Sprechstunde

EHEC: Die richtige Dosis zwischen Wahn und Warnung

Ist das jetzt alles wieder nur unnötige Panikmache oder begründete Alarmstimmung in der Berichterstattung über den EHEC-Erreger. Eines ist klar: Der Grat ist schmal in diesem Feld des Medizinjournalismus‘. Nur wer die Informationen einordnet, hilft Lesern, Zuhörern und Zuschauern die Lage zu verstehen.

Nein, liebe BILD, wir werden nicht alle sterben – auch dieses Mal noch nicht, egal was da im Darm gerade für „Horror-Keime“ los sind.  Zugegeben aber: Ein bisschen gewarnt werden darf schon. Nicht nur Journalisten, sondern auch Seuchenmediziner und Hygieniker stellt eine solche „Bisschen-Warnung“ vor übertragbaren Erkrankungen allerdings regelmäßig vor ein ernsthaftes Problem: Ist die Warnung nicht deutlich genug, verpufft ihre Wirkung sofort – eine Erkrankung wird ungebremst weiter übertragen, und es infizieren sich mehr Menschen als nötig. Positiv betrachtet  hilft die Bild-Titelseite also womöglich sogar dabei, Leben zu retten. Allerdings: Ist die Warnung zu dramatisch (Horror?!!), haben Menschen unnötig Angst – ebenfalls ein nicht zu unterschätzendes Problem. Bei Warnungen kommt es also – kaum anders als bei Medikamenten – auf die richtige Dosis an; sonst wird aus der Warnung schnell Wahnsinn.

Wo gibt’s Informationen?

Wer sich nun selbst ein fundiertes Bild von EHEC und EHEC-Warnungen aus früheren Jahren machen möchte, hier ein kleiner Recherchetipp für Betroffene, Journalisten, Interessierte (und natürlich auch Hypochonder): Für alle Infektionskrankheiten, die man niemals haben möchte, bietet das Robert Koch-Institut eine Liste „Infektionskrankheiten A-Z“; hier beispielsweise für EHEC-Infektionen. Ein aktuelles EHEC-Informationsblatt (pdf) bietet auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Und wer sich international tiefer einlesen möchte, wird hier umfassend für die EU bedient. Nicht zu vergessen die Informationsseiten der amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention sowie die des europäischen Pendants, des European Centre for Disease Prevention and Control.

Sind das jetzt viele oder wenige Betroffene?

Bleibt noch die Frage, ob die ganze Aufregung wirklich berechtigt ist oder nicht? Schließlich sind doch bisher „nur“ rund 300 Menschen (bei, laut RKI, rund 80 schweren Verläufen) in den letzten Tagen betroffen. Das Problem dabei: Wenn Leser oder Zuschauer keine Vergleichszahlen geliefert bekommen, ist es schwierig die Angaben einzuordnen. Wichtig sind Informationen wie: Wie viele Menschen erkranken sonst im Jahr in Deutschland? Wie viele trifft es bei einem schwerwiegenden Ausbruch? Wie viele Betroffene sterben infolge der Infektion in welchen Altersklassen?

Erst wenn man weiß, dass in Deutschland in einem „normalen“ Jahr etwa 900 EHEC-Erkrankungen (Quelle: BfR) im ganzen Jahr gemeldet werden (dpa meldet z.B.  „laut RKI 800 bis 1200 Fälle“), dann erst kann man verstehen, dass der Horror zwar weit weg ist, die Behörden aber durchaus unruhig werden.

Hände waschen sowieso immer

Am Schluss jenseits der Warnung noch der praktische Tipp: Ja, Gemüse waschen und vor allem Hände waschen nach dem Toilettengang ist stets eine gute Idee, auch wenn im Darm gerade nichts besonderes los ist. Hygiene ist das beste Gegenmittel gegen Keime und Infektionen, auch wenn gerade kein besonderes Drama auf der Tagesordnung steht. Insofern mag der sanfte Druck der Schlagzeilen tatsächlich auch sein Gutes für die Alltagshygiene haben, über deren Förderung sich Wissenschaftler immer wieder Gedanken machen – zum Beispiel hier (pdf) (die Förderung der Studie durch die Seifen-Industrie halten wir in diesem Fall übrigens für akzeptabel).

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