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Medizinjournalismus: 10 Tipps, woran man gute Artikel und Beiträge erkennt

Wir beim Medien-Doktor nutzen gut definierte Kriterien, um eine Aussage über die Qualität eines medizinjournalistischen Artikels in einer Zeitung oder einen TV-Beitrag zu machen. Die Kriterien helfen, bestimmte Aspekte gezielt unter die Lupe zu nehmen. Je mehr dieser Kriterien erfüllt sind, desto besser informiert der Beitrag seine Leser, Zuhörer oder Zuschauer.

Die Kriterien sind ein praktisches Werkzeug für uns, um die Qualität medizinjournalistischer Beiträge einzuschätzen. Doch sie sind mehr: Für Journalisten können sie eine Art „Geländer“, eine Richtschnur während der Recherche sein. Sie erinnern daran, was wichtig in einem Beitrag sein könnte und wie man es berichten sollte. Das ist auch der Grund warum Gary Schwitzer, der Herausgeber unseres amerikanischen Schwesterprojektes healthnewsreview.org Mousepads an Journalisten verteilt, auf denen die Kriterien gelistet sind. So haben sie sie immer im Blick.

Doch auch die Konsumenten der journalistischen Produkte profitieren von den Kriterien. Sie helfen Lesern, Zuhörern und Zuschauern einzuschätzen, was sie von einem Artikel oder einen Beitrag halten sollen.

Ich habe im folgenden eine kleine Liste zusammengestellt, wie Laien die Kriterien nutzen können, um heraus zu finden, wie gut ein Beitrag über eine neue Therapie, ein Medikament oder einen diagnostischen Tests ist. Sie ist weit davon entfernt, vollständig zu sein, man könnte jedem einzelnen Kriterium einen eigenen Artikel widmen. Aber als erste Orientierung hilft die Liste hoffentlich weiter.

Wer also wissen möchte, was er von einem  Artikel in der Zeitung oder im Internet oder einem Beitrag im Radio oder TV über eine (neue) Therapie, ein OP-Verfahren, ein Medizinprodukt oder einen diagnostischen Test halten soll, kann einfach die folgenden zehn Punkte checken.

 

1. Wie wird der mögliche Nutzen dargestellt?

Hier ist es wichtig, dass konkrete Zahlen genannt werden. Es spricht nicht für den Beitrag, wenn es nur heißt, eine Therapie oder ein Verfahren sei „sanft“ oder „wirksamer“. Es sollten konkrete Vorteile in  Zahlen verpackV, berichtet werden. Aber Vorsicht bei Prozentzahlen. Sie werden gerne genutzt, um Effekte zu übertreiben, weil man dann große Zahlen präsentieren kann. Fragen Sie sich dann immer: „Prozent von was?“ Bleibt Ihnen die Antwort unklar, seien sie vorsichtig mit dem Bericht.

2. Werden Risiken und Nebenwirkungen angesprochen?

Kommt das Thema überhaupt nicht vor, seien Sie misstrauisch, vor allem wenn es um neue Medikamenten oder Therapien geht. Manchmal wird nur eine Nebenwirkung angesprochen, bei der das neue Medikament besonders gut abschneidet. Aber wie sieht es mit anderen Risiken aus?

3. Gibt es gute Belege für die Aussagen?

Verlässt sich ein Artikel oder Beitrag nur auf einen Experten? Oder wird auf hochwertige, aussagekräftige Studien verwiesen? Noch besser ist es, wenn die Qualität einer Studie eingeordnet wird, und zum Beispiel deutlich wird, welche Aussagen damit nicht möglich sind. Wird deutlich, wie gut untersucht eine Therapie generell ist? Vorsicht bei Ergebnissen, die von Konferenzen oder nur einer Pressepräsentation stammen? Sie sind häufig nicht überprüft. Besser ist es, wenn klar wird, dass es sich um ein etabliertes Fachmagazin handelt. Besondere Vorsicht ist bei Aussagen angebracht, die aus Studien mit Tieren stammen. Dies wird in einem guten Beitrag nicht nur deutlich gemacht werden, es wird auch erklärt, wie vorläufig diese Ergebnisse sind.

