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„Die Kritik am AstraZeneca-Impfstoff – und was wirklich dahintersteckt“

„Die Kritik am AstraZeneca-Impfstoff – und was wirklich dahintersteckt“

Wie erfolgreich die neuen Corona-Impfstoffe sind, beschäftigt naturgemäß viele Menschen. In welchen Altersgruppen die neuen Substanzen am besten wirken, ist dabei ein wichtiger Aspekt. Daher ist es wichtig und lobenswert, dass ein Artikel auf Spiegel Online die Diskussionen um die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs bei alten Menschen aufgreift. Angesichts der schnellen Publikation des Beitrags ist es besonders lobenswert, dass der Text nicht nur aktuelle Informationen, sondern auch Hintergründe zum Thema bietet.

Zusammenfassung

Aufmerksam wird derzeit verfolgt, wann welche Impfstoffe in der EU zugelassen und besonders schutzbedürftigen Menschen verabreicht werden. Da gerade Pressemeldungen zu diesem Zeitpunkt Betroffene und Angehörige sehr verunsichern können, ist es erfreulich, dass ein journalistischer Beitrag die Thematik aktuell aufgreift. Der Artikel reagiert schnell auf die öffentliche Diskussion und bietet Hintergrundinformationen besonders zum Wissen über die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs. Die Qualität der wissenschaftlichen Belege dazu wird eingeordnet, auch wird mit den Konkurrenz-Impfstoffen verglichen. Leider werden allerdings Kosten und Nebenwirkungen im Text nicht erwähnt – Faktoren, die bei der Bewertung von Wirksamkeit einer medizinischen Intervention besonders relevant sind. Sprachlich sind ein paar ungelenke Formulierungen zu finden, was aber insgesamt den positiven Eindruck kaum schmälert.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Die Wirksamkeit des neuen Impfstoffs ist das Kernthema des journalistischen Beitrags, ob er also vor Covid-19 schützt. Quantitativ gibt es detaillierte Ausführungen: „Nun berichtete das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Regierungskreise, der Vektorimpfstoff sei bei Menschen im Alter von über 65 Jahren nur zu acht Prozent wirksam.“ Weiter wird im Detail über die im Dezember veröffentlichten Studienergebnisse im einem Fachjournal berichtet: „In einer Zwischenauswertung hatte AstraZeneca im Fachmagazin »The Lancet« Anfang Dezember 2020 die Daten von 11.636 Probanden veröffentlicht, die entweder mit dem Impfstoff oder einem wirkungslosen Placebo behandelt worden waren. Je nach Impfschema hatte sich dabei eine Wirksamkeit von rund 60 bis 90 Prozent gezeigt. Im Schnitt gab AstraZeneca eine Wirksamkeit von 70 Prozent an.“ Und schließlich geht der Beitrag auch noch auf eine frühere Studie ein, in der die Immunreaktion älterer Menschen untersucht wurde: „AstraZeneca hatte in einer vorangegangenen Studie aber zumindest die Immunantwort von älteren Menschen auf die Impfung untersucht. Unter 320 Probanden über 56 Jahren, die den Impfstoff erhalten hatten, entwickelten demnach alle, wie vorgesehen, nach der zweiten Impfung Antikörper gegen das Spike-Protein des Coronavirus. In der Gruppe waren auch 200 Menschen im Alter von 70 Jahren oder älter.“

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Risiken und Nebenwirkungen des neuen Impfstoffs werden zwar am Ende des Artikels in allgemeiner Form thematisiert. Auf mögliche Nebenwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs wird allerdings nicht eingegangen. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Es kommt im Text mehrfach zur Sprache, dass der AstraZeneca-Impfstoff kurz vor der Zulassung in Europa durch die Europäische Zulassungsbehörde EMA steht. Das ist ausreichend für den Leser, da derzeit aufgrund der vielen Berichte zu Impfstoffzulassungen klar wird, dass damit eine prinzipielle Verfügbarkeit gemeint ist. Auch werden mögliche Lieferprobleme angesprochen: „Erst musste das Unternehmen einräumen, dass es statt 80 Millionen Impfstoffdosen bis Ende März nur 31 Millionen an die Europäische Union liefern kann.“
Darüber hinaus wird erläutert, dass die angesprochenen Zweifel an der Wirksamkeit bei alten Menschen die Verfügbarkeit in dieser Altersgruppe ändern könnte, so heißt es zum Beispiel: „Am Dienstagabend wurde bekannt, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Änderung der Impfreihenfolge erwägt.“ Hier noch konkreter: „Das klingt tatsächlich so, als könnte der AstraZeneca/Uni Oxford-Impfstoff nicht für Hochbetagte zugelassen werden. Derzeit wird erwartet, dass die EMA den Wirkstoff am Freitag für die Zulassung in der EU empfiehlt. Die EU-Kommission hat dann das letzte Wort, ihre Entscheidung gilt aber als Formsache.“

