Sprechstunde

Brustkrebs-Test: Zu wenige wissen, wie man richtig über diagnostische Tests berichtet (Nachträge)

+++ Hinweis: Die Geschichte um den Heidelberger Brustkrebs-Test hat inzwischen fast absurde Züge angenommen. Daher bitte auch die Nachträge in der Linkliste beachten. +++

Zahlreiche Medien berichteten zuletzt über einen diagnostischen Test, der anhand von Biomarkern im Blut Brustkrebs erkennen könne. Die BILD preschte mit der „Weltsensation“ voraus (praktisch zeitgleich wie die Pressemitteilung der Uni Heidelberg), andere Medien folgten, viele unkritisch, manche skeptisch unterlegt. Selbst die 20:00 Uhr-Ausgabe der Tagesschau brachte eine kurze, knapp 30-sekündige Mitteilung über den Test (ab Min. 12:50), obwohl die Hauptnachrichtensendung der ARD sonst extrem selten über medizinische Verfahren berichtet.

Screenshot: Anhäuser/Bild.de

Mit der Zeit mehrten sich die Stimmen, die bezweifelten, dass Berichte überhaupt sinnvoll waren, angesichts bisher nur vorhandener Zwischenergebnisse und der noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlichten Studie.

Abgesehen von dieser verfrühten Berichterstattung offenbaren die Berichte über den Brustkrebs-Test auch ein anderes Problem, das wir hier beim Medien-Doktor Gesundheit in den letzten Jahren immer wieder beobachtet haben, und das ganz typisch ist für Berichte über diagnostische Verfahren –  egal, ob es sich um Tests für Brustkrebs, HIV, Alzheimer oder das Down-Syndrom handelt: Die meisten JournalistInnen und Pressestellen-MitarbeiterInnen tun sich ziemlich schwer damit, angemessen und richtig über solche Tests zu berichten.

Warum ist das so? Zum einen, weil es tatsächlich eine ziemlich komplexe Angelegenheit ist. Das beginnt schon damit, dass die allermeisten BerichterstatterInnen völlig überrascht sind, wenn sie hören oder lesen, dass ein einziger, einfacher Wert zur Treffsicherheit eines Tests gar nicht ausreicht, um die Qualität dieses Tests zu beurteilen. Tatsächlich erzählt eine Information wie: „Der Test hat eine Trefferquote von 90 Prozent.“ für sich genommen nur die halbe Wahrheit.

Screenshot: Anhäuser/ ARD Mediathek

Nur selten haben die KollegInnen etwas gehört von Begriffen wie Sensitivität oder Spezifitätoder der Rate falsch-positiver bzw. falsch-negativer Testergebnisse. All dies und mehr sind Informationen, die unerlässlich sind, um die Güte eines Tests zu beschreiben. Folglich fehlen diese Infos völlig oder sind unvollständig in Berichten über solche Tests (wie etwa zum Brustkrebs-Test).  Hinzu kommt: Diese Daten liegen häufig auch gar nicht vor, denn diagnostische Tests unterliegen nicht den strengen Zulassungsbestimmungen wie Arzneimittel, ein Umstand den etwa dieser Artikel in der Süddeutschen Zeitung sehr schön deutlich macht.

Dass die Berichterstattung aber in der Regel so ausfällt wie sie eben ausfällt, liegt auch an einem anderen Umstand: Es gibt bisher keine verständlichen Erläuterungen in deutscher Sprache spezifisch für JournalistInnen und PressestellenmitarbeiterInnen, die über solche Tests berichten wollen. (Auch wenn es durchaus Informationen zu den Besonderheiten diagnostischer Tests gibt, wie etwa hier auf dem deutschsprachigen Cochrane-Blog „Wissen was wirkt“.)

Demnächst auf Medien-Doktor.de:
Tipps für die Berichterstattung über diagnostische Tests

Erfreulicherweise können wir zumindest in diesem Punkt in nächster Zeit Abhilfe schaffen. Wir befassen uns seit Oktober 2017 innerhalb eines vom BMBF-finanzierten Projekts genau mit dieser Form der Berichterstattung, gemeinsam mit dem Institut für Evidenz in der Medizin, dem wissenschaftlichen Kooperationspartner der Cochrane Deutschland Stiftung, am Uniklinikum Freiburg. (MEDIATE)

Auslöser war unsere Beobachtung im Laufe der Jahre unserer medizinjournalistischen Begutachtungen, wie schwer sich Berichterstatter mit Artikeln über diagnostische Tests tun.

