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„Deutliche Mehrheit im Bundestag für Zustimmungslösung in der Organspende-Debatte“

„Deutliche Mehrheit im Bundestag für Zustimmungslösung in der Organspende-Debatte“

Nach einer hoch emotionalen Debatte hat der Deutsche Bundestag über die gesetzliche Regelung der Organspende entschieden. Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angeregte Widerspruchslösung wurde abgelehnt, stattdessen für die erweiterte Zustimmungslösung gestimmt. Welche Argumente zur Diskussion standen und wie Eltern kranker Kinder diese Diskussion erlebten, hat ein Themenblock der Tagesthemen aktuell aufgegriffen.

Zusammenfassung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte die Widerspruchlösung vorgeschlagen, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen: Menschen, die sich vor ihrem Hirntod nicht aktiv gegen eine Organspende ausgesprochen haben, würden damit automatisch zu Spendern. Im Bundestag wurde Mitte Januar darüber abgestimmt – ein gewichtiger Grund für die Tagesthemen, das Thema über eine Sendestrecke von mehr als 13 Minuten aufzugreifen. Dafür wurde in einem der Beiträge des Themenblocks als lebensnaher Einstieg von einem Jungen berichtet, der durch eine Organspende eine neue Niere bekommen hat. Zudem erfährt man, wie bei Patienten der Hirntod festgestellt wird. Der wenige Minuten lange Beitrag zu diesem Thema ist allerdings zu kurz, um dem Aspekt wirklich gerecht zu werden. An vielen Stelle bleibt der gesamte Themenblock zu vage. Weder erfährt man wirklich, wie groß der Nutzen der wichtigsten unterschiedlichen Organspenden ist, noch kann man den einzelnen Beiträgen entnehmen, welche Risiken es für die Empfänger gibt. Auch in anderen Bereichen verrät die Sendung zu wenig, zum Beispiel bei der Frage, welche Kliniken überhaupt transplantieren dürfen und wie über eine Vergabe entschieden wird.
Damit bestätigt sich der erste Eindruck zumindest teilweise: Der als Negativ-Beispiel vorgeschlagene Themenblock zeigt ein paar Schwächen; vor allem wurde die Gelegenheit versäumt, die verschiedenen Argumente mit Zahlen zu unterfüttern und damit auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen – etwa zum Bedarf und dem Nutzen von unterschiedlichen Organspenden. Ebenso wenig wird diskutiert, ob es neben der juristischen Regelung auch andere Gründe/Motivation für hohe bzw. niedrige Spendenbereitschaft gibt, etwa vor dem Hintergrund von Organspendeskandalen in der Vergangenheit (vgl. z.B. www.sueddeutsche.de/gesundheit/aktenlage-organspendeskandal-1.1438559). Das hätte das große, ganze Bild etwas deutlicher zurechtgerückt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Ein Beitrag des Themenblocks versucht, am Beispiel eines kleinen Jungen zu verdeutlichen, was eine Organspende für die Empfänger bedeutet. Doch wird nicht klar gemacht, was der dauerhafte Verlust der Nieren für den Patienten bedeutet hätte bzw. wovor die Spende ihn wahrscheinlich bewahrt hat. Nur am Rande heißt es, die Nieren hätten ihm ein neues Leben geschenkt. Welche Funktionen gespendete Organe wieder erfüllen können, wie viele Leben sie retten, vor welchen Einschränkungen oder Behinderungen sie Patienten bewahren können, erfährt der Zuschauer nicht. Zwar hängen die Ergebnisse stark von dem jeweiligen Organ ab. Dennoch hätte man mit verschiedenen Beispielen und Zahlen sehr viel mehr Wissen vermitteln können und sollen – auch dazu, wie viele Patienten für welche Organe konkret auf der Warteliste stehen, wie viele auf der Warteliste sterben und wie viele gerettet werden könnten, wenn in Deutschland so viel gespendet würde wie im europäischen Ausland.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Der Beitrag über den kleinen Patienten im Themenblock macht deutlich, dass eine Organspende nicht ohne Nebenwirkungen für den Empfänger ist, von Narben ist die Rede und von Medikamenten, die man dauerhaft einnehmen muss. Auch die Tatsache, dass die Lebensdauer von gespendeten Organen begrenzt ist, wird erwähnt. Insgesamt bleiben die Informationen zu Risiken und Nebenwirkungen jedoch zu vage. Es wird nicht ausreichend erklärt, dass die Medikamente eingenommen werden müssen, um eine Abstoßungsreaktion des Körpers gegen das transplantierte Organ zu vermeiden und es wird auch nicht erwähnt, wie groß das Risiko einer Abstoßung ist – bzw. wie häufig eine Organtransplantation nicht zum gewünschten Erfolg führt.