Sprechstunde

idw: 20 Jahre und ein bisschen weise

Dieser Satz aus der idw-Pressemitteilung über die beste idw-Pressemitteilung 2014 ist fast perfekte PR:

„Vor allem die drei ausgezeichneten Pressemitteilungen, aber nicht nur sie beweisen all jenen Kritikern das Gegenteil, die in der Wissenschaftskommunikation nur noch Hochglanz-PR sehen, mit der entweder dem Wissenschaftsjournalismus oder gar der Wissenschaft geschadet werde.“

Reduziert auf die Kernaussage handelt es sich dabei um eine altbekannte Argumentationsfigur: „Dass der kettenrauchende Opa 80 Jahre alt geworden ist (und nicht nur er), beweist all jenen das Gegenteil, die Rauchen nur für gesundheitsschädlich halten.“

Das hat mit Wissenschaft und Beweisen natürlich rein gar nichts zu tun und eigentlich wollten wir in unserem Medien-Doktor-Blog zum 20sten idw-Geburtstag ja vor allem etwas Nettes schreiben. Immerhin ist man als mit-vierziger Wissenschaftsjournalist quasi mit dem Dienst auf- und dieser einem irgendwie etwas ans Herz gewachsen. Also halten wir einfach fest: Ja, es gibt gute Pressemitteilungen, im idw und anderswo im Universum (und nicht nur aus Schweden, wo der erste Preisträger in diesem Jahr herkommt). Und wir halten auch fest: Es gibt viele Pressesprecher aus der Wissenschaft, die ihre Arbeit verbessern möchten.

Für diese sind wir aus dem Medien-Doktor-Team gleich zu zweit gerne nach Berlin gekommen, um in zwei Workshops (zusammen mit Ina Helms und Andreas Archut) über gute Pressearbeit zu diskutieren. Im Gepäck hatten wir zwei (nach unserer gewohnten stratifizierten Zufallsauswahl) aus dem idw heruntergeladende Pressemitteilungen aus den Bereichen Medizin und Umwelt. Das war zugegebenermaßen auch für uns ganz interessant, denn wir wollten wissen, ob die Kolleginnen und Kollegen aus den Pressestellen größere oder nur kleinere Schwierigkeiten sehen würden, unsere Kriterien auf eine bestimmte Form von Pressemitteilungen anzuwenden. (Uns selbst gelingt das im Rahmen unseres PR-Watch und unseres BMBF-Projekts bisher erstaunlich gut; aber wir arbeiten eben auch nicht in Pressestellen).

Zusammenfassend könnte man nach den beiden Workshops vollmundig sagen: Die Ergebnisse beweisen all jenen Kritikern das Gegenteil, die glauben, originäre (wissenschaftsjournalistische) Qualitätskriterien ließen sich nicht in weiten Teilen auch auf verschiedene Produkte der Wissenschaftskommunikation (wie Pressemitteilungen) anwenden. Gleichwohl deuten sie an, dass es im idw auch nach Einschätzung der Teilnehmer mindestens eine schlechte Pressemitteilung gibt. Und man möchte hinzufügen: die dem Ansehen der Wissenschafts-PR und auch dem Ansehen des idw schaden könnte. Die spontanen Wertungen der Pressesprecher für diese Pressemitteilung zu einem Thema  aus der MEDIZIN aus dem ersten Workshop sahen jedenfalls so aus:

Bewertungen einer Pressemitteilung der Uniklinik Ulm durch  Workshopteilnehmer.

Damit wäre die Pressemitteilung mehrheitlich auf ganze 2 von 5 Sternen gekommen; in unserer eigenen Wertung per Doppelgutachten kamen wir auf 1 von 5 Sternen, wobei wir das Kriterium 6 (Neuheit) zugegebenermaßen spontan auch erst (wie die Mehrheit der Kollegen aus den Pressestellen) als „erfüllt“ gesehen hatten – und erst nach längerer Recherchezeit (die die Workshop-Teilnehmer nicht hatten) dann doch negativ bewerten. Ansonsten bleibt festzuhalten: Die Mehrheit sah das Kriterium Nutzen zunächst positiver als wir, näherte sich aber in der Diskussion unserer Einschätzung an. Umgekehrt fand das Medien-Doktor-Team die Pressemitteilung besser in puncto (z.B. sprachlicher) Verständlichkeit und Vermittlung als die Pressesprecher(innen).

Unser ausführliches Gutachten ist nun für alle bei unserem Medien-Doktor PR-Watch nachzulesen. 

Das zweite Gutachten zu einer Pressemitteilung aus dem Bereich UMWELT findet sich hier. Bei der Diskussion im Workshop wurden vor allem die Mängel in der Darstellung des Themas kritisiert.

Bewertung einer PM UMWELT idw Berlin

Was ist damit nun wirklich „bewiesen“? Freilich noch nicht viel. Aber es gibt nach einer Reihe solcher Tests mehr und mehr Grund zur Annahme, dass Checklisten mit definierten Kriterien auch von vielen Pressesprechern durchaus als hilfreich empfunden werden und – wie eine kleine Umfrage am Rande des Workshops zeigte – dass die meisten dort bisher nicht über solche Kriterien verfügten.

Immerhin: Auch „der idw prüft, ob daraus ein Kriterienkatalog hervorgeht, den wir für Veröffentlichungen im idw verbindlich machen oder zumindest empfehlen können“ (Zitat siehe hier). Das klingt nach 20 Jahren dann tatsächlich ein bisschen weise, jedenfalls der Vorschlag des „verbindlich“-Machens. Nur allzu oft hat man sich wohl auch als idw-Team schon über schlechte Pressemitteilungen von Mitgliedern des Vereins geärgert – und musste sie dann doch unverändert verbreiten. Einen (Google- o.ä.) Alert für mehr oder weniger beliebige Pressemitteilungen aus wissenschaftlichen Einrichtungen kann sich (anders als vor 20 Jahren) heute allerdings auch ohne den idw jedermann leicht einrichten.

Es wird also Zeit für einen zusätzlichen Mehrwert zum Geburtstag; es muss künftig zumindest ein erstes echtes Qualitätsmerkmal sein, es mit seiner Mitteilung aus der Wissenschaft in den idw zu schaffen. Wissenschaftspressestellen, die mehrfach gegen verbindliche Qualitätsstandards verstoßen, sollten vom idw gesperrt werden – auch auf die Gefahr hin, dass sie im Einzelfall ihre Mitgliedschaft kündigen. Wer noch viele Geburtstage erleben will, tut gut daran, etwas für die Gesundheit zu tun. Wir kommen jedenfalls gerne zur 25-Jahr-Feier eines besseren idw.


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