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„Wie eine Löbauer Firma den Unterricht retten will“

„Wie eine Löbauer Firma den Unterricht retten will“

Lüften oder filtern? Diese Frage stellte sich bis vor dem Lockdown anlässlich der Corona-Pandemie noch in jeder Schule. In einem Artikel in der Sächsischen Zeitung wird ein Luftfilter einer Firma aus der Region als sehr gute Lösung vorgestellt, ohne dies zu belegen.

Zusammenfassung

Es ist eine der großen Diskussionen in der Pandemie: Wie verhindert man die Ansteckung mit dem Virus in der Schulklasse. Das Umweltbundesamt empfiehlt das regelmäßige Lüften, andere schlagen Luftfiltergeräte vor. So auch dieser Artikel im Wirtschaftsteil der Sächsischen Zeitung. Der Text stellt eine Firma aus der Region vor, die einen besonders effektives Luftfiltergerät anbietet. Der Nutzen des Geräts wird indes übertrieben beschrieben, negative Effekte weitgehend ausgeklammert. Wie gut die Wirkungsweise des Filters untersucht ist, erfahren Leserinnen und Leser leider auch nicht. Der im Prinzip gut verständliche Text macht die Kosten, die Verfügbarkeit und mögliche Alternativen deutlich, es wird indes nicht recht klar, ob es sich um eine Neuheit auf dem Markt handelt, oder ob es nur eine Neuheit für die Firma ist. Insgesamt finden wir die Darstellung dieses sicher interessanten Themas übertrieben positiv. Ein insgesamt neutralerer Ton hätte dem Text gutgetan, gerade weil es sich um eine Firma aus der Region handelt.


Diese Bewertung wurde mit Mitteln des Projektes CEOsys – Das Covid19-Evidenz-Ökosystem ermöglicht.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Die POSITIVEN EFFEKTE sind ausreichend und verständlich dargestellt (NUTZEN).

Im Artikel gibt es zwar eine konkrete Zahl zu Wirksamkeit des Filters im Artikel: „Das Gerät sauge die Raumluft an und filtere sie mit einem Hepa-14-Filter. Filter dieser Leistungsklasse filterten 99,995 Prozent der Keime und Partikel aus der Luft. Die gesamte Raumluft werde fünf- bis sechsmal pro Stunde umgewälzt.“ Die Aussage, dass 99,995 Prozent der Keime und Partikel gefiltert würden, bezieht sich laut Kommission Innenraumlufthygiene (IRK) des Umweltbundesamts indes auf standardisierte Laborbedingungen, sie sind also nicht gleichbedeutend mit der Reduktion der Partikelbelastung in einem realen Raum. Diese Werbeaussage wird im Text aber unhinterfragt übernommen. Die strittige Wirkung der Luftfilter wird als Tatsache hingestellt. Zudem hätte man herausarbeiten können, dass es eigentlich im gesamten Text um einen Sekundärparameter geht – die Umwälzung und Reinigung der Luft, nicht aber die tatsächliche Zahl der Ansteckungen. Eine Wirksamkeitsstudie müsste die Zahl der Covid-Infektionen in Räumen mit und ohne Luftfilter vergleichen. Dies ist aber natürlich noch nicht untersucht worden. Dies hätte man im Artikel erklären können.

2. Die RISIKEN & NEBENWIRKUNGEN werden angemessen berücksichtigt.

Wir finden, dass eine wichtige Information zu den Risiken eines solchen Produktes fehlt, auf dass aber zum Beispiel die Forscher der Frankfurter Studie in ihrem Preprint hinweisen: Man dürfe sich von Luftfiltern nicht in falscher Sicherheit wiegen lassen: „Nevertheless, air purifiers do not replace other measures for the reduction of transmission such as wearing face masks, hygiene measures and social distancing. The purifiers should be considered as efficient additional measures“ („Luftreiniger ersetzen nicht die anderen Maßnahmen zur Reduktion von Infektionen, also Gesichtsmasken tragen, Hygieneregeln einhalten, Social distancing. Luftreiniger sollte man als effektive zusätzliche Maßnahme betrachten.“)

Auch die Lautstärke der Luftfilter könne ein Problem sein, das Gerät sei indes leiser als Konkurrenzprodukte, es wird indes gar nicht erklärt, um welchen Faktor die Lüfter leiser sind.

