Sprechstunde

Mit Schlaftabletten Leser erschrecken

„Wer Schlaftabletten nimmt, stirbt früher.“ So in etwa kündigten viele Medien die Berichterstattung über eine Studie in einem medizinischen Fachmagazin an. Was nach klarer Aussage klingt, überfordert indes das Design der Studie, über die berichtet wurde. Bei Beobachtungsstudien ist sprachliche Zurückhaltung gefragt.

Bei dieser Studie aus dem BMJ (pdf) konnten die wenigsten Medien widerstehen (nicht nur hier in Deutschland, auch drüben bei unseren US-Kollegen von HealthNewsReview.org). In einer Gruppe von mehr als 10.000 Personen, die Schlaftabletten nehmen, ist das Risiko frühzeitig zu sterben mehr als dreimal so hoch wie in einer Vergleichsgruppe von mehr als 24.000 Menschen, die keine Schlaftabletten nehmen.

Damit ist für Journalisten klar wie die Überschrift lauten muss, zum Beispiel so:

Einige hielten zumindest für angebracht, ein Fragezeichen zu setzen.

Natürlich sind das Hingucker, Menschen kommen angeblich zu Schaden durch Medikamenten, die millionenfach genutzt werden. Ob jemand beim Formulieren dieser Titel einen kurzen Moment daran gedacht hat, wie es Menschen geht, die Schlafmittel nehmen (müssen)?

Die Begründung für solche Überschriften dürfte häufig sein: „Wir müssen Leser/Zuhörer/Zuschauer doch warnen!“ Richtig. Nur: In diesem Fall stellt die Überschrift einen Zusammenhang her, den man mit dieser Studie so direkt nicht herstellen kann. Es ist eines der zahllosen Beispiel wie Journalisten im Titel aus einem zunächst einmal nur statistischen Zusammenhang  einen direkten kausalen Zusammenhang basteln.

Aus:
Gruppe A, jeder nimmt diese Mittel, diese Personen sterben im Durchschnitt früher
Gruppe B, niemand nimmt das Mittel, dieser Personen leben länger
folgt angeblich: Mittel verkürzt das Leben, andere Faktoren werden nicht in Betracht gezogen.

Das Problem: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Mit dieser Art von Studie lassen sich keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen, allenfalls Hinweise darauf finden. 

Es gibt, wie häufig bei solchen Studien, einige Aspekte, die darauf hinweisen, dass der Einfluss der Schlaftabletten auf die Lebenszeit weit weniger stark ist, wenn er überhaupt so direkt vorhanden ist. Harold DeMonaco vom Massachusetts General Hospital und einer der Gutachter bei HealthNewsReview.org, dem amerikanischen Medien-Doktor, schreibt dazu in seinem Blogbeitrag:

„Just because there appears to be a link between death and the use of sleeping pills does not necessarily mean that the sleeping pills are the cause. Other factors not taken into consideration may be playing a significant role, rather than the single factor chosen by the researchers. The authors of the study did look for confounders that would increase the risk of death. Table 2 of the article provides a listing that includes asthma, cerebrovascular disease, coronary heart disease, chronic kidney disease, COPD to name a few. Interestingly, the people who had a prescription for sleeping pills also had a higher prevalence of a significant chronic medical condition as compared to those who were not prescribed.“

Die Personen in der Schlafmittelgruppe litten zum Beispiel signifikant häufiger an chronischen Erkrankungen wie Asthma, Fettleibigkeit, Herz-Kreislauferkrankungen usw. Das sind eine Menge Gründe, die dafür sorgen, dass die Menschen in der einen Gruppe früher sterben als in der anderen.

Michael Kochen, Allgemeinmediziner und Mitglied im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNebM)  weist im Newsletter des Netzwerks auf weitere „confounder“ hin, die anstatt der Schlaftabletten die Sterblichkeit in der einen Gruppe erhöhen

„Sieht man sich die demographischen Kriterien der beiden Personengruppen im Vergleich an, so fällt auf, dass sich unter den Schlafmittelnutzern signifikant mehr Patienten befinden, die geschieden sind oder getrennt leben. Die Autoren geben das auch zu – allerdings nur in einer Fußnote. Geschiedene bzw. getrennt Lebende weisen aber bekannter Weise eine höhere Sterblichkeit auf als Verheiratete. (…).

Bei der vergleichenden Morbidität fehlen weitere Aspekte, die für die Sterblichkeit bedeutsam sind. So sucht man vergeblich nach Depressionen, Angsterkrankungen und anderen emotionalen Faktoren. Die Erklärung: Die Gesetze von Pennsylvania gestatten es „zur Wahrung der Vertraulichkeit“ nicht, solche Diagnosezahlen zu veröffentlichen.“

DeMonaco nennt auch noch weitere Gründe: Es gebe etwa eine Vielzahl verschiedener Schlafmittel-Klassen in der Studie. Es sei wenig plausibel, dass sie alle den gleichen biologischen Effekt hätten (nämlich die Sterblichkeit zu senken).

Auch die Datenquelle könne das Ergebnis beeinflussen:

„The study used administrative data from a “large integrated health system.” There are limitations to this approach. The administrative data sets are notoriously incomplete and people go in and out of coverage. They are also not very granular. Important confounding variables and severity of illness are usually not explicitly included.“

Und schließlich Interessenkonflikte:

„(…) that the senior author of the study is a longstanding critic of hypnotic drugs and has a website devoted to the topic.“ (http://www.DarkSideOfSleepingPills.com/)

Glücklicherweise sind einige der Artikel in den Medien weniger absolut in ihren Aussagen als der Titel es immer vermuten lässt. Es wird etwa etwa darauf verwiesen, dass das Studiendesign keine Ursache-Wirkungs-Beziehung beweisen kann. In einigen Beiträgen werden auch eher die Schlafprobleme als Ursache ausgemacht als die Pillen selbst.

Journalisten, Redakteure und Nachrichtenmenschen mögen klare Aussagen in ihren Titeln, dafür haben wir vollstes Verständnis, wir sind selbst Journalisten. Wenn es jedoch um solche Art von Studien geht, Beobachtungsstudien, ist meist Zurückhaltung gefragt, wir sollten nicht mehr in die Ergebnisse reinlesen als es das Studiendesign zulässt.

Wie man die Ergebnisse solcher Beobachtungsstudien in angemessener Sprache darstellt, haben unsere Kollegen von HealthNewsReview.org einmal in einem kurzen Text zusammengefasst:

„Does The Language Fit The Evidence? – Association Versus Causation“

Weitere Tipps und Kniffe für die Medizinberichterstattung finden sich bei uns in den „Tools for Journalisten“.


LINKS:

„Does The Language Fit The Evidence? – Association Versus Causation“
http://www.healthnewsreview.org/toolkit/tips-for-understanding-studies/does-the-language-fit-the-evidence-association-versus-causation/

„Sleeping pills may kill 1/2 million: another example of journalists confusing association and causation“
http://www.healthnewsreview.org/2012/02/sleeping-pills-may-kill-12-million-another-example-of-journalists-confusing-association-and-causation/

Kripke et.al. (2012): Hypnotics’ association with mortality or cancer: a matched cohort study (pdf)
http://bmjopen.bmj.com/content/2/1/e000850.full.pdf

 


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