Sprechstunde

Praxisberichte 8 – Vitamin ‚B‘ wie Beziehungen: Zwischen den Rädern der PR-Maschinerie

Vitamine hatten Jahrzehnte lang ein durchweg positives Image. Doch seit größere Studien und Übersichtsarbeiten den Verdacht erhärten, dass sie unter bestimmten Umständen sogar schaden können, beginnt das Image der Substanzklasse zu bröckeln. Sehr zum Unmut der Vitaminhersteller, die dem nicht tatenlos zusehen wollen. Frank Wittig schildert seine Recherche für eine Dokumentation über eine PR-Maßnahme im Vitamin-Bereich.

Von Frank Wittig

Die Geschichte mit den Vitaminen begleitet mich schon seit einigen Jahren in meiner journalistischen Arbeit. Und sie ist mit jedem Schritt absurder geworden. Einen Teil der Geschichte will ich hier erzählen. Denn sie ist ein schönes Beispiel dafür, mit welcher Dreistigkeit Behauptungen aufgestellt und in die Öffentlichkeit hinein kommuniziert werden, um Absatzmärkte zu sichern. Und ein Beispiel dafür, wie man auch als Medizinjournalist Detektivarbeit leisten muss, wenn man nicht den PR-Strategien der Lobbyisten erliegen will.

Aber fangen wir am Anfang an. Es geht um die Vitamine A, C, E, und Betakarotin. Die Blockbuster im Vitamingeschäft. Das Kernargument, mit dem diese Vitamine seit Jahrzehnten als segensreich verkauft werden, lautet: „Diese Vitamine sind Radikalenfänger. Das heißt: Sie fangen aggressive Sauerstoffmoleküle (Radikale) ab, die unter anderem zu Schäden an der DNS führen können. Weniger freie Radikale bedeutet: mehr Gesundheit.“ Im Reagenzglas war die Sache mit dem Einfangen der Radikale eindeutig bestätigt worden.

Doch dann erhielt die These von den gesunden Radikalenfängern einen schweren Schlag. Im Jahr 2007 veröffentlicht die Kopenhagener Gruppe des international renommierten Cochrane-Netzwerks eine Meta-Analyse zu den antioxidativen Vitaminen (1). Man muss dazu wissen, dass sich das Cochrane-Netzwerk auf solche Meta-Analysen spezialisiert hat. Die Gruppen suchen aus medizinischen Datenbanken alle Studien zu einem Thema. In diesem Fall waren das etwa 16.000. Das hört sich viel an. Die Zahl bezieht sich allerdings auf die letzten 50 Jahre, und auch sehr schlechte Studien, wie zum Beispiel Telefonumfragen, gehören dazu. Daraus filtern die Cochrane-Experten die methodisch besten Studien heraus und gewichten sie. In der Regel sind sie placebokontrolliert und verblindet. Das heißt, es wurden zwei Gruppen gebildet. In der einen Gruppe bekamen die Probanden die Vitamine, in der anderen Gruppe wirkungslose Placebopillen. Die Teilnehmer wussten nicht, zu welcher Gruppe sie gehörten. Nur mit dieser Verblindung lässt sich die echte medizinische Wirkung von Präparaten ermitteln. Denn der Placeboeffekt, der vom Glauben an die Wirksamkeit von Präparaten herrührt, kann große positive Auswirkungen haben. Die Cochrane-Gruppe hatte am Ende 47 Studien der besten Qualität mit knapp 200.000 Teilnehmern als Basis ihrer Meta-Analyse. Und das Ergebnis war ein Paukenschlag:

Vitamine erhöhen Sterblichkeit

Insgesamt war die Sterblichkeit in der Vitamingruppe gegenüber der Placebo-Gruppe um fünf Prozent erhöht. Bei Vitamin A lag sie sogar 14 Prozent höher. Vitamin C war nach dieser Metaanalyse unschädlich. Was das in aussagekräftigeren absoluten Zahlen bedeutet, ist leichter nicht so leicht zu ermitteln. Denn die Zahlen errechnen sich aus Studien mit unterschiedlicher Laufzeit und unterschiedlichen Dosierungen. Sie geben nur das sogenannte relative Risiko der beiden Gruppen („Placebo“ und „echte Vitamine“) an, in einem bestimmten Zeitraum zu versterben. Und in durchschnittlich zweijährigen Studien mit zumeist gesunden Probanden versterben absolut gesehen relativ wenig Studienteilnehmer. Dennoch es ist bei der großen Zahl der Probanden und bei dem „härtesten“ Studienkriterium (Tod des Probanden) ein aussagekräftiges Ergebnis, das den Vitaminherstellern und ihren Freunden gar nicht gefällt.