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Die Wirksamkeit des AstraZeneca Impfstoffs bei alten Menschen wird detailliert mit jener der bereits zugelassenen mRNA-Impfungen verglichen: „Das ist auch bei den Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und Moderna so, allerdings geht es da um wenige Prozentpunkte und nicht um einen Beinahe-Wegfall jeglicher Wirksamkeit. So verhindert das Moderna-Produkt bei Menschen zwischen 18 und 65 Jahren mit knapp 96-prozentiger Wirksamkeit die Erkrankung, bei Menschen über 65 liegt der Wert bei 86 Prozent.“

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Kosten werden nicht thematisiert, dabei unterscheidet sich der AstraZeneca-Impfstoff in seinem Preis deutlich von der mRNA-Konkurrenz (siehe auch: https://www.welt.de/politik/ausland/article222810856/EU-Von-1-78-bis-14-70-Euro-so-viel-kosten-die-Impfstoffe.html). Gerade in Hinblick auf die Diskussion um eine gerechte Impfstoffverteilung hätte dieser wichtige Aspekt erwähnt werden sollen.

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Es konnte keine übertriebene Darstellung von COVID-19 festgestellt werden.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Die Qualität der Belege wird thematisiert, zum einen in den ersten Medienberichten zum Thema: „Allerdings ist noch unklar, was hinter den Berichten von »Handelsblatt« und »Bild« steckt.“ Auch wird deutlich, dass die Datenlage zum Impfstoff noch nicht sehr aussagekräftig ist: „Zwar ist die Datenlage zur Wirksamkeit des AstraZeneca/Uni Oxford-Impfstoffs bei Hochbetagten in der für die Zulassung entscheidenden Phase-III-Studie dünn.“ Was das konkret bedeutet, wird auch ausgeführt: „Allerdings war der Großteil der Probanden in diesen Untersuchungen maximal 55 Jahre alt. Nur eine kleine Untergruppe, etwa acht Prozent, umfasste Menschen zwischen 56 und 69 Jahren. Ein noch kleinerer Anteil der Probanden, knapp vier Prozent, waren Menschen über 70 Jahren.“

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Es werden sowohl Studien als auch andere Presseberichte zitiert, zudem politische Stimmen und Institutionen: „Spahn sagte am Dienstag im ZDF, dass die EMA und die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (RKI) derzeit Daten auswerteten, auf deren Basis in der nächsten Woche entschieden werde, welche Altersgruppen zuerst mit dem AstraZeneca-Produkt geimpft würden.“ Oder auch hier: „Die Bundesregierung teilt diese Einschätzung: ‚Auf den ersten Blick scheint es so, dass in den Berichten zwei Dinge verwechselt wurden‘, erklärte das Bundesgesundheitsministerium und beruft sich auf die AstraZeneca-Studie aus dem Dezember. ‚Rund acht Prozent der Probanden der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie waren zwischen 56 und 69 Jahre, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre‘, so das Ministerium.“ Schließlich wird auch noch der Impfstoffhersteller selbst zitiert: „AstraZeneca weist die Angaben zurück: ‚Berichte, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs von AstraZeneca/Oxford bei Erwachsenen über 65 Jahren nur acht Prozent beträgt, sind völlig falsch‘, so das Unternehmen.“ Allerdings wäre es schön gewesen, wenn Experten direkt zu den Studiendaten befragt und zitiert worden wären. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Was die Wissenschaft angeht sind die kommerziellen Interessen deutlich (die der Hersteller). Daher braucht es keiner zusätzlichen Thematisierung. Allerdings ist die Frage bedeutend, wer Interesse an der Kommunikation der zweifelhaften 8 Prozent haben könnte. Das hätte aber etwas vom Kern des Artikels weggeführt.

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Der Artikel trifft zwei wesentliche Punkte richtig, denn es geht um ein doppeltes Problem: Wenn Impfstoffe besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen wie etwa älteren Menschen zugebilligt werden, dann ist das eine ethische Entscheidung von hoher Tragweite. Denn das bedeutet, dass andere später drankommen. Wenn bei diesen vulnerablen Gruppen die Schutzwirkung fraglich ist, ist die Priorisierung jedoch schwer zu vermitteln. Insofern geht es nicht nur um die Prüfung der Effektivität in den relevanten Altersgruppen, sondern auch um die Impfstoffverteilung innerhalb der Bevölkerung. Insofern trifft dies vor allem der Satz: „Am Dienstagabend wurde bekannt, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Änderung der Impfreihenfolge erwägt.“ Ein weiteres Problem liegt in einer irrtümlichen Berichterstattung (hier von Handelsblatt und Bild), die womöglich Panik schürt. Diesen Fehler zu entlarven ist das eigentliche Anliegen des Artikels und mindestens ebenso wichtig.
Mehr Informationen wären hilfreich gewesen, aus denen hervorgeht, was diesen Impfstoff, der zu einer ganz anderen Klasse gehört, von den bisherigen zwei unterschiedet.

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Wir haben keine Fehler finden können.

12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Der Artikel basiert nicht auf einer Pressemeldung. Daher ist von einer journalistischen Eigenleistung auszugehen.

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Insgesamt ist der Artikel in einem der Thematik angemessenen, nachrichtlichen Stil geschrieben. Nur an mancher Stelle fallen etwas ungelenke Formulierungen auf, so wird etwa der Begriff „Vakzine“ verwendet, der im allgemeinen Sprachgebrauch unüblich ist. Unpassend ist auch die Bezeichnung „Hochbetagte“ für die besagte Altersgruppe von über 65 Jahren.

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Der Beitrag ist weitgehend verständlich geschrieben, nur an mancher Stelle setzt er zu viel Wissen voraus, etwa hier: „Derzeit wird erwartet, dass die EMA den Wirkstoff am Freitag für die Zulassung in der EU empfiehlt. Die EU-Kommission hat dann das letzte Wort, ihre Entscheidung gilt aber als Formsache.“ Gemeint ist, dass die Empfehlung der EMA für die Zulassung entscheidend ist, die EU-Kommission der Zulassung in einem letzten Schritt aber noch zustimmen muss. Das ist für Laien so nicht nachvollziehbar.
Zudem hätte die Wirksamkeit der Impfstoffe an mancher Stelle noch genauer erklärt werden können: Wirksam ist er, wenn er eine bestimmte Anzahl mehr an Geimpften vor einer Infektion schützt als nicht Geimpfte. Im Text heißt es dazu: „Zwar ist die Datenlage zur Wirksamkeit des AstraZeneca/Uni Oxford-Impfstoffs bei Hochbetagten in der für die Zulassung entscheidenden Phase-III-Studie dünn. Das bedeutet aber nicht, dass der Impfstoff bei ihnen nahezu wirkungslos ist.“ Hier bleibt unklar, was „dünn“ genau heißen soll: Wurde der Impfstoff an zu wenigen Menschen getestet oder sind die an wenigen Probanden gemessenen Studienergebnisse statistisch nicht signifikant? Das sind zwei verschiedene Fragen, die zwar angerissen, aber nicht in aller Deutlichkeit erklärt werden.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Ob die neuen Corona-Impfstoff verfügbar und wirksam sind, ist in der aktuellen Pandemie von großer Bedeutung – gerade auch, weil zunächst vor allem vulnerable Gruppen geimpft werden sollen, die Impfungen aber nur schleppend vorankommen. (Auch dies kommt im Text eigens zur Sprache: „Erst musste das Unternehmen einräumen, dass es statt 80 Millionen Impfstoffdosen bis Ende März nur 31 Millionen an die Europäische Union liefern kann.“). Die im Beitrag diskutierten Aspekte sind damit aktuell und hoch relevant.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 13 von 15 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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