Sprechstunde

Japan, die Medienkritik und das generelle Risiko(miss)verständnis

Sollten Journalisten weniger über die Atomkatastrophe und ihre möglichen Folgen in Japan berichten als über das aktuelle Leid der von Erdbeben und Tsunami gebeutelten Menschen? Nein, denn auf mögliche Risiken hinzuweisen ist eine der wichtigsten Aufgaben von Journalisten – nicht nur im Medizinjournalismus.

Wie groß muss eine Katastrophe eigentlich sein, damit die Medien nicht irgendwie daran schuld sind? Traditionell kommt die Schelte der Medien als „Aufbauscher“ und „Panikmacher“ zwar auch von Medien-Nutzern selbst. Vor allem aber kommt sie gerne von Lobbyisten und anderen Interessengruppen. Oder sie kommt von einem Kommunikationswissenschaftler namens Hans Mathias Kepplinger aus Mainz.

Wenn so eine reflexartige Standardkritik jedoch angesichts einer Dreifach-Katastrophe, die für ein Hollywood-Drehbuch fast schon überzogen erscheint, doch gar zu abwegig wird, bleibt offensichtlich ein anderer Ausweg: Man kritisiert die Gewichtung der drei Einzelkatastrophen innerhalb der Gesamtkatastrophe: „Die Berichterstattung hat sich sehr schnell vom eigentlichen Elend (…) auf die Risiken der Kernkraft verlagert“ und in den Berichten gehe es nun unverhältnismäßig „um das mögliche Leid statt um das tatsächlich vorhandene Leid von hunderttausenden Menschen.“ Das jedenfalls erfährt man von Kepplinger in der Zeitung Der Standard.

Nun gehört die Kernkraftdebatte (noch) nicht zum Kerngeschäft des Medien-Doktor (zumal da andere Kollegen den womöglich „verspäteten Faschingsbeitrag aus Mainz“ in dieser Hinsicht schon angemessen kommentiert haben.) Die Frage des Umgangs mit Risiken ist hingegen eines unserer zentralen Kriterien bei der Bewertung von medizinjournalistischen Beiträgen. Wendet man die Logik der oben zitierten Passagen nun darauf an, könnte man indes zu dem Schluss kommen, es handle sich um ein zu vernachlässigendes Kriterium – schließlich, solle man ja eher über „tatsächlich vorhandenes“ (als nur mögliches) Leid berichten. Was aber steckt da für ein Journalismusverständnis dahinter? Und was für ein Risikoverständnis?

Beginnt man mit dem Risiko(miss)verständnis, so hat man es hier auch mit einer (bewussten oder unbewussten) Verwechslung von Risiko und Wahrscheinlichkeit zu tun. Bei der Korrektur hilft der Blick in eine Branche, die sich mit so etwas nicht nur auskennt, sondern sogar davon lebt: der Versicherungswirtschaft. Dort ist Risiko vereinfacht definiert als

„Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts  x  Ausmaß dieses Schadens“.

Mit anderen Worten: Der Hinweis darauf, dass ein Ereignis (sei es eine Kernschmelze oder eine Arzneimittelnebenwirkung) extrem unwahrscheinlich sei, liefert immer nur die halbe Wahrheit. Eine häufige Nebenwirkung wird man schließlich gerne in Kauf nehmen, wenn sie nicht besonders schwer ist. Eine (relativ…) unwahrscheinliche Kernschmelze im Kernkraftwerk hingegen zweifellos weniger gerne – angesichts ihrer möglichen katastrophalen Folgen für unzählige (und eben nicht „nur“ hunderttausende, siehe Zitat oben) Menschen. Schon nach diesem Risikoverständnis allein war die Entscheidung der Medien leicht nachzuvollziehen, sich in Japan neben den unmittelbaren Folgen von Erdbeben und Tsunami besonders stark auf die atomaren Aspekte zu konzentrieren. Immerhin ist das Ausmaß eines Schadens wie der Kontamination von Japans Ballungszentren so gewaltig, dass das Risiko hierfür bereits immens ist, wenn die Wahrscheinlichkeit dafür immer noch als recht gering erscheinen sollte.

Mögliche Risiken nicht marginalisieren

Und das Journalismusverständnis? Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Journalismus, auf mögliche Risiken hinzuweisen, sie in die öffentliche Debatte zu tragen, als eine Art „Frühwarnsystem der Gesellschaft“ zu agieren. Dass Risiken nicht, wie es mit Blick auf Auflagen und Quoten in der Tat regelmäßig geschieht, übertrieben werden sollen, versteht sich von selbst – der Pressecodex (pdf) widmet diesem Punkt zumindest für die Medizinberichterstattung sogar eine eigene Ziffer („Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte.“). Abgesehen vom wie einer Risikoberichterstattung dürfte es aber nicht in Frage stehen, dass (gerade auch Medizin)Journalisten vorwärtsgewandt berichten sollten. Wer die Darstellung des künftig Möglichen oder Wahrscheinlichen marginalisiert, reduziert den Journalismus auf eine simple Abschrift des Polizeiberichts über einen Unfall, in dem oft nicht viel mehr Information drinsteht als „Zwei Leichtverletzte, drei Schwerverletzte, 10 000 Euro Sachschaden“. Die entscheidende Frage, was aus den Geschehnissen folgt, den Blick auf das Mögliche, klammert dieser jedoch aus.

Dass es sich beim Umgang mit Risiken und Ungewissheiten mit um das schwierigste journalistische Terrain handelt, dürfte indes unbestritten sein. Zugegebenermaßen fragt man vielleicht zunächst nach der Sinnhaftigkeit von so mancher TV-Schalte nach Japan, in der ein Korrespondent vor der Kamera sagt, er wisse nicht mehr als vor zwei Stunden und da wusste er auch schon nichts Genaues. Andererseits war aber genau dies sogar ein Teil der Information: Die Katastrophenlage ist nach wie vor so groß und unübersichtlich, dass man eben kaum weiter kommt. Und die Informationspolitik ist so bedenklich schlecht, dass die Journalisten live vor Ort nur genau dieses Informationsdefizit abbilden können.

Über die Notwendigkeit eines „Brennpunkts“, einer Sondersendung zur Verletzung von Michael Ballack vor der WM (Wer war nochmal gleich Michael Ballack…?), darüber möcht man streiten, aber an Umfang und Intensität der jüngsten Berichterstattung aus Japan gibt es (zumindest jenseits der Boulevardmedien) angesichts der Ereignisse und seiner Umstände nicht viel zu mäkeln. Die Journalisten, die vor Ort geblieben sind, verdienen jedenfalls vor allem eines: Respekt, dass sie sich dem Risiko aussetzen, um uns in unserem bequemen Fernseh- und Lesesesseln mit Informationen zu versorgen.


VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 0.0/5 (0 votes cast)

Schreiben Sie uns...