Diese und weitere Studien (z.B. hier (2)) bildeten den medizinjournalistischen Kern meiner Dokumentation: „Betrifft: die Vitaminfalle“, die im Jahr 2010 im SWR-Fernsehen lief (3). Eine der Schlüsselfiguren des Features war der Ernährungswissenschaftler Prof. Hans Konrad Biesalski, der an der Universität Hohenheim auf seiner Website gegen die Vitaminstudie der Kopenhagener Cochrane-Gruppe polemisiert hatte, sie als unseriös und populistisch bezeichnet hatte. Doch Prof. Biesalski ist beim Thema „Bewertung von Nahrungsergänzungsmittel“ ein besonderer Experte. Schon drei Mal hatte er sogenannte „Konsensusgespräche“ zum Thema antioxidative Vitamine organisiert. Diese und weitere Konsensusgespräche wurden im Auftrag der Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller durchgeführt. Und in der Stuttgarter Zeitung (19. 9. 2003) hatte die Gattin von Prof. Biesalski angegeben, dass sie dafür sorge, „ … dass die behandelten Themen „mediengerecht“ weiterverarbeitet würden, damit sie in Werbeaktivitäten integriert werden können.“

Dies war mehr als nur ein Anhaltspunkt für mich, der den Verdacht nahelegte, Prof. Hans Konrad Biesalski könnte ein Teil der Lobbystruktur der Vitaminhersteller sein. Ein Verdacht, der in dem Feature „Die Vitaminfalle“ auch klar herausgearbeitet wurde. Prof. Hans Konrad Biesalski zeigte sich darüber in einem Gespräch mit mir allerdings sehr betroffen. Kurz darauf organisierte er eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Vitaminversorgung in Deutschland – ein Grund zur Sorge?“ Er lud mich dazu ein, mit dem Hinweis, so könnte ich mir ein Bild davon machen, wie das Thema in der seriösen Wissenschaft beurteilt würde. Natürlich fuhr ich hin.

Das Podium bei dieser Veranstaltung in der Baden-Württembergischen Landesbank in Stuttgart war seltsam geteilter Meinung: Die beiden ersten Redner argumentierten, dass es keinen Vitaminmangel in Deutschland gäbe. Abgesehen vom Vitamin D, das man älteren Menschen zum Beispiel gegen Osteoporose empfehlen könnte, und Folsäure für junge Frauen, die schwanger werden wollten, gäbe es keinen Grund, zusätzlich Vitamine zu empfehlen. Die beiden Wissenschaftler, die diese Ansicht vertraten, sind renommierte Persönlichkeiten in der Welt der Ernährungswissenschaft: Prof. Gerhard Rechkemmer und Prof. Peter Stehle. Prof. Rechkemmer ist Präsident des Bundesinstituts für Ernährungsforschung in Karlsruhe. An seinem Institut war damals gerade eine große Studie zur Vitaminversorgung in Deutschland durchgeführt worden. Prof. Stehle ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Beide gaben – wie gesagt – Entwarnung beim Thema Vitaminmangel.

Der Vitaminhersteller fasst die Lage zusammen

Es folgten auf dem Podium Prof. Biesalski und weitere Wissenschaftler, die andere Meinungen äußerten, was ja völlig legitim ist. Ungewöhnlich war allerdings, dass ausgerechnet der Forschungsleiter des weltgrößten Vitaminherstellers, DSM (Dutch State Mines) in Basel, als Schlussredner eine Zusammenfassung des Podiumsgesprächs liefern durfte: Dr. Manfred Eggersdorfer erklärte, man habe ja gesehen, wie groß der Bedarf an Vitaminen tatsächlich sei. Vitaminmangel sei weiterhin ein großes Thema, um das man sich intensiv kümmern müsse. Dr. Eggersdorfer arbeitet – wie gesagt – beim größten Vitaminhersteller der Welt.

Etwas verwirrt angesichts der einseitigen Zusammenfassung fuhr ich nach Hause. Nach meiner Wahrnehmung war das ein leicht durchschaubarer Versuch der Manipulation. Doch was sollte die Veranstaltung bewirken? Vielleicht zweihundert Gäste hatten die Statements der Wissenschaftler verfolgt. Keine Kamerateams waren erschienen. Nicht einmal ein Reporter, der einen der Fachleute um ein Interview gebeten hätte, war mir aufgefallen. Also war keine große Resonanz in der Öffentlichkeit zu erwarten. Was sollte die ganze Veranstaltung?

