Sprechstunde

Angelina Jolie, Brustkrebs und ein Berichterstattungs-Tsunami

tagesschauWer noch daran zweifelte, wie groß der Einfluss von Prominentenschicksalen auf die Gesundheitsberichterstattung sein kann, wurde angesichts des medialen Tsunamis, den Angelina Jolies Bekanntgabe zu ihrer vorsorglichen Brustamputation in der New York Times ausgelöst hat, eines Besseren belehrt.

Es war zwar abzusehen, dass diese emotionale Mischung aus besonders schwerwiegendem chirurgischem Eingriff, Brustkrebs, Hollywood-Superstar-Status und Sexsymbol eine breite Reaktion hervorrufen würde (ein Grund, warum wir versucht hatten möglichst früh Kollegen mit einer Linkliste für die Recherche zu unterstützen). Dass es dann aber gleich so fulminant wurde, zeigt einerseits, wie gut die Nachrichtenmaschinerie es versteht, auf einen solchen Fall zu reagieren (und ihn auch auszuschlachten), es zeugt aber in vielen Fällen auch davon, wie sehr Redaktionen versucht haben, ihren Lesern und vor allem Leserinnen Antworten auf all die Fragen, Sorgen und Ängste zu geben, die ein solcher Fall auslösen kann – obwohl er medizinisch für die allermeisten Frauen gar keine Bedeutung hat, weil sie kein mutiertes, brustkrebsauslösendes BRCA-Gen in sich tragen.

BILD Titelseite

Zugleich besteht natürlich die Gefahr, dass gerade durch die Welle der Berichterstattung bei vielen Frauen erst Sorgen und Ängste entstehen, die bei größerer Zurückhaltung der Medien erst gar nicht aufgekommen wären. Die Frage ist naiv, aber wäre es vorstellbar gewesen, wenn es statt seitenweiser Berichterstattung über mehrere Tage (vom 14. Mai bis zum 23. Mai mit einem Stern-Titelbild) nur eine 20 Zeilen-Kurzmeldung auf den Promiseiten dieser Welt gegeben hätte?

Stern TitelseiteEin Blick durch die Medien zeigt, dass die Jolie-Story in unterschiedlichsten Ressorts und in großer Vielfalt abgehandelt wurde. Auf den Titelseiten landete die Story in jedem Fall, mal kleiner, mal größer. Neben den „Panorama“-Seiten gibt es zahlreiche Beiträge auf den Kommentarseiten, Blogbeiträge finden sich ebenso wie Frage & Antwort-Stücke auf den Wissens- und Gesundheitsseiten, und auch die soziologisch-kulturelle Einordnung in den Feuilletons und Kulturseiten fehlt nicht. Mediziner wurden befragt, Frauen durften ihre Geschichte erzählen („Ich hab’s gemacht wie Angeline Jolie“ – „Trotz Krebsgen: Ich habe meine Brüste behalten“), Redakteure sahen sich immer wieder genötigt den Mut der Schauspielerin, ihren Schritt öffentlich zu machen, und eine Debatte anzukurbeln über den Umgang mit Brustkrebs aber auch den Einsatz von Gentests.  Die größte inhaltliche Spreizung bekam dabei – wie zu erwarten – die BILD-Zeitung hin, die einerseits den Promifaktor bis zum letzten ausreizte, zugleich einzelne Frauen ihre Geschichte erzählen leiß, dann aber auch Ratgeberstücke bietet, die versucht konkrete Fragen zu klären.

Auch Regionalzeitungen widmen sich ausgiebig dem Thema, anstatt sich nur auf Agenturmaterial zu verlassen. Kommentare versuchen die persönliche Entscheidung zu bewerten und einzuordnen. Häufig werden Mediziner der regionalen Kliniken in Interviews befragt, es gibt Telefonaktionen mit Ärzten, um so viele Fragen und Sorgen der Leserinnen abzuhandeln wie möglich, die dann etwa bei der Koblenzer Rhein-Zeitung noch eine Woche nach Jolies Artikel in ausführliche Nachberichterstattung auf einer Seite münden.