4. Kommen mehrere Experten zu Wort?

Kommt in einem Beitrag nur ein Mediziner zu Wort, der auch noch der Autor einer Studie ist, ist Vorsicht angesagt. Diese hat möglicherweise sogar Interessenkonflikte, weil die Studie vom Hersteller finanziert wird. In einem guten Artikel, kommen mehrere Experten zu Wort, und Interessenkonflikte werden angesprochen, wenn sie von Bedeutung sein könnten. 

5. Geht der Beitrag über die Pressemitteilung hinaus?

Ob ein journalistischer Text mehr bietet als die Pressemitteilung einer Uniklinik oder eines Pharmaherstellers kann man leicht selbst überprüfen. Kopieren sie einfach einen Abschnitt des Artikels, den sie lesen in die Google-Suchmaske, dann sehen schon, wie eigenständig der Text ist. Manchmal merkt man dann aber auch, dass die Pressemitteilung mehr Informationen bietet als der journalistische Text.

6. Ist das wirklich neu?

Immer wieder wird Artikeln erklärt, dass eine Medikament oder eine Therapie neu ist. Doch wird das nur erzählt oder auch erklärt, was genau das Neue ist? Nur, weil etwas neu ist, heißt es nicht, dass es auch besser ist. Und: Was neu an dem einen Krankenhaus eingesetzt wird, kann durchaus schon ein etabliertes Verfahren im Rest der Republik sein?

7. Werden Behandlungsalternativen angesprochen?

In einem guten Artikel oder Beitrag wird deutlich, welche Vor- und Nachteile eine (neue) Therapie oder ein OP-Verfahren im Vergleich zu anderen Optionen hat. Zumindest sollte deutlich werden, dass es Alternativen gibt. Misstrauisch sollte man auch werden, wenn die neue Methode nur positiv und eine etablierte Methode nur negativ dargestellt wird. In einem guten Beitrag wird bei diagnostischen Tests oder Vorsorgeuntersuchungen deutlich, dass „nicht daran teilnehmen“ eine gute Option sein kann.

8. Gibt’ s das Medikament/die Therapie schon?

In einem guten Artikel wird deutlich gemacht, ob ein Medikament in Deutschland zugelassen ist oder nicht. Eine wichtige Info ist auch, ob man es nur im Rahmen einer Studie erhält oder bei jedem Arzt um die Ecke. Misstrauisch sollte man werden, wenn es lediglich heißt: „ Das Verfahren wird jetzt an Klinik XY/ Praxis YZ angeboten“, es aber keine Informationen darüber gibt, ob dieses Verfahren auch an anderen Orten in der Region oder in Deutschland eingesetzt wird.

9. Gibt es Informationen zu den Kosten?

Zumindest sollte erklärt werden, ob die Kosten für ein Medikament, eine Therapie oder einen Test von der Krankenkasse bezahlt werden, oder ob man es selbst zahlen muss. Dann sollte auch der Preis genannt werden, denn auch der kann bei der Beurteilung für oder gegen ein Verfahren ein Rolle spielen. Neue Medikamente sind oft viel teurer als etablierte: Aber ist der Nutzen das wirklich wert?

10. Ist das wirklich eine Krankheit, die man auch behandeln muss?

In schöner Regelmäßigkeit tauchen Berichte über Krankheiten auf, die es zuvor nicht gab. Bei genauerer Betrachtung zeigt es sich dann, dass versucht wird zum Beispiel biologische Vorgänge wie das Altern als Krankheit darzustellen. Nicht jede „Krankheit“, über die berichtet wird, ist auch ein. Ist dann noch von einem „Syndrom“ die Rede, von dem es noch nicht mal einen deutschen Namen gibt, sollten sie wachsam sein.

Bei einem guten Artikel wird auch deutlich, warum er gerade jetzt erscheint (zum Beispiel, weil eine aktuelle Studie erschienen ist). In guten Beiträgen werden Fachbegriffe erklärt und Abläufe verständlich beschrieben. Hat man zu oft das Gefühl, dass man etwas nicht versteht, kann das auch einfach daran liegen, dass der Journalist es selbst nicht verstanden hat. Grundsätzlich sollte man auch bei Superlativen oder überschwänglichen Beschreibungen oder besonders bedrohlichen Szenarien misstrauisch werden. Journalisten neigen manchmal dazu, zu übertreiben – im Guten wie im Bösen.


Lesetipp:

„How to read health news“, by Dr Alicia White From „Behind the Headlines„, provided by NHS Choices (from England’s National Health Service).
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmedhealth/behindtheheadlines/how-to-read/ 


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