Sprechstunde

Lesetipps: Spenderorgane, Herzklappen, Spitzer, Überdiagnosen

Heute einige Links und Lesetipps zu Artikeln, die uns auf die eine oder andere Art positiv aufgefallen sind.

Organspende

Erster Hinweis zu einem Beitrag von Lea Wolz auf stern.de (Faktencheck Organspende: Werden Privatpatienten wirklich bevorzugt?). Sie hinterfragt die These des GRÜNEN-Politikers Harald Terpe in der Debatte um die Organspende. Ihm war aufgefallen, dass Privatpatienten augenscheinlich bevorzugt würden bei der Vergabe von Spenderorganen:

„So seien 9,7 Prozent aller Patienten, die auf einer Warteliste für eine Leber stehen, privat versichert. Der Anteil der Privatversicherten, die 2011 eine neue Leber bekamen, lag aber bei 13,1 Prozent. Ähnliche Unregelmäßigkeiten verzeichnete Terpe bei der Vergabe von Herzen, Lungen und Bauchspeicheldrüsen. Bei der Niere, dem am häufigsten transplantierten Organ, fand sich nur ein geringer Unterschied.“

Wolz lässt sich von den Prozentzahlen aber nicht täuschen, sie betrachtet die realen Häufigkeiten, und plötzlich erscheinen die Zahlen gar nicht mehr so eindeutig.

„Einen seltsamen Beigeschmack hat es außerdem, dass nur Prozentzahlen verbreitet wurden. In absoluten Zahlen erscheint der ohnehin absurde Vergleich noch absurder. Beispiel Nierentransplantation: 141 Privatpatienten erhielten Eurotransplant zufolge im Jahr 2011 eine neue Niere. Laut Warteliste müssten es Terpe zufolge 6,2 Prozent sein, was 127 Menschen entspräche. Ein Ausreißer von 14 Personen sagt bei über 2000 Operationen allerdings nichts aus – und könnte Zufall sein.“

Es erwächst der Eindruck, dass Terpe zu früh an die Öffentlichkeit gegangen ist. Er hätte erst einmal seine Daten statistisch testen müssen: Sind die Unterschiede zufällig oder real bedeutsam?

Das scheint ihm auch bewusst zu sein, wenn man diese Antwort auf Nachfrage von stern.de liest:

„Wir haben auch nie gesagt, dass Privatpatienten bei der Organvergabe bevorzugt würden“, sagte Terpe gegenüber stern.de. „Wir haben auf Auffälligkeiten hingewiesen. Nun muss überprüft werden, ob diese zufällig oder systematisch sind.“

Herzklappen

Der zweite Artikel stammt von Dennis Ballwieser aus dem Gesundheitsressort von Spiegel Online (Herzklappen: Ersatz durch die Leiste). Er viel mir deshalb auf, weil er ein Verfahren behandelt, über das auch bereits andere Artikel berichtet haben, die wir hier beim Medien-Doktor bewertet haben. Es geht um den Austausch von Herzklappen. Dieser wurde normalerweise durch eine aufwändige Operation durchgeführt, bei der der Brustkorb eröffnet wurde. Ein nicht unerheblicher Eingriff. seit einigen Jahren wird zunehmend häufiger ein anderer Weg gewählt: Der minimal-invasive Eingriff per Katheter, der in der Leistengegend in die dortige Arterie eingeführt wird und dann bis zum Herzen vorgeschoben wird. Statt eines großen, blutigen Eingriffs in der Brust benötigt es dafür nur eines kleinen, unauffälligen Schnitts in der Leistengegend.

Wenn über eine „minimal-invasive Katheter-OP“ berichtet wird, wird sie als „sanft“ und „weniger belastend“ beschrieben. Das mag sein, aber auch dieser Eingriff hat seine Nachteile und Risiken. Das haben die Artikjeln, die wir hier (zur Herzklappen-OP) und hier (zu einer anderen minimal-invasiven OP) begutachtet haben, ihren Lesern nicht erklärt.

Anders der Spiegel Online Beitrag. Nach dem Hinweis, dass das Verfahren nur für einen bestimmten Kreis von Patienten geeignet ist, heißt es:

„Obwohl die neue Methode so verlockend simpel klingt, ist sie nicht frei von weiteren Risiken. In einer Untersuchung fiel den Forschern auf, dass Patienten im ersten Monat nach dem Kathetereingriff häufiger Schlaganfälle bekamen als operierte Patienten. Beim Hantieren mit dem Katheter können Plaques von den Herzklappen und Gefäßen gelöst werden, die ins Gehirn gelangen und dort einen Schlaganfall auslösen können.

Ein anderes Problem sind undichte Klappen. Bei einer Operation können die Chirurgen die Ersatzklappe per Hand ganz genau einpassen. Sitzt jedoch die per Katheter implantierte Klappe nicht richtig, wird es für den Patienten gefährlich.“

Auch den Kostenaspekt erklärt er, und es wird deutlich, warum das ein wichtiger Aspekt in der Gesundheitsberichterstattung ist:

„Die Frage, wie die Masse der Patienten künftig ihre neue Herzklappe bekommt, ist nicht zuletzt auch eine wirtschaftliche. Mehr als 30.000 Euro kostet die Katheter-Prozedur, verglichen mit der Operation können Kliniken fast das Doppelte abrechnen. Deutschland ist bei der Methode weltweit Spitzenreiter: 2010 setzten Ärzte fast 5000 Patienten mit Hilfe des Verfahrens eine neue Aortenklappe ein.“

Spitzer

Christian Weymayr, einer unser Gutachter, empfiehlt gleich zwei Artikel aus der Süddeutschen Zeitung (von denen leider nur einer auch online verfügbar ist: Krude Theorien, populistisch montiert), die sich mit einem der Topthemen der letzen Wochen befassen. Christian schreibt:

„Ihren gesamten Platz auf der Wissens-Seite widmete die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe von Samstag/Sonntag einem Thema: dem Buch „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer, das seit Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste steht. Eine gute Entscheidung der Redaktion, denn so bekommen die Autoren Werner Bartens und Christian Weber für ihre beiden Artikel ausreichend Raum, um das Buch des Bestsellerautors und Leiters der Psychiatrie der Uniklinik Ulm zu demontieren sowie dessen schludrigen Umgang mit Studien gründlich zu belegen. Ein Lehrstück für vorbildlichen Wissenschaftsjournalismus, der sich auch von großen Namen nicht beeindrucken lässt.“

Überdiagnosen

Und zum Schluss noch ein Hinweis auf den Start einer Artikelserie der amerikanischen Online-Seite The Conversation zum Thema Überdiagnosen (Preventing over-diagnosis: how to stop harming the healthy). Was das ist, hier eine Erklärung:

„To put it simply, over-diagnosis happens when people are diagnosed with diseases or conditions that won’t actually harm them. It happens because some screening programs can detect “cancers” that will never kill, because sophisticated diagnostic technologies pick up “abnormalities” that will remain benign, and because we are routinely widening the definitions of disease to include people with milder symptoms, and those at very low risk.“

Teil 2 ist auch bereits online, sie wird in den kommenden zwei Wochen täglich fortgesetzt.

 

Die Artikel:

Faktencheck Organspende Werden Privatpatienten wirklich bevorzugt?
http://www.stern.de/gesundheit/faktencheck-organspende-werden-privatpatienten-wirklich-bevorzugt-1890103.html

Herzklappen: Ersatz durch die Leiste
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/herzklappen-operation-mittels-katheter-durch-ueber-die-leiste-a-854346.html

Krude Theorien, populistisch montiert
http://www.sueddeutsche.de/digital/bestseller-digitale-demenz-von-manfred-spitzer-krude-theorien-populistisch-montiert-1.1462115

Preventing over-diagnosis: how to stop harming the healthy
http://theconversation.edu.au/preventing-over-diagnosis-how-to-stop-harming-the-healthy-8569

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