Sprechstunde

Das Problem der DAK-Raucherstudie

Wir (z.B. hier) und vor allem unsere US-Kollegen haben immer wieder auf das Problem der Berichterstattung über Beobachtungsstudien hingewiesen. In den Artikeln und Beiträgen werden sprachlich meist kausale Zusammenhänge hergestellt („X führt zu Y“), obwohl dies mit dieser Art von Studie so direkt nicht möglich ist. Eine zurückhaltender Sprache wäre angebracht.


 

Grafik aus dem Pressematerial der DAK: Mit Streuung der Messwerte.

Ein besonders prominentes Beispiel gab es zuletzt im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Raucherstudie der DAK, die bundesweit zu einem großen Medienecho führte. Es gab eine weitgehend einheitlich unkritische Berichterstattung mit dem Fazit: Rauchverbote in Kneipen und Restaurants retten Tausende Leben, und dass sei schon nach einem Jahr messbar gewesen.

Grafik aus dem Fachartikel: Mit Streuung der Datenpunkte.

Was man an dieser Studie, die im Fachmagazin „Clinical Research in Cardiology“ veröffentlicht wurde, kritisieren kann, hat Bastian Rottinghausen in Telepolis beschrieben (leider nicht immer ganz für Laien verständlich beschrieben):

„In der Tat liegt die Fehlerwahrscheinlichkeit für den Unterschied der beiden Regressionskoeffizienten (vor und nach der Einführung des Rauchverbots, vgl. Abbildung) bei weniger als 0,01%, weshalb dieser als signifikant bezeichnet werden darf. Was die Argumentation der Autoren jedoch vorenthält, ist die Tatsache, dass es sich hierbei allein um eine Funktion der extrem hohen Fallzahl (bei hohen Fallzahlen wird bereits der kleinste Effekt überzufällig) und des gewählten Zeitraums handelt: Die Schwankungen der Trends um die Regressionsgeraden sind so dramatisch [siehe Grafik oben, Anmerkung Red.], dass es beispielsweise bei der Herzinfarktquote genügt hätte, den Beobachtungszeitraum um ca. zwei bis drei Monate zu verkürzen (also bis zum Zeitpunkt neun bis zehn Monate nach der Einführung der Rauchverbote), um eine Regressionsgerade zu produzieren, die auf eine Erhöhung der Erkrankungsrate hindeutet: Neun bis zehn Monate nach der Einführung der Rauchverbote erreicht der Trend schließlich sein absolutes Maximum. (…)“

„(…) , bliebe festzuhalten, dass es das Studiendesign selbst ist, das die Studie jeglicher Aussagekraft beraubt. Ohne die Überprüfung auf der Individualebene, ob diejenigen, für die die Nichtraucherschutzgesetze vornehmlich ihre Wirksamkeit entfalten könnten (beispielsweise für Restaurantbesucher und Kneipengänger) auch diejenigen sind, bei denen eine geringere Erkrankungsquote festzustellen ist (und dies auch bei Berücksichtigung weiterer Risikofaktoren), bleiben die Ergebnisse wertlos. Denn selbst wenn sich der Knick im Erkrankungstrend als „wahr“ und nicht nur als statisches Rauschen herausstellen sollte, könnte keine valide Aussage darüber getroffen werden, ob nun die Nichtraucherschutzgesetze oder die Veränderung eines anderen Faktors für den neuen Trendverlauf verantwortlich sind.“

Welche wichtige Rolle Beobachtungsstudien in der Medizin gespielt haben und natürlich immer noch spielen, wird in den Kommentaren zu diesem Blogpost bei Healthnewsreview.org deutlich. Zugleich sollten Journalisten aber immer daran denken, dass „Studien“ eben nicht alle gleich sind und eine unterschiedliche Aussagekraft  besitzen, die in einem Artikel auch sprachlich deutlich werden sollte.

LINK: 

Studie zur Wirkung des Nichtraucherschutzgesetzes in Deutschland ist fragwürdig
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36611/1.html 

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