3. Es wird klar, ob eine Therapie/ein Produkt/ein Test VERFÜGBAR ist.

Die Leserinnen und Leser erfahren, dass das Oberlausitzer Unternehmen ULT die Filteranlage „Sasoo“ auf den Markt gebracht hat. Die Geräte würden bereits an Schulen in Bayern, Hessen oder dem Saarland eingesetzt.

4. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird erwähnt, dass zahlreiche Filtergeräte auf dem Markt sind, indes wird nicht recht deutlich, welche anderen technischen Lösungen es gibt. Entwickler Alexander Jakschik wird mit den Worten zitiert: „Viele Unternehmen, besonders aus China, sind jetzt auf diesen Markt aufgesprungen.“ Die Geräte gebe es in Baumärkten oder im Elektrofachhandel. Zudem seien Stoßlüften und Querlüften probate Verfahren. Wir werten knapp „erfüllt“.

5. Die KOSTEN werden im journalistischen Beitrag in angemessener Weise berücksichtigt.

Der Leser erfährt, dass die Sasoo Luftfilteranlage 3.490 Euro kostet. Schulen würden Rabatte gewährt, in welcher Größenordnung bleibt indes offen. Auch wird nicht deutlich, was vergleichbare Geräte kosten, das finden wir überraschend, da es sich doch um einen Artikel im Wirtschaftsteil der Zeitung handelt. Manche Bundesländer förderten die Anschaffung solcher Geräte. Auch ein Gesamtkostenrahmen wird aufgemacht: „Nach Schätzungen kostet eine flächendeckende Ausrüstung von Klassenräumen in Deutschland eine Milliarde Euro.“

6. Es sind keine Anzeichen von Krankheitserfindungen/-übertreibungen zu finden (DISEASE MONGERING).

Covid-19 oder das Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, wird nicht übertrieben dargestellt.

7. Der journalistische Beitrag ordnet die QUALITÄT der Belege/der Evidenz ein.

Die Angaben zur Filterleistung des Gerätes wird als Charakteristikum der Hepa-14-Filter vorgestellt. Dies ist indes lediglich ein theoretischer Wert, der unter Laborbedingungen erreicht wird. Ob die Filter dies dann auch unter realen Bedingungen erreichen und damit den Raum „keimfrei“ machen, bleibt völlig offen. Ob dies getestet wurde, wird nicht erklärt.

Dass sich die Frankfurter Studie, die im letzten Absatz kurz thematisiert wird, noch im Stadium des Preprints befindet, also noch gar nicht begutachtet wurde, erfahren Leserinnen und Leser auch nicht. Alles in allem müsste Leserinnen und Leser viel deutlicher gemacht werden, wie unsicher das Wissen zu den Luftfiltern noch zu sein scheint.

8. Es werden UNABHÄNGIGE EXPERTEN oder QUELLEN genannt.

Der Text zitiert die Kultusministerkonferenz, zudem René Michel, stellvertretender Vorsitzender des Sächsischen Lehrerverbands, das Umweltbundesamt und eine Studie Frankfurter Atmosphärenforscher.

9. Es werden, falls vorhanden, INTERESSENKONFLIKTE im Beitrag thematisiert.

Es ist klar, dass die Firmeninhaber zu ihrem eigenen Produkt sprechen, das hätte man insgesamt noch kritischer hinterfragen und mehr herausstellen müssen. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

10. Der Beitrag liefert Informationen zur EINORDNUNG der Thematik in einen Kontext (Neuheit, Ethik).

Es heißt zwar, das Filtergerät der Lausitzer Firma habe einen Hepa-14 Filter, das auch schon in anderen Bundesländern eingesetzt werde. Ob dieses Gerät aber das bisher einzige ist, dass einen solchen HEPA-14-Filter nutzt, oder ob es auch schon zuvor solche mobilen Geräte mit einem solchen HEPA-14-Filter gab oder von anderen Firmen ebenfalls produziert wurden, wird nicht recht deutlich. Positiv ist die Einordnung in die Gesamtdiskussion, die von der Empfehlung des UBA zum Lüften dominiert wird. Wir werten daher – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“

11. Der Beitrag gibt die wesentlichen Daten und Fakten korrekt wieder (FAKTENTREUE).

Im Artikel heißt es: „Filter dieser Leistungsklasse filtern 99,995 Prozent der Keime und Partikel aus der Luft.“ Dabei handelt es sich indes um einen reinen Laborwerte, der direkt am Filter gemessen wird, und nicht auf die Filter im mobilen Gerät und im realen Raum. Siehe dazu auch die Erläuterungen in diesem Beitrag des Umweltbundesamtes (UBA).