Wir haben in Workshops mit jungen WissenschaftsjournalistInnen der TU Dortmund und angehenden MedizinerInnen der Uni Freiburg über die Tests und ihre Darstellung in konkreten Fällen diskutiert. Haben uns über ethische und soziale Folgen solcher Tests von Experten aus verschiedenen Bereichen berichten lassen, und darüber gesprochen, worauf es bei der Berichterstattung über solche Tests ankommt.

Auf dieser Grundlage werden wir im Laufe des Jahres Artikel hier auf Medien-Doktor.de veröffentlichen, die das Thema von vielen Seiten beleuchten, und wir geben konkrete Tipps für eine Berichterstattung über diagnostische Tests.

Denn eines scheint gewiss: Angesichts der zunehmenden Menge an genetischen und molekularen Daten und der technologischen Möglichkeiten wird die Zahl solcher Tests eher steigen, und damit auch die Versuche der Entwickler und Hersteller, diese Tests einem breiten Publikum bekannt zu machen.

JournalistInnen müssen gerüstet sein, um die richtigen Fragen zu stellen und die Daten kritisch zu beurteilen, die Firmen und Forscher präsentieren, ob auf Pressekonferenzen in Pressemitteilungen oder Fachartikeln – sonst wird es immer wieder passieren, dass ein Test als „Weltsensation“ angekündigt wird, bei dem noch nicht einmal alle Daten veröffentlicht wurden.

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LINKS:

Mediate-Projektseite hier auf Medien-Doktor.de und auf der BMBF-Verbundseite

Christina Berndt/Stefan Braun: „Mangelnde Kontrollen bei Bluttests“, 10. Januar 2018, Süddeutsche Zeitung

Valérie Labonté/Harriet Sommer/Gabriel Torbahn: „Positiv getestet und doch nicht krank? Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit“, Wissen was wirkt, 4. Oktober 2016

Unstatistik des Monats: „Weltsensation: Bluttest erkennt Brustkrebs!“, 28. Februar 2019, RWI Essen

Iris Hinneburg/Silke Jäger: „Falsche Sicherheiten„, 24. Februar 2019, Podcast Evidenz-Geschichte(n)

Jan-Martin Wiarda: „Warum Heidelberger Forscher beim Test auf Brustkrebs doch keine „Weltsensation“ bieten können/Unerklärliche Eile„, Bildungsforscher/Riffreporter, 8. bzw. 9. März 2019

Nachträge:

Kathleen Gransalke: „Schnellstart für Krebstest“ Laborjournal, 21.März 2019

Jan-Martin Wiarda: „Universitätsklinikum Heidelberg bittet um Entschuldigung für Krebstest-PR„, Bildungsforscher/Riffreporter, 26. März 2019

Sebastian Riemer: „Kritik an Heidelberger Uniklinik reißt nicht ab„, Rhein-Neckar-Zeitung, 23.3.2019

Rüdiger Soldt: „Klinikdirektor fordert Rücktritt des Vorstandes„, FAZ.net, 18.4.2019

Hinnerk Feldwisch-Drentrup: „MedWatch-Recherche zum Heidelberger Bluttest: Nicht nur unreif für den Markt – sondern offensichtlich wertlos„, MedWatch, 23.5.2019

Sammlung der Artikel der Rhein-Neckar-Zeitung zum Brustkrebs-Test-Skandal.

Christina Berndt/Frederik Obermaier: „Versprochener Bluttest existiert gar nicht„, Süddeutsche Zeitung, 27.5.2019

Benn Hoffmann: „„Bild“, Kai Diekmann und der Wunder-Krebstest“, BildBlog, 23.4. mit Nachträgen bis 23.5.2019

Jan-Martin Wiarda: „Heidelberger Brustkrebs-Skandal: Es hört nicht auf„, RiffReporter.de, 27.5.2019


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