Sprechstunde

Medien-Doktor Beschwerde: Presserat rügt BILD Online

Wir hatten erstmals – nach rund zweihundert Bewertungen medizinjournalistischer Beiträge – beim Deutschen Presserat eine Beschwerde gegen ein Medium eingereicht. Anlass war die Berichterstattung auf BILD Online zum Thema Vorzeitiger Samenerguss. Im Beitrag war nicht nur das einzige Medikament mit dem Markennamen erwähnt worden, es wurden auch Fragen und Antworten zum Thema aus einer Telefonaktion präsentiert, die augenscheinlich von BILD Online durchgeführt worden war („Guten Rat zu allen Fragen zum Frust mit der zu schnellen Lust hatten die Experten an unserem Lesertelefon.„)

Während der Recherchen zu unserer Bewertung hatte sich indes herausgestellt, dass die Telefonaktion gar nicht von BILD Online, sondern von einer spezialisierten PR-Agentur (PR|NRW) veranstaltet worden war. Auftraggeber war die Münchner Agentur MW Office PR, eine Agentur, die für den Hersteller Berlin-Chemie die Werbekampagne für das Mittel Priligy (Wirkstoff Dapoxetin) durchführt, dem Mittel gegen Vorzeitigen Samenerguss.

Der Frage-  und Antworttext im BILD Online-Artikel hatte nicht die bild.de-Redaktion erstellt, sondern die PR-Agentur auf Grundlage der Frage- und Antworten ihrer Telefonaktion. Diesen vorbereiteten Text hatte die Redaktion umfangreich übernommen, ohne dies ihren Lesern kenntlich zu machen.

Der Presserat erteilte daher BILD Online jetzt eine öffentliche Rüge:

„Gegen BILD Online sprach der Beschwerdeausschuss eine öffentliche Rüge wegen eines Artikels über die medikamentöse Therapie bei vorzeitigem Samenerguss aus. Die Redaktion hatte darin umfangreich Material einer für den Medikamentenhersteller tätigen PR-Agentur wörtlich übernommen und nicht entsprechend gekennzeichnet. Außerdem wurden Preis und Handelsname des Medikaments genannt. Der Ausschuss sah darin einen Verstoß gegen das Verbot der Schleichwerbung und die Sorgfaltspflichten im Umgang mit PR-Material (Richtlinie 7.2 des Pressekodex).“

BILD Online hat inzwischen den Artikel geändert: der Handelsname taucht im Text nicht mehr auf, Leser erhalten die Information, dass die Telefonaktion von einer PR-Agentur durchgeführt wurde („Guten Rat zu allen Fragen zum Frust mit der zu schnellen Lust hatten die Experten in einer von der Agentur „PR/NRW“ durchgeführten Telefonaktion.„).

Wir hatten den BILD Online-Artikel mit einem von fünf Sternen bewertet, weil neben den angesprochen Mängeln auch viele andere Aspekte, die unsere Kriterien abdecken, Lesern nicht ausreichend erklärt wurden.

Schon während unserer Recherchen zeigte sich, dass die Masche „Redaktion übernimmt Telefonaktion von PR-Agentur“ weiter verbreitet ist, als manchen Lesern bewusst sein könnte. Das Medienmagazin ZAPP des NDR nahm sich des Themas an und beleuchtete einen Fall im Versicherungsbereich.

Auf der Sitzung des Presserates am 3. und 4. Dezember hatten drei Beschwerdeausschüsse insgesamt 103 Beschwerden zu verhandeln. 6 Veröffentlichungen wurden gerügt (5 öffentliche Rügen, 1 nicht-öffentliche, 18 Missbilligungen, 21 Hinweise. 42 Beschwerden wurden als unbegründet erachtet. In 4 Fällen wurden die Beschwerden als begründet angesehen, auf eine Maßnahme wurde jedoch verzichtet.)

In der Vergangenheit hatte schon ein Mal eine Bewertung eines medizinjournalistischen Artikels zu einer Reaktion des Presserates geführt. Damals hatte der Medienjournalist Stefan Niggemeier für Bildblog eine Beschwerde eingereicht.

LINKS:

„Wie schnell darf ein Mann kommen?“, BILD Online
http://www.bild.de/ratgeber/gesundheit/sex/vorzeitige-ejakulation-ejaculatio-praecox-warum-komme-ich-zu-frueh-expertenrat-31407430.bild.html

Bewertung Medien-Doktor Medizin
http://www.medien-doktor.de/medizin/2013/09/wie-schnell-darf-ein-mann-kommen

Presserat Pressemitteilung
http://www.presserat.info/inhalt/dokumentation/pressemitteilungen/pm/article/menschen-als-abschaum-bezeichnet.html


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