Somit werten wir auch die Aussage im Teaser als Fehler: „Das Unternehmen hat ein Gerät entwickelt, das Klassenzimmer keimfrei hält.“ Ob dies tatsächlich der Fall ist, erscheint in keiner Weise belegt, zumal keimfrei gleichbedeutend mit „steril“ wäre, was in einem normal genutzten Raum nicht möglich ist.

12. Der Beitrag geht über eine Pressemitteilung/das Pressematerial hinaus (JOURNALISTISCHE EIGENLEISTUNG).

Der Artikel geht über die Pressemitteilung der Firma hinaus, da zum Beispiel die Kultusministerkonferenz und die Frankfurter Atmosphärenforscher zitiert werden.

13. Ein Beitrag vermittelt ein Thema interessant und attraktiv (ATTRAKTIVITÄT DER DARSTELLUNG).

Der Artikel ist soweit gut lesbar, es gibt keine überlangen oder komplizierten Sätze, der Artikel ist gut strukturiert. Der Artikel liest sich indes an vielen Stellen wie ein PR-Text, der Ton des Artikels ist so angelegt, dass er den Luftfilter als echte Lösung präsentiert, die Politik indes Steine in den Weg lege, weil das „Lüften“ als Lösung durch das UBA favorisiert würde. Der polemische Teaser gibt die Rahmung vor: „Das Unternehmen hat ein Gerät entwickelt, das Klassenzimmer keimfrei hält. Doch Sachsens Regierung will lieber Unterricht bei offenem Fenster.“

Hier wäre ein insgesamt neutralerer Ton des Artikels wichtiger gewesen. Daher werten wir knapp „nicht erfüllt“.

14. Der Beitrag ist für ein Laienpublikum verständlich (VERSTÄNDLICHKEIT).

Oberflächlich betrachtet ist der Artikel gut verständlich. So wird zum Beispiel erklärt, warum HEPA-14-Filter so umfassend Viren filtern können: „‚Das Corona-Virus hat eine Größe von etwa 100 Nanometer‘, sagt Jakschik. Ein Hepa-14-Filter dagegen fängt Partikel einer Größe von unter 0,3 Nanometer auf.“ Indes wird so getan, als wären diese Informationen schon ausreichend, um verständlich zu machen, wie gut die Filter wirklich funktionieren. Dass es sich um Laborwerte handelt wird, wird zum Beispiel gar nicht deutlich.

Am Ende des Artikels wird auf eine Studie Frankfurter Forscher verwiesen, nach der die Aerosolkonzentration im Klassenzimmer in 30 Minuten um 90 Prozent gesenkt werden konnte, mit Filtern der Klasse HEPA. Da aber nicht erklärt wird, welche Filter-Klassen es gibt, bleibt für Leserinnen und Leser eigentlich nicht nachvollziehbar, ob die Filter mit denen der Lausitzer übereinstimmen oder ob es sich um eine andere HEPA-Klasse handelt.

Schließlich wird nicht hinreichend deutlich, auf welcher Grundlage die Empfehlung des UBA beruhen, da es zwar einen Verweis auf eine Studie mit Filtern gibt, aber keinen einzigen auf Untersuchungen zum Lüften.

Wir werten alles in allem knapp „erfüllt“.

15. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich. (THEMENAUSWAHL).

Das ist auch für eine Regionalzeitung ein aktuelles und relevantes Thema angesichts einer Diskussion, ob Schulen während der Pandemie geschlossen werden sollen oder nicht, zumal es sich um einen regionalen Hersteller handelt.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 9 von 15 erfüllt

Abwertung um einen Stern (von 3 auf 2 Sterne) aufgrund der übertrieben positiven Darstellung des Luftfiltergerätes ohne den Verweis auf Belege.


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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