Sprechstunde

Der Zeckenhorror geht weiter

Die Zahl der FSME-Erkrankungen in Deutschland ist um 63 Prozent gestiegen, meldet das RKI. Diese Aussage könnte man für besorgniserregend und berichtenswert halten, wenn man tatsächlich nur die Jahre 2010 und 2011 betrachtet – so wie es eine Vielzahl der Medien in den letzten Tagen getan hat. Die Besorgnis verschwindet, sobald man sich einfach ein paar mehr Jahre anschaut.

Gerade erst hatte ich in einem Nachtrag zu einem Artikel über Zeckenberichterstattung erklärt, wie wichtig es ist, sich immer mehrere Jahre eines Zeitraums anzusehen, wenn man eine Steigerung (zum Beispiel der FSME-Erkrankungszahlen) von einem Jahr zum nächsten einordnen will.

Aber es ist Zeckensaison und der „Horror“ geht weiter. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat am Dienstag sein neues Epidemiologisches Bulletin heraus gebracht, unter anderem zum Thema FSME-Risikogebiete. Wie jedes Jahr werden die Risikogebiete, in denen eine Impfung gegen FSME empfohlen wird, bundesweit ausgewiesen. Zudem wird die Anzahl der gemeldeten FSME-Fälle in ganz Deutschland für das vergangene Jahr bekannt gegeben. Dazu heißt es: 

„Im Jahr 2011 wurden insgesamt 423 FSME-Erkrankungen übermittelt, die die Referenzdefinition des RKI erfüllten (Datenstand: 20.04.2012). Dies entsprach einem deutli- chen Anstieg gegenüber dem Vorjahr (260 FSME-Erkran- kungen) um 63 %.“

Diese Angaben wird ohne weitere Einordnung von dpa wie AFP übernommen, und landet (mit oder ohne ein bisschen Einordnung) bei einer Vielzahl von Medien:

 

Besonders beeindruckt war offenbar die Rhein-Zeitung in Koblenz: Sie brachte die Meldung heute gestern gleich ganz prominent auf der Titelseite oben links und suggeriert, dass es wohl immer gefährlicher wird, sich draußen aufzuhalten:

 

Selbst Spiegel Online fand die Entwicklung zeitweise „besorgniserregend“, was aber inzwischen korrigiert wurde.

Aber was ist eigentlich so „besorgniserregend“? Ein Blick auf die Jahre zuvor hätte gezeigt, das früher in manchen Jahren alles noch besorgniserregender war – oder auch gerade nicht, je nachdem welche Jahre man sich ansieht. Ob im Jahr 2007 jemand titelte: „Infektionsrisiko sinkt“?.

In der Gesamtschau erscheint der Wert aus 2011 zwar durchaus hoch, aber durchaus auch innerhalb normaler Schwankungsbreiten.

Ganz unschuldig erscheint mir das RKI indes nicht zu sein:

Anstatt eine übersichtliche Grafik wie die meinige oben zu präsentieren, erklärt es im Bulletin-Text etwas kompliziert:

„Mit Ausnahme der Jahre 2005 und 2006, in denen mit 432 bzw. 546 Fällen ebenfalls ein star- ker Anstieg verzeichnet wurde, lag die jährlich übermittelte Zahl der FSME-Fälle in den Jahren 2002 bis 2010 auf relativ stabilem Niveau mit einer Spanne von 239 bis 313.“

Daraus lässt sich keine Zahlenreihe erstellen. Dafür muss man unter SurvStat@RKI selbst die Zahlen zusammenstellen, die dann zeigen, dass es eigentlich noch nichts zu melden gibt. Das wäre wohl erst der Fall, wenn auch in den nächsten Jahren die Zahl der FSME-Fälle steigt. Aber selbst dann gilt: Das Risiko bewegt sich auf extrem niedrigen Niveau, und beschränkt sich fast ausschließlich auf Süddeutschland. Hinzu kommt: Nur ein Teil der Infektionen verlaufen schwerwiegend.

Nachtrag: Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie gering das Risiko ist, sich mit dem FSME-Virus zu infizieren und dann noch eine schwereren oder sogar tödlichen Verlauf zu erleiden, empfehle ich das Merkblatt von Gesundheitsinformation.de zum Thema Zecken.

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