Sprechstunde

Ein-Quellen-Journalismus

Sich nur auf eine Pressemitteilung oder einen Mediziner für seinen Artikel oder Beitrag zu verlassen, hat wenig mit Journalismus zu tun. Diese Form der Berichterstattung hilft Konsumenten nicht weiter – und schadet dem Journalismus selbst.

Zwei Kriterien unseres Bewertungskatalogs behandeln das Thema „Quellen“. Ein guter Artikel oder Beitrag über (neue) Therapien und Medikamente verlässt sich in seiner Berichterstattung nicht nur auf die Pressemitteilung der Uni, der Klinik oder des Fachmagazins (Kriterium 5 „Pressemitteilung„). Ebenso reicht es nicht aus, nur einen Mediziner oder Arzt als Experten zu zitieren, der womöglich noch Autor des Fachartikels ist, über dessen Ergebnisse berichtet wird, oder der Chefarzt der Abteilung ist, deren neues Operationsverfahren vorgestellt wird (siehe Kriterium 4 „Experten„).

Gerade erst hat Christian Weymayr hier im Blog am Fall einer Meldung des Gesundheitsmagazins netdoktor.de beschrieben, welche problematischen Facetten damit verbunden sein können, wenn sich ein Autor nur auf die Pressemitteilung verlässt. Der Dienst am Leser wird so zum Bärendienst.

Es schadet aber nicht nur Lesern, Zuschauern und Zuhörern, wenn Journalisten ihre Arbeit nicht machen. Auf lange Sicht schneiden sich Journalisten ins eigene Fleisch. Diese Befürchtung (oder gar Warnung) zum Thema Ein-Quellen-Journalismus formulierte kürzlich Kai Kupferschmidt im immer wieder lesenswerten Hirnscanner, der kritischen Medienanalyse des Neuroportals „dasGehirn.info„. Er schreibt:

„Man darf sich fragen, wozu man überhaupt noch Wissenschaftsjournalisten braucht, wenn sie nichts anderes machen, als die Quelle einer Pressemitteilung zu nutzen. Greifen solche Methoden weiter um sich, laufen wir Journalisten Gefahr, uns überflüssig zu machen (…).“

Ärzte, Kliniken und Pharmafirmen sind an einer positiven Berichterstattung über ihre Ergebnisse interessiert, das liegt in der Natur der Sache (auch wenn es immer wieder Beispiele gibt, die zeigen, dass auch Pressemitteilungen ein Thema durchaus differenziert darstellen und besser ausfallen als der journalistische Beitrag). Journalisten degradieren sich zum Sprachrohr ihrer einzigen Quelle, wenn sie sich alleine auf sie verlassen. Diesen Job sollten wir den Presseabteilungen überlassen.

Nachtrag:

Unsere erste kurze Auswertung nach 120 Bewertungen zeigt übrigens, dass sich nur in einem von vier Beiträgen die Autoren zu sehr auf die Pressemitteilung verlassen haben, was kein so schlechtes Ergebnis ist. In mehr als 70 Prozent der bewerteten Beiträge haben wir aber das Kriterium „Experten“ als „nicht erfüllt“ gewertet: Entweder, weil im Artikel nur ein Experte zu Wort kommt oder weil Interessenkonflikte nicht ausreichend berücksichtigt wurden. 

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