Sprechstunde

Mittel gegen den Zecken-Horror (Nachtrag 14.5.)

Es hat schon Tradition, dass alljährlich mit Einzug des Frühlings sämtliche Medien der Republik ihre Leser, Zuhörer und Zuschauer eindringlich vor dem Gefahren der Zecken warnen. Zuletzt wurde es dank gelungener PR-Arbeit für den ersten süddeutschen Zeckenkongress zum „gefährlichsten Tier“ der Republik erklärt. Die Redaktionen nahmen den Ball bereitwillig auf:

Die Begründung für die Panikmache lautet: „Keine andere Kreatur verursache hierzulande so viele Krankheitsfälle wie die kleinen Blutsauger.“

Das mag stimmen. Aber sollte man dies nicht auch in Relation zur Anzahl der Zeckenstiche sehen? Und was mag wohl das zweitgefährlichste Tier sein? Wie auch immer. Wenn Medien sich dazu entschließen ihre Nutzer über Zecken zu informieren, dann erscheint eine weniger aufgeregte Darstellung sicher angebrachter.

Ein Beispiel dafür fand sich zuletzt auf Süddeutsche.de. Der Beitrag von Berit Uhlmann arbeitet nicht mit Superlativen, sondern mit einem angemessen Ton, und dem Versuch so weit möglich Leser mit Fakten zu versorgen. Sie versucht klar zu machen, was bekannt ist und was nicht. Es wird deutlich, dass es in der gesamten Diskussion um Zecken, Borreliose und FSME noch eine Menge Wissenslücken gibt, die all denen in die Hände spielen, die vor dem „gefährlichsten Tier“ Deutschlands warnen.

Für eine unaufgeregte Berichterstattung lohnt sich als Recherchequelle neben dem Robert-Koch-Institut auch ein ausführlicher Artikel auf Gesundheitsinformationen.de (dem Gesundheitsportal des IQWiG). Dort versuchen die Autoren zum Beispiel ausführlich zu erklären (soweit das möglich ist), wie groß etwa das Risiko ist an FSME oder Borreliose zu erkranken.

Im Zusammenhang mit Borreliose verweist der Artikel auch auf eine Diskussion über Spätfolgen der Infektion („Chronischen Borreliose“):

Post-Lyme-Syndrom / „Chronische Borreliose“

„Manche Menschen haben Monate oder Jahre nach einem Zeckenstich Muskel- und Gelenkbeschwerden, starke Müdigkeit oder Gedächtnisstörungen. Einige Betroffene und auch einige Ärztinnen und Ärzte sehen in diesen Symptomen eine Spätfolge einer „chronischen Borrelien-Infektion“. Bei anderen Menschen mit solchen Beschwerden ist gar kein Zeckenstich bekannt und auch die Blutuntersuchung liefert keine entsprechenden Anhaltspunkte – dennoch werden die Symptome auf eine Borreliose zurückgeführt. Dieses Krankheitsbild wird manchmal als Post-Lyme-Syndrom oder „chronische Borreliose“ bezeichnet – auch wenn letzteres keine allgemein anerkannte Diagnose ist.

Es ist umstritten, ob diese Beschwerden tatsächlich mit einer Borrelien-Infektion im Zusammenhang stehen. Die Symptome sind uncharakteristisch und können auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten. Es gibt Ärztinnen und Ärzte, die solchen Menschen eine sehr langwierige Antibiotika-Behandlung vorschlagen. Der Nutzen dieser Therapie ist aber nicht nachgewiesen. Bekannt ist, dass eine Antibiotika-Therapie Nebenwirkungen hat.“

Diesem Thema widmet sich auch der Medizinjournalist Patrick Hünerfeld (einer unserer Gutachter) in einer kritischen TV-Dokumentation. Er beleuchtet mit skeptischem Blick das Spannungsfeld zwischen Ängsten von Betroffenen mit unklarem Krankheitsbild und chronischen Beschwerden, Selbsthilfegruppen und Interessen von Ärzten und er hinterfragt angebotene Therapien und Angaben zur Häufigkeit der „Chronischen Borreliose“.

Auf der Arte-Webseite gibt es dazu ein Webspecial. Die Dokumentation wurde bereits im Abendprogramm ausgestrahlt, sie wird noch einmal am 13.Mai um 10:55 Uhr zu sehen sein. Danach soll ist sie noch sieben Tage in der Arte-Mediathek (Direktlink, bis zum 20.5.) abrufbar sein.

Nachtrag (14.5.):

Ein von uns bewerteter Beitrag zeigt sehr schön, wie wichtig es ist, die Aussagen, die jährlich zur Zeckensaison verbreitet werden, zu hinterfragen. In einem Artikel der Stuttgarter Zeitung wurde ein deutlicher Anstieg der FSME-Infektionen von 2010 nach 2011 in Baden-Württemberg beschrieben.

Im Artikel heißt es:

„Vergangenes Jahr haben sich in Südwestdeutschland deutlich mehr Menschen mit FSME angesteckt als im Jahr davor. Jeder zweite in Deutschland gemeldete Fall kam 2011 aus Baden-Württemberg (…).“

Damit übernimmt der Text die Darstellung des PR-Materials (wie zum Beispiel hier die PM der Techniker Krankenkasse):

Deutlich mehr FSME-Fälle in Baden-Württemberg
2011 sind deutlich mehr Menschen in Baden-Württemberg an der Hirnhautentzündung FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) erkrankt als im Vorjahr. Mit insgesamt 201 Patienten zählte das Landesgesundheitsamt 83 Betroffene mehr als 2010.“ 

Beides erweckt bei Lesern den Eindruck, dass das Risiko für eine Infektion deutlich zugenommen hat. Dass damit aber die Bedeutung der Zunahme von einem Jahr zum anderen nur unnötig dramatisiert wird, zeigt erst das im Zeitungsartikel beigestellte Diagramm (das leider nur in der Printversion der Zeitung und nicht in der Onlineversion vorhanden ist). Die Statistik listet die Anzahl der FSME-Fälle von 2004 bis 2011 auf. Ein Blick auf die Daten zeigt sofort, dass der Wert für 2011 gar nicht so besonders ist, sondern durchaus innerhalb der normalen Schwankungen liegt.

Die Grafik hilft die Aussage einzuordnen, und zeigt, wie wichtig es generell ist, sich bei Vergleichen von einem Jahr zum anderen den größeren Zeitraum anzuschauen

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