Sprechstunde

Medizinberichterstattung: Die Rolle der Pressemitteilungen

Eine Studie liefert Hinweise darauf, wie medizinische Pressemitteilungen die Qualität der resultierenden journalistischen Artikel beeinflussen – im Guten wie im Schlechten. Die Medien-Doktor-Kriterien können helfen, bessere Pressemitteilungen zu verfassen.

Wir bewerten, wie Journalisten über Therapien, Medikamente und Tests berichten. Eine der Kriterien befasst sich mit der Rolle der Pressemitteilung oder dem Pressematerial, auf das sich ein Journalist bei seiner Berichterstattung stützt. Wir werten „nicht erfüllt“, wenn der Beitrag zu stark von diesem Pressematerial abhängt, zu wenig darüber hinaus geht. Im schlechtesten der Fälle wird die Pressemitteilung einfach abgeschrieben und als redaktioneller Beitrag ausgegeben. Im besten Fall war die Pressemitteilung nur der Anlass für eine profunde Recherche zum Thema.

Es geht nicht darum Pressemitteilungen per se zu verteufeln. Sie können eine wertvolle Hilfe sein, vor allem wenn die Zeit knapp wird oder ein Journalist nicht vertraut ist mit einem Thema. Damit tragen aber auch Presseabteilungen einen Teil der Verantwortung, wenn es um die Berichterstattung über Medizin und Gesundheit geht.

Fiona Fox, Direktorin des englischen Science Media Centre schrieb zu diesem Thema erst kürzlich in ihrem Blog:

„(…) I have a horrible feeling that if we took the worst newspaper headlines and traced back their origins – we may find the press release was to blame in far more cases than any of us would care to admit.“

Genau zu diesem Punkt ist gut zehn Tage zuvor eine Studie im British Medical Journal veröffentlicht worden. Thema: Der Einfluss der Pressemitteilungen von medizinischen Fachmagazinen auf die daraus resultierenden Artikel in der Presse.

Ergebnis: Die Qualität der Pressemitteilungen scheint die Qualität der journalistischen Artikel zu beeinflussen. Und zwar im Guten wie im Schlechten. Gute Pressemitteilungen führten zu guten Presseartikeln, während schlechte Pressemitteilungen zu eher schlechten Artikel führten. Das Forscher Team um Lisa Schwartz

„Higher quality press releases issued by medical journals were associated with higher quality reporting in subsequent newspaper stories. In fact, the influence of press releases on subsequent newspaper stories was generally stronger than that of journal abstracts. Fundamental information such as absolute risks, harms, and limitations was more likely to be reported in newspaper stories when this information appeared in a medical journal press release than when it was missing from the press release or if no press release was issued. Furthermore, our data suggest that poor quality press releases were worse than no press release being issued: fundamental information was less likely to be reported in newspaper stories when it was missing from the press release than where no press release was issued at all (although the findings were generally not statistically significant).“

Presseabteilungen sollten sich also ihrer Rolle bewusst werden (wenn sich diese Ergebnisse bestätigen sollten); sie tragen möglicherweise einen Teil der Verantwortung, wie über (neue) Therapien, Medikamente, Produkte und Tests berichtet wird.

Das zeigt zugleich, dass die Kriterien (vor allem die ersten zehn Kriterien, die auch von den anderen Projekten in USA, Kanada, Australien, Japan und Hongkong verwendet werden) durchaus ein Leitfaden für Mitarbeiter von Presseabteilungen sein können, wenn diese Pressemitteilungen über neue Therapien, Medikamente und diagnostische Test (u.ä.) veröffentlichen.

Aber auch die beste Pressemitteilung entbindet einen Journalisten nicht von seinen Aufgaben: kritisch zu hinterfragen und Lesern, Zuhörern und Zuschauern das ganze Bild zu präsentieren – nicht nur den Ausschnitt, den ihm eine Presseabteilung vorsetzt.

Zusatz: Fairerweise muss man sagen, dass es bei unseren inzwischen über hundert Gutachten immer wieder auch vorkam, dass die Pressemitteilung in vielen Punkten besser war (informativer, differenzierter) als der resultierende journalistische Beitrag, wie etwa in diesem Beispiel hier.

 

LINK
Influence of medical journal press releases on the quality of associated newspaper coverage: retrospective cohort study

http://www.bmj.com/content/344/bmj.d8164


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