Zwei Tage später wurde mir klar, was der Sinn der Podiumsdiskussion vor kleinem Publikum gewesen sein könnte. Über den Pressemitteilungsdienst ots (Original Text Service, Bezeichnung bei Nachrichtenagenturen für „Presseaussendungen im Originalwortlaut“ und eingetragene Marke von news aktuell, einem Tochterunternehmen der Deutschen Presse-Agentur (dpa)) wurde in einer Pressemitteilung ein Bericht über die Veranstaltung verbreitet. Mit der Schlagzeile: „Vitamin-Defizit-Alarm – führende Wissenschaftler warnen vor Gesundheitsrisiken durch Vitaminunterversorgung.“ (4) Eine Pressemitteilung, die in hunderten Redaktionen in Deutschland gelesen wurde. In dem Bericht wurde zuerst Bezug auf die renommierten Wissenschaftler Prof. Rechkemmer und Prof. Stehle genommen. Und es wurde – zu meiner Überraschung – der Eindruck erweckt, diese Wissenschaftler, die ja Entwarnung gegeben hatten, seien höchst besorgt um die deutsche Bevölkerung, weil die Vitaminversorgung so schlecht sei.

Ich schlug diesen „Vorfall“ der Redaktion des Wissenschaftsmagazins „Odysso“ im SWR Fernsehen als Gegenstand eines Fernsehbeitrags vor und bekam den Zuschlag.

Ich fuhr extra noch einmal zu Prof. Rechkemmer und fragte ihn, ob er auf der Veranstaltung den „Vitaminalarm“ ausgerufen habe. Seine Reaktion: „Mit Nichten! Ich habe genau das Gegenteil gesagt. Wir haben hier von unserem Institut ja gerade eine Studie dazu gemacht. Und da haben wir gesehen, dass die Vitaminversorgung in Deutschland ganz gut ist. Und das habe ich auf der Veranstaltung auch gesagt. Ich war vollkommen perplex, als ich die Meldung gelesen habe.“

Was war da geschehen? Wie konnten die beiden bekannten Wissenschaftler mit den exakt gegenläufigen Thesen zu denen der anderen, unbekannten Wissenschaftler so falsch wiedergegeben werden? Wo war der Fehler entstanden?

An dieser Stelle war etwas Detektivarbeit gefragt. Die Autorin der Vitamin-Alarm-Pressemitteilung des ots-Dienstes war Lisa Löwenthal vom „Verein für Ernährungs- und Vitamininformation“, mit dem hübschen Kürzel: EVI. Über EVI findet man im Internet praktisch nichts, was schon sehr ungewöhnlich ist für einen Verein, der das Informationsanliegen sogar im Namen trägt. Um zu erfahren, wer hinter EVI steht, ließ ich mir einen Auszug aus dem Vereinsregister schicken. Darin laß ich, dass ein hochrangiger Mitarbeiter des weltgrößten Vitaminherstellers DSM Vorsitzender des Vorstands war. Lisa Löwenthal, ebenfalls Mitglied, die ich anrief, erklärte mir aber, sie wäre als unabhängige Journalistin zu der Veranstaltung gekommen und hätte ihren „persönlichen Eindruck“ der Veranstaltung geschildert. Eine Recherche im Internet ergab indes zwei Hinweise, die – abgesehen von ihrer Pressemitteilung bei ots natürlich – bei mir Zweifel an ihrer Unabhängigkeit aufkommen ließen: Sie hatte eine Marketingagentur. Ihr Fachgebiet: Gesundheitswesen/Pharmazie, Life Science, Nahrungs- und Genussmittel.

Who is Nutri-Facts?

Über diese Marketingagentur stand Lisa Löwenthal mit einer Werbeaktivität des weltgrößten Vitaminherstellers DSM in engem Kontakt. Jene Firma, deren Forschungsleiter bei der Vitaminveranstaltung in Stuttgart das Schlussplädoyer für die Vitamine hatte halten dürfen. DSM unterhält im Internet eine aufwändig gestaltete Website. „Nutri-Facts“ lautet der Name des Informationsangebots. Auf dutzenden sehr professionell gestalteten Seiten erfahren Leser alles über die segensreiche Kraft der Vitamine und über den Vitaminmangel, dem man mit den Präparaten von DSM entgegenwirken kann. Von der größten bis dahin durchgeführten Studie, der Meta-Analyse der Cochrane-Gruppe aus Kopenhagen, die eine erhöhte Sterblichkeit durch antioxidative Vitamine gezeigt hatte, erfährt man bei Nutri-Facts allerdings nichts. Auch nicht von anderen Studien, die gezeigt haben, dass Vitamine Krebs und Schlaganfall befördern können (5).

Dafür entdecke ich während meiner Recherche ein interessantes Detail: Als ich mit dem Internet-Werkzeug „Who is“, abfragte, wem die Internetdomain „Nutri-Facts“ gehört, zeigte sich: Es ist Lisa Löwenthal (inzwischen ist dies nicht mehr so). Die „unabhängige Journalistin“ hielt die Info-Website des weltgrößten Vitaminherstellers DSM. Und sie berichtete aus meiner Sicht deutlich abweichend über das Ergebnis der Podiumsdiskussion, die Professor Biesalski mit dem Vitaminhersteller zusammen veranstaltet hat. Für mich war damit klar: Podiumsdiskussion und Pressemitteilung hatten nur das Ziel, das Schreckgespenst vom Vitaminmangel in der öffentlichen Diskussion und den Medien am Leben zu halten. Eine Gegenoffensive, um das durch negative Studienergebnisse angeschlagene Image der Vitamine aufzupolieren. Immerhin geht es ja um den Absatz von Vitaminpräparaten und Vitaminen als Nahrungsmittelzusatz mit einem Umsatz von weit über einer Milliarde Euro pro Jahr. Allein in Deutschland.

Nachtrag: Im März 2012 veröffentlichte die Kopenhagener Cochrane-Gruppe ein Update ihrer Meta-Analyse zu den antioxidativen Vitaminen. Sie haben weitere Studien eingeschlossen und so die Zahl der Probanden auf nahezu 300 000 erhöht. In ihrem aktuellen Resümee bestätigen sie im Grundsatz ihre Bedenken gegenüber den untersuchten Vitaminpräparaten – wenngleich Sie ihre Angaben von 2007 etwas nach unten korrigieren und nur noch von einer leichten Anhebung des Mortalitätsrisikos durch die Vitamine sprechen (3 Prozent relatives Risiko) http://summaries.cochrane.org/CD007176/antioxidant-supplements-for-prevention-of-mortality-in-healthy-participants-and-patients-with-various-diseases

 

QUELLEN:

1.  Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, Simonetti RG, Gluud C. (2007): Mortality in randomized trials of antioxidant supplements for primary and secondary prevention: systematic review and meta-analysis. JAMA. 2007 Feb 28;297(8):842-57
http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=205797

2. Ristow, M. et al. (2009): Antioxidants prevent health-promoting effects of physical exercise in humans. In: Proc Natl Acad Sci106: 8865-8870; PMID 19433800
http://www.pnas.org/content/early/2009/05/11/0903485106.abstract 

3. Frank Wittig: „Betrifft: Die Vitaminfalle“, SWR, 2010
http://www.youtube.com/watch?v=gDYkYBSwm9c

4. ots: „Vitamin-Defizit-Alarm – führende Wissenschaftler warnen vor Gesundheitsrisiken durch Vitaminunterversorgung.“ Online noch verfügbar zum Beispiel hier:
http://www.weltatlas.info/news/vermischtes/ots-vitamin-defizit-alarm-fuer-deutschland-fuehrende-wissenschaftler-warnen-vor-gesundheitsrisiken-durch-vitaminunterversorgung.htm

5. z.B. Schurks M et al. (2010): „Effects of vitamin E on stroke subtypes: meta-analysis of randomised controlled trials“ 
http://www.crd.york.ac.uk/CRDWeb/ShowRecord.asp?AccessionNumber=12010007595

6. Bjelakovic G, Nikolova D, Gluud LL, Simonetti RG, Gluud C (2012): „Antioxidant supplements for prevention of mortality in healthy participants and patients with various diseases.“ Cochrane Collaboration.
http://summaries.cochrane.org/CD007176/antioxidant-supplements-for-prevention-of-mortality-in-healthy-participants-and-patients-with-various-diseases 


 Alle Folgen unserer Medizinjournalismus-Serie finden sich auf unserer Specials-Seite.
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