Sprechstunde

Brokkoli, schwerverdaulich

Eine Meldung des Gesundheitsportals „Netdoktor“ gibt formal korrekt eine dubiose Pressemitteilung einer US-Universität wieder. Grund genug für das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, den Missstand anzuprangern – allerdings nur den journalistischen.

Die Seite Netdoktor.de titelte am 4. April: „Brustkrebs: Brokkoli verlängert Leben“. Eine Studie aus den USA und China hätte demnach ergeben, dass Frauen mit Brustkrebs, die besonders viel Gemüse wie Brokkoli aßen, nach 36 Monaten ein um 62 Prozent reduziertes Risiko hatten, an Brustkrebs zu sterben. Eine frohe Botschaft, die schnell die Runde machte und ihren Weg auf die Internetseiten vieler Arztpraxen und Gesundheitsdienste fand.

Manchem platzte aber auch der Kragen ob solcher journalistischer Naivität. Zuletzt empörte sich das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, (dessen Mitglied ich bin): „Evidenzbasierter Wissenschaftsjournalismus scheint eine Utopie zu sein“ überschrieb die 2. Stellvertretende Vorsitzende des Netzwerks, Gabriele Meyer, Professorin für Klinische Pflegeforschung an der Universität Witten/Herdecke, eine Pressemitteilung am 13. April.

Frau Meyer hat ja Recht: Es ist tatsächlich ein „unzulänglicher und gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern unverantwortlicher Zustand“, wenn „die oftmals fälschlichen und euphemistisch verklärten Pressemitteilungen der akademischen Zentren oder medizinischen Journale repetiert“ werden, „um Schlagzeilen zu generieren“. Für Journalisten sollte es deshalb, so Meyer, zum Handwerk gehören, Studien richtig einordnen zu können und zu erkennen, wenn eine Studie keine Kausalaussagen zulässt. Meyers Fazit: „Medizinjournalisten benötigen Grundkenntnisse der Evidenzbasierten Medizin.“

Einrichtungen wie der Medien-Doktor seien da aber nur „ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn es nicht möglich ist, die Verantwortlichen der Medien selbst vom Wert der redlichen wissenschaftlichen Berichterstattung zu überzeugen und entsprechende Bildungsangebote in die Curricula der Journalistenbildung zu integrieren.“ Mit ihrem letzten Halbsatz liegt sie indes falsch: So sind der Medien-Doktor ebenso wie die allgemeinen Grundlagen der EbM bereits fester Bestandteil etwa des Curriculums für Wissenschaftsjournalismusstudierenden in Dortmund. Darüber hinaus gehört der Medien-Doktor inzwischen auch zur Volontärsausbildung bei dpa.

Tatsächlich fordert der Medien-Doktor in seinen Kriterien, dass Journalisten Studien richtig einordnen, Vor- und Nachteile angemessen nennen und sich nicht nur auf eine Quelle zu beschränken, und schon gar nicht nur auf eine Pressemitteilung. Somit hätte die Netdoktor-Meldung bei einer Bewertung durch den Medien-Doktor eher schlecht abgeschnitten.

Ein Kriterium hätte sie jedoch erfüllt: die „Faktentreue“. Denn der Beitrag hält sich ziemlich genau an die Pressemitteilung, die sie als alleinige Quelle angibt. Die PM trägt den Titel: „Eating cruciferous vegetables may improve breast cancer survival“. Ihr Kernsatz: „Survival rates were influenced by vegetable consumption in a dose–response pattern.“ Konkret: „Women who were in the highest quartiles of intake of vegetables per day had a 62 percent reduced risk of breast cancer mortality“.

Daten angefordert, aber nicht bekommen

Was hätten die Journalisten vom Netdoktor also tun können, um mehr über die Studie zu erfahren, und so der Schelte des Netzwerks zu entgehen? Sie hätten sich zum Beispiel an den Absender der Pressemitteilung, die Pressestelle des Vanderbilt University Medical Center wenden können, mit der Bitte etwa um die Originaldaten, aus denen zum Beispiel die absoluten Todesfälle in den einzelnen Gruppen hervorgehen.

Ich habe das getan – und noch einmal die Pressemitteilung bekommen. Eine erneute Bitte um weitere Daten beantwortete dann die Studienautorin selbst, indem sie erklärte: „In regards to the values of quartiles-due to the analytic approach we used, I cannot provide the exact values for the quartiles of intake associated with the effect estimates presented“. Alles klar? Ich hakte nach und beharrte darauf, die Folien ihrer Präsentation zu bekommen. Wieder Fehlanzeige: „I cannot send you the presentation. However, we are working to publish our findings in a peer-reviewed journal and more details will be available soon.“

Kaum neue Erkenntnisse brachte die Homepage der American Association for Cancer Research (AACR), auf deren Jahrestagung die Studie vorgestellt worden war. Eine Pressemitteilung der AACR hob die Studie als eines von elf „Tagungs-Highlights“ besonders hervor. Unter dem Titel „Cruciferous Vegetable Consumption Linked to Improved Breast Cancer Survival Rates“ heißt es: „Across increasing quartiles of cruciferous vegetable consumption, risk for breast cancerspecific mortality decreased by 22 percent to 62 percent.“ Mehr Daten sind offenbar derzeit nicht zu bekommen.

Fazit: Die Journalisten des Netdoktors haben sich auf die Qualität einer Pressemitteilung einer Universität verlassen und sie einigermaßen korrekt zitiert und wiedergegeben. Sie haben es jedoch versäumt, auch als Nicht-Fachleute den Fachleuten der Universität zu misstrauen und auf die vermutlich mangelnde Aussagekraft der Studie hinzuweisen. Das Ziel, Journalisten für solche Dinge zu sensibilisieren, war einer der Gründe, weshalb beispielsweise der Medien-Doktor als Instrument der transparenten Selbstkontrolle installiert wurde.

Es ist jedoch ebenso kritikwürdig, dass Pressemitteilungen der akademischen Zentren oder medizinischen Journale oftmals fälschlich und euphemistisch verklärten werden, um Schlagzeilen zu generieren. Wissenschaftler sowie Angestellte von universitären Pressestellen benötigen Grundkenntnisse der Evidenzbasierten Medizin. Gute journalistische Arbeit ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn es nicht möglich ist, die Universitäten selbst vom Wert der redlichen wissenschaftlichen Berichterstattung zu überzeugen und entsprechend mehr Bildungsangebote in die Curricula der Forscher zu integrieren. Netzwerk, bitte übernehmen Sie!

 

Links:

Artikel auf Netdoktor.de: Brustkrebs: Brokkoli verlängert Leben
http://www.netdoktor.de/News/Brustkrebs-Brokkoli-verlaen-1136702.html 

Pressemitteilung der Universität Vanderbilt
http://www.mc.vanderbilt.edu/news/releases.php?release=2395

Pressemitteilung des ebm-Netzwerk
http://www.ebm-netzwerk.de/aktuelles/news2012-04-13-1/

Pressemitteilung der AACR-Jahrestagung
http://aacrnews.wordpress.com/2012/04/03/cruciferous-vegetable-consumption-linked-to-improved-breast-cancer-survival-rates/

 

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