Sprechstunde

ARD-aktuell – A wie ahnungslos bei Früherkennung

ARD-aktuell, die Redaktion für Hauptnachrichtensendungen wie die „tagesschau“ oder „tagesthemen“ ist „eine aktuelle, schnell reagierende Nachrichtenfabrik“. Doch wenn es um Beiträge aus Forschung und Medizin geht, verlassen die Fabrik gelegentlich auch Produkte mit sehr beschränkter Qualität – eher ahnungslos als aktuell.

Diesen Eindruck konnte man jedenfalls in der vergangenen Woche in der Ausgabe vom 22.8. gewinnen: Die Diskussion über ein bundesweites Krebsregister war den tagesthemen – völlig zu Recht – einen Schwerpunkt wert, und der Aufmacher-Beitrag zum Thema erschien auch noch ganz akzeptabel. Dann folgte aber ein Kommentar, der vom Krebsregister schon bald zum Dauerbrenner-Thema „Krebsfrüherkennung“ überging. Formal bewertet hat der Medien-Doktor den Kommentar zwar nicht (solche Meinungsbeiträge passen nur bedingt in unser Kriterienraster), aber in unsere Sprechstunde wollten wir das Stück dann doch noch schicken. Denn mit dem „aktuellen“ Stand der Forschung zur Früherkennung hat der vermeintlich aktuelle Kommentar kaum etwas zu tun – im Gegenteil: „Die Kommentatorin scheint die letzten 10 Jahre verschlafen zu haben“, urteilte einer unserer Gutachter spontan.

So erfährt der Zuschauer zunächst dies:

„Ab wann soll ich mich auf Darm- oder Gebärmutterhalskrebs untersuchen lassen? Und wie oft? Jedes Jahr oder nur alle fünf? Das soll jetzt die Selbstverwaltung regeln und die hat dazu fast vier Jahre Zeit. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele Leben gerettet werden könnten, wenn die Ärzte mit den Krebskontrollen schon im nächsten Jahr loslegen könnten.“ 

Das klingt dramatisch. Aber weiß die Kommentatorin tatsächlich nicht, dass es für verschiedene Früherkennungsuntersuchungen schon Empfehlungen (pdf) gibt? Es müssen also keineswegs vier Jahre völlig ungenutzt verstreichen, bis sich Experten geeinigt haben.

Auch hätte sich eine kompetente Journalistin auf dem aktuellen Stand der Forschung ihre eigene Frage

„Warum steht eigentlich nichts zur besseren Früherkennung von Prostatakrebs im Gesetzentwurf – bei Männern ist das mit mehr als 60 000 Fällen die häufigste Tumorart?“

zweifellos selbst beantworten können. Zum Beispiel so: Weil gerade in diesem Fall die Früherkennung die Patienten in vielen Fällen weit mehr belastet, als sie ihnen nützt, und Methoden wie der so genannte PSA-Test mehr als umstritten sind. Ein Grund hierfür: Gerade beim Prostatakrebs handelt es sich in der Regel um einen äußerst langsam wachsenden Tumor. Daher argumentieren Experten, dass bei einer Diagnose per Früherkennung im höheren Lebensalter die meisten Patienten womöglich längst verstorben sind, bevor sie den Tumor überhaupt ernsthaft zu spüren bekommen. Wie bei jedem anderen medizinischen Eingriff muss man eben auch hier den potenziellen Nutzen den möglichen Schäden, Risiken und Nebenwirkungen gegenüberstellen. Und auch eine unnötige Sorge, ausgelöst durch einen umstrittenen Test, ist eine ernst zu nehmende Nebenwirkung. Die einfache Formel des Kommentars nach dem Motto „Früherkennung ist immer gut“ gilt jedenfalls längst als überholt.

Bleibt die Frage, ob man es von den Arbeitern in einer Nachrichtenfabrik erwarten darf, ihr schnelles Kommentarprodukt vor dem Verpacken zumindest kurz in die wissenschaftliche Qualitätssicherung zu schicken (z.B. mit einem Blick in einen Fachartikel wie diesen hier) – oder wenigstens das Zeitungsarchiv zu konsultieren (z.B. hier und hier). Denn dann hätte man schnell gemerkt, dass gerade Prostatakrebs ein denkbar schlechtes Beispiel für die goldenen Verheißungen der Früherkennung ist.

Wer immer noch denkt, das seien alles nur Kleinigkeiten, hier ein Vergleich: Man stelle sich vor, in der politischen Berichterstattung der tagesthemen würde ein Kommentator die jüngsten Entwicklungen im Krisenstaat Griechenland mit Konjunkturdaten aus Portugal belegen? Hier wäre man sich wohl schnell einig: ein schwer zu entschuldigender journalistischer Kunstfehler.

In einer schnellen Nachrichtenfabrik kann schon einmal etwas daneben gehen, aber gerade in der Medizinberichterstattung sind die Ansprüche an Richtigkeit und Zuverlässigkeit hoch – eben weil es auch um die Patienten geht, wie just in solchen Kommentaren besonders gerne betont wird. Genau deshalb würde man der Nachrichtenfabrik bei Wissenschafts- und Medizinthemen gerne häufiger Produzenten wünschen, die sich wirklich mit so etwas auskennen. Über fachlich (wie journalistisch) gute Medizinredakteure und -autoren verfügt die ARD genug; man muss sie vielleicht nur noch etwas häufiger fragen, wenn man aktuell und trotzdem nicht ahnungslos dastehen will.


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