Sprechstunde

Projekt PerCientEx, Spanien

Von Astrid Viciano

In einer kleinen Serie möchten wir beim Medien-Doktor internationale Projekte und Initiativen vorstellen, die sich – ähnlich wie der Medien-Doktor – mit der Qualität von medizin- und wissenschaftsjournalistischen Beiträgen befassen. Die Artikel werden hier in der „Sprechstunde“ in loser Abfolge erscheinen. Diesmal stellen wir das Projekt PerCientEx aus Barcelona vor.

Qualitätsjournalismus aus Spanien

Irgendwann konnten Michele Catanzaro und seine Kollegen den traurigen Singsang nicht mehr ertragen. Die Klagelieder, dass wir Journalisten heute kaum Zeit mehr haben für gründliche Recherchen, viele Redaktionen sich in billige Nachrichtenschleudern verwandeln. „Auch wenn die Klagen berechtigt sind, waren wir müde von all dem Pessimismus“, sagt Catanzaro, Physiker und Wissenschaftsjournalist in Barcelona. Daher beschloss er vor drei Jahren, dem Trübsal etwas entgegen zu setzen und stattdessen aufzuzeigen, wie exzellent Medizin- und Wissenschaftsjournalismus auch heute noch sein kann. Und gründete mit seinen Kollegen das Projekt PerCientEx, mit finanzieller Unterstützung der Spanischen Stiftung für Wissenschaft und Technik (FECYT) und der Stiftung „La Caixa”.
Was aber bedeutet Exzellenz? Ähnlich wie der Medien-Doktor zu seinen Anfangszeiten nach Kriterien für journalistische Qualität suchte, mussten die spanischen Kollegen sich zunächst überlegen, was exzellenten Wissenschaftsjournalismus eigentlich ausmacht. Sie begannen in der Fachliteratur zum Thema zu stöbern, lasen Best-Practice-Leitlinien, orientierten sich an Kriterien des US-amerikanischen Internetportals Health News Review, die auch dem Medien-Doktor zu Beginn seiner Entwicklung als Vorbild dienten.
Eine Tabelle mit Kriterien für drei Qualitätsstufen entstand. Als Mindestanspruch der spanischen Kollegen gilt seither unter anderem, dass der Artikel ein relevantes Thema aufgreift, verständlich geschrieben ist und auch ethische Standards in Bezug auf die befragten Interviewpartner (Patienten zum Beispiel) einhält. Für die höchste Stufe dagegen sollte der Beitrag zum Beispiel politische Debatten anstoßen oder als gesichert geltende Erkenntnisse über den Haufen werfen.
Einmal entwickelt, wollten Catanzaro und Kollegen die neuen Kriterien anwenden, um exzellente Beiträge auszuwählen. Sie baten weltweit 40 Kollegen aus dem Wissenschaftsjournalismus, von diversen Institutionen und Universitäten, elf Wochen lang insgesamt 14 spanische Printmedien zu sichten, darunter Zeitungen wie El País und El Mundo. Zwei bis vier von ihnen sahen sich je ein Printmedium an und berichteten Catanzaro und Kollegen jede Woche, ob sie herausragende Beiträge gefunden hatten. „Am Ende hatten wir 33 Artikel beisammen“, sagt Wissenschaftsjournalist. Zuvor hatten sie das internationale Team einen Monat lang trainiert, um sicher zu gehen, dass die Kollegen die neuen Kriterien richtig anwenden würden.
Vor allem monatelange Recherchen, datenjournalistische Projekte und innovative Darstellungsformen – etwa ein Videospiel – finden sich in den ausgewählten Beiträgen wieder.
Im Gegensatz zum Medien-Doktor nehmen die Kollegen dagegen keine nachrichtlichen Texte, die sich auf eine einzelne wissenschaftliche Studie beziehen, in ihre Datenbank auf.
Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt PerCientEx aber nicht. „Es war ein wenig so, als hätten wir eine Sonde auf einem neuen Planeten abgeworfen und geschaut, was wir dort finden“, sagt Catanzaro. Und wenn eine Sonde nur auf vier Steine stößt, heißt das nicht, dass nicht noch viel mehr Gesteinsbrocken auf dem Planeten liegen.
Nach Abschluss des sehr aufwändigen Teilprojekts sind der Physiker und seine Kollegen in den letzten beiden Jahren dazu übergegangen, prämierte Beiträge aus dem Medizin- und Wissenschaftsjournalismus auszuwählen und in ihre Datenbank einzuspeisen. „Wir nehmen dafür aber nur wirklich renommierte, unabhängige Journalistenpreise als Quelle“, sagt er. In Spanien wären das Auszeichnungen wie der Journalistenpreis Ortega y Gasset oder der internationale Journalistenpreis „König von Spanien“.
Inspirieren ließen sich Catanzaro und Kollegen in diesem Teilprojekt vom Projekt „Showcase“ des Council for the Advancement of Scientific Writing (etwa: Rat zur Förderung des wissenschaftlichen Schreibens) in den USA, der ebenfalls preisgekrönte Beiträge analysiert. PerCientEx soll den Gegenpart dazu im spanischsprachigen Raum darstellen und somit auch spanische und lateinamerikanische Wissenschaftsjournalisten zusammenbringen. „Wir kennen uns erstaunlich wenig“, sagt er.
Aus den prämierten Beiträgen wählen er und seine Kollegen jedes Jahr vier Projekte aus, die sie auf ihrer Jahrestagung vor Journalisten, Wissenschaftskommunikatoren und Lesern präsentieren. Dafür laden sie die Autoren oder Autorinnen der Projekte ein, zum Beispiel Eva Belmonte der journalistischen Stiftung Civio in Madrid. Die Journalistin sprach über eine neue Recherche ihres Projekts „Medicamentalia“, in dem sich ihr Team mit Kollegen aus anderen Ländern in langfristigen, datenjournalistischen Recherchen ansieht, ob und wie Patienten in verschiedenen Ländern Zugang zu bestimmten Therapien erhalten. Auch erklärte Belmonte, wie sie ihre langfristigen Recherchen finanziert. „Es ist wichtig, darüber offen zu sprechen“, sagte die Journalistin. So wurde ihr neues Projekt unter anderem von einem Stipendium des European Journalism Centre unterstützt .
Im nächsten Jahr möchte Catanzaro gern beide Teilprojekte zusammenführen, die prämierten Beiträge von Kollegen anhand ihrer neuen Kriterien beurteilen lassen und damit die Auswahl in der Datenbank noch weiter verfeinern, berichtet Catanzaro: „So wollen wir unsere Kollegen weiter motivieren, in ihrer Arbeit nach Exzellenz zu streben – auch wenn das natürlich nicht immer möglich ist.“


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