Einige Kriterien erfüllt

Positiv ist mir aufgefallen, dass immer wieder deutlich gemacht wird, dass eine Brustamputation wie im Fall Jolie in Deutschland die Ausnahme ist. Hierzulande wird gemäß den Leitlinien auf engmaschige Kontrollen gesetzt. Orientiert man sich weiter an unserer Kriterienliste für gute Berichterstattung über medizinische Interventionen, so werden neben dem Aspekt „Alternativen“ auch weitere Punkte erfreulich oft erklärt.  So wird die Übernahme der Kosten für den Gentest und den Eingriff immer wieder ausführlicher angesprochen. Ebenso machen Redaktionen den Punkt „Verfügbarkeit“ deutlich, wenn sie etwa auf die 15 Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs verweisen, die auf alles rund um das Thema spezialisiert sind. Im gleichen Atemzug wird auch vielfach auf das BRCA-Netzwerk hingewiesen und verlinkt und als Anlaufstelle beschrieben, wo Frauen (und auch Männer) weitere Informationen bekommen.

Eher vereinzelt wird darauf verwiesen, das der chirurgische Eingriff Probleme bereiten kann (ein Aspekt, den auch Jolie nicht anspricht), und so gut wie gar nicht wird deutlich gemacht, dass auch nach der Amputation nach wie vor die Möglichkeit besteht, an Brustkrebs zu erkranken.

Problematisch erscheint mir auch, dass der Fall Jolie immer wieder benutzt wurde, um auf das Brustkrebsscreening hinzuweisen – also den zweijährlichen Check beim Frauenarzt, der dann oft nur als einfache Beruhigungspille dargestellt wird, dessen Risiken und Nebenwirkungen dann in aller Regel unter den Tisch fallen – all die falsch-positiven Fehlalarme, die Frauen unnötig beunruhigen, weil das Screening einen Verdacht ergab.

Rhein-Zeitung ZahlenVermisst habe ich Grafiken zum Thema Risiko, sie hätten auf einfache Weise etwas Licht in den Wust von Häufigkeiten, Prozentzahlen, Risikoabschätzungen und Wahrscheinlichkeiten bringen können. Selten bekamen Leser nähere Erläuterungen zu den angegebenen Prozentzahlen. Sie erfuhren zum Beispiel meist die von Jolie im Artikel bekanntgegeben Werte zu ihrem Brustkrebsrisiko, dass durch den Eingriff von 87 Prozent auf fünf Prozent gesenkt wurde. Hinterfragt hat sie kaum jemand, und so war manche Leserin vielleicht auch verwirrt, wenn sie andere Werte las – weil sich das Risiko für Brust- oder Eierstockkrebs tatsächlich ja mit dem Alter verändert. Auf die einfach Frage „Prozent von was?“ gab es eigentlich zu selten eine Antwort.

Nur vereinzelt und dann auch nur in überregionalen Medien, wurde auf medizinische Studien zu den Themenkomplex verwiesen. In der oft knappen Zeit verließen sich Redaktionen lieber auf die Aussagen der Ärzte – ein Muster, das wir auch in unseren Bewertungen finden. Die Gefahr dabei ist, dass Mediziner die Möglichkeit nutzen nur ihre, an einer Klinik favorisierten Sicht der Dinge als allgemein anerkannt darzustellen.

Promis und die Gesundheitsberichterstattung

Bisher gibt es zum Themenkomplex Prominente, Gesundheitsberichterstattung und die Wirkung auf die Rezipienten nur vereinzelte Studien. Etwa eine australische Untersuchung, die Hinweise findet, dass die Bekanntgabe der australischen Sängerin Kylie Minogue an Brustkrebs erkrankt zu sein, die Zahl von Mammographieuntersuchungen ansteigen ließ – vor allem in der Gruppe von Frauen, die bis dahin nie eine Mammographie zur Brustkrebsfrüherkennung durchgeführt hatten.

Wie sich der Fall „Angelina Jolie“ letztlich auf das Verhalten der Frauen auswirkt, etwa die Nutzung von Gentests, um ein familiäres Krebsrisiko aufzudecken, oder die Bereitschaft, am Brustkrebsscreening teilzunehmen – das wird erst die Zeit und hoffentlich einige Untersuchungen zeigen.


Links auf medien-doktor.de:

Angelina Jolie und Brustkrebs-Vorsorge: Links für die Recherche
http://www.medien-doktor.de/medizin/sprechstunde/angelina-jolie-und-brustkrebs-vorsorge-links-zur-berichterstattung-uber-brustkrebs-brca-gene-gentests/

Weitere Links:

medizin-transparent.at: Das Paradox der Brustentfernung
http://www.medizin-transparent.at/das-paradox-der-brustentfernung#more-3472
 

 


Schreiben Sie uns...