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es wird im gesamten Themenblock nicht darauf eingegangen, wie es um die Qualität der Studien zur Organtransplantation geht. Tatsächlich gibt es einen relativ großen Konsens, dass man den Hirntod gut und sicher feststellen kann – dies wird auch im aktuellen Beitrag zu diesem Themenaspekt deutlich, in dem ein Intensivmediziner das Vorgehen erklärt. Allerdings sind immer wieder ernst zu nehmende Artikel zu finden, die einzelne Aspekte diskutieren. Auch Diskussionen zur Qualität der Hirntodfeststellung bleiben unerwähnt (zum Beispiel: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/falsche-todesdiagnosen-in-krankenhaeusern-aerzte-erklaeren-patienten-oft-faelschlich-fuer-hirntot-1.1891373-3). Daher bleibt die Darstellung unvollständig und greift mögliche Ängste der Zuschauer nicht auf. Ebenso wenig wird die Qualität der Evidenz für den Nutzen von Organspenden für den Empfänger dargelegt – wie sehr Organempfänger profitieren und ob dies ggf. eine Widerspruchslösung wie in anderen Ländern rechtfertigt. Daher werten wir insgesamt „NICHT ERFÜLLT“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Bei der Frage, was mit einem Patienten passiert, dessen Hirntod festgestellt wurde, kommt ein Intensivmediziner der Universität Freiburg zu Wort. Dass er gleichzeitig Transplantationsbeauftragter der Klinik ist und somit ein potenzieller Interessenkonflikt vorliegt, erfährt man nicht. Allerdings wird deutlich, dass jene Ärzte, die den hirntoten Patienten im Beitrag betreuen, nicht die Chirurgen sind, die später die Transplantation durchführen. Da der Beitrag zudem eingebettet ist in eine Vielzahl von weiteren Einschätzungen innerhalb des Themenblocks, werten wir insgesamt knapp „ERFÜLLT“.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Bereits mit der persönlichen Geschichte des Jungen und den Aufnahmen aus dem Krankenhaus von einem hirntoten Patienten gehen die im Kern bewerteten Beiträge des Themenblocks über die Pressemitteilung hinaus.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Seit wann Organe transplantiert werden, erfährt man im Themenblock nicht. Doch kann man voraussetzen, dass den Zuschauern bekannt sein dürfte, dass diese Möglichkeit des Organersatzes bereits seit vielen Jahrzehnten besteht. Daher werten wir insgesamt „ERFÜLLT“.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es gibt gut etablierte Alternativen zur Nierenspende, nämlich die Blut- und Peritonealdialyse. Die intensivierte Insulintherapie bzw. Glukosesensoren samt Insulinpumpe können als Alternative zur Pankreastransplantation gesehen werden. Hornhauttransplantationen werden bereits seit Jahren an Verstorbenen vorgenommen werden, so dass hier z.B. die Problematik der Feststellung des Hirntods keine Rolle spielt. Zudem sind bei der Niere Lebendspenden möglich, in gewissen Konstellationen können auch Teile der Leber von Lebenden gespendet werden. Herzunterstützungssysteme können Patienten inzwischen mehrere Jahre am Leben halten, so dass man auch hier von einer gewissen Alternative sprechen könnte. Allerdings gilt ein Organ im Organismus ohne zusätzliche Therapiezeiten an der Dialyse immer noch als alternativlos, aufgrund der höheren Lebensqualität und der besseren Funktionalität. Daher nur knapp „NICHT ERFÜLLT“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Im Beitrag geht es um die Organspende, die womöglich gesetzlich neu geregelt werden soll. Es wird damit indirekt deutlich, dass dieser Eingriff bereits verfügbar ist. Daher werten wir „ERFÜLLT“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Die Kosten einer Organtransplantation sind immens. Es wäre somit interessant und wichtig gewesen zu erfahren, mit welchen Ausgaben für das Gesundheitssystem eine erhöhte Anzahl dieser Eingriffe verbunden wäre – und auch welche Kosten mit der Widerspruchslösung und der Zustimmungslösung selbst verbunden wären. Daher werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Die angesprochenen Krankheiten werden nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Im Zuge der Abstimmung zur Widerspruchslösung hat das Thema eine besondere Aktualität. Dazu kommt seine Relevanz: Jedes Jahr sterben etwa Tausend Menschen, weil kein passendes Spenderorgan zur Verfügung steht.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Das innerhalb des Themenblocks beschriebene Beispiel des Kindes mit neuem Organ verