreibungen in Pressemitteilungen, Übertreibungen in Medizinberichterstattung (Nachtrag)

Eine Studie im British Medical Journal (BMJ) liefert weitere Hinweise dafür, dass die Qualität von Pressemitteilungen die Qualität journalistischer Berichterstattung beeinflusst. Ein Team um Petroc Sumner und Chris Chambers von der britischen Cardiff University untersuchten 462 Pressemitteilungen von zwanzig britischen Universitäten, die zugehörigen Fachartikel und die darüber berichtenden Nachrichtenartikel.

Als Übertreibungen betrachteten sie:

  • Aussagen über kausale Zusammenhänge, wenn diese nur durch Korrelationen belegt waren
  • Aussagen zum Menschen, wenn es sich nur um Tierstudien handelte
  • direkte Empfehlungen an die Leser zur Verhaltensveränderung

Die Pressemitteilung des Fachmagazins fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen:

„They found that 40% of press releases contained exaggerated advice, 33% contained exaggerated causal claims, and 36% contained exaggerated inference to humans from animal research, compared with the corresponding peer reviewed journal articles. And when press releases contained exaggeration it was more likely that the news would too (58% for advice, 81% for causal claims, and 86% for inference to humans).

But when press releases did not contain exaggeration, rates of exaggeration in news were only 17%, 18%, and 10%, respectively. However, there was little evidence that exaggeration in press releases increased the uptake of news.“

Einschränkend weist der Pressemitteilungstext selbstverständlich auf einen wichtigen Umstand hin:

„The authors point out that this is an observational study so no definitive conclusions can be drawn about cause and effect.“

Ben Goldacre ordnet das Ergebnis in einem begleitenden Kommentar ein:

„This [research result] is not a peripheral matter. Evidence suggests that media coverage can have an effect on the uptake of treatments and services; and even on subsequent academic citations. Because of this, it is useful to think about practical positive steps. Improving standards among journalists has long been tried; best practice guidelines already exist for academics, journals, and institutional press officers, but these are routinely ignored. In addition to these strategies, it might be useful to build on the features of academic journals that improve standards and earn trust in science: accountability, transparency, and feedback.“

Pressemitteilungen über medizinische Studien rücken zunehmend in den Fokus der Forschung. Im Mai forderte im Britisch Medical Journal die Ärztin und Kolumnistin Margaret McCartney bessere Richtlinien für medizinische Pressemitteilungen. Im Januar 2012 hatten US-Forscher ebenfalls eine Studie im BMJ veröffentlicht, die Hinweise dafür lieferte, dass die Qualität von Pressemitteilungen die Qualität von journalistischen Beiträgen beeinflusst.

Der Medien-Doktor untersucht diese möglichen Zusammenhänge in seinem Forschungsprojekt Inka, das vom BMBF gefördert wird. Im Medien-Doktor PR-Watch haben wir in einem ersten Experiment 2013 begonnen die Qualität von Pressemitteilungen aus dem Umwelt- und Medizinbereich zu bewerten.

Wir glauben, dass unsere Kriterien (in dieser oder auch etwas angepassten Version) eine Art „Geländer“ für Autorinnen und Autoren von Pressemitteilungen sein können und damit den Informationsgehalt der Texte steigern können. Die Kriterien erinnern daran, welche Informationen Endnutzer (LeserInnen, ZuhöreInnen, ZuschauerInnen) benötigen, um ausreichend informiert zu sein. Dies ist mit dem Aufkommen des Internets auch für Pressestellen wichtig, denn damit wurden Pressemitteilungen frei verfügbar. Pressemitteilungen sind heutzutage eigentlich keine exklusive Mitteilung an die Presse mehr, sondern Texte, die Endnutzer auch direkt erreichen – genau wie ein journalistischer Beitrag, nur ohne den Weg über den Filter des Journalismus‘. Dies ist – neben des möglichen Einflusses auf die journalistische Berichterstattung – ein weiterer Grund, warum es so wichtig erscheint, die Qualität von Pressemitteilungen zu thematisieren und zu erforschen.

Dass auch die Mediziner/Forscher mit ihren Fachartikeln letztlich mitentscheiden, wie gut Pressemitteilungen und letztlich Nachrichten darüber ausfallen, dafür hatte eine Studie aus dem Jahr 2012 Hinweise geliefert. Auch dieser von uns recherchierte Fall über die Pressemitteilung und Berichterstattung einer Tamiflu-Studie klärt beispielhaft über diese Zusammenhänge auf.

Nachtrag:

Im Phenomena Blog „Only Human“ auf nationalgeographic.com berichtet Virginia Hughes ausführlich über die Studie: „The Power of a Press Release„.

Gary Schweitzer geht auf die Untersuchung in seinem Blog HealthNewsWatchDog auf HealtNewsReview.org ein: Exaggeration in health science news releases – and what we’re going to do about it

In der Süddeutschen Zeitung berichtet Werner Bartens über die Studie: Die Wunderheiler

Holger Dambeck berichtet auf Spiegel Online, inklusive einer Einordnung von mir: Pressestellen übertreiben häufiger als Journalisten

Elke Ziegler stellt mit Bezug zur Studie auf orf.at die Frage: Wer ist schuld an übertriebenen Medizinnews?

Julia Belluz auf Vox.com: Why so many of the health articles you read are junk

Andrew Maynard auf Risk Science Center Scientist: Seeking publicity; accuracy optional

phd Comics: The Science News Cycle

Mark Henderson, Wellcom Trust BlogHype in science news: five reflections on an important BMJ paper

James Hamblin (The Atlantic): The Point When Science Becomes Publicity

Phd Comics hatte schon 2009 einen passenden Comic dazu: The Science News Cycle


LINKS:

Sumner, P. et al. (2014): The association between exaggeration in health related science news and academic press releases: retrospective observational study. BMJ
http://www.bmj.com/cgi/doi/10.1136/bmj.g7015

Goldacre, B. (2014): Preventing bad reporting on health research. BMJ
http://www.bmj.com/cgi/doi/10.1136/bmj.g7465

Schwartz, L. et al. (2012): Influence of medical journal press releases on the quality of associated newspaper coverage: retrospective cohort study (BMJ)
http://www.bmj.com/content/344/bmj.d8164

Yavchitz, A. et al. (2012): Misrepresentation of Randomized Controlled Trials in Press Releases and News Coverage: A Cohort Study (PLoS Medicine)
http://www.plosmedicine.org/article/info:doi/10.1371/journal.pmed.1001308

Anhäuser, M. (2014): Wer zu spät kommt, den belohnt die Presse (Medien-Doktor Sprechstunde)
http://www.medien-doktor.de/medizin/sprechstunde/wer-zu-spaet-kommt-den-belohnt-die-presse/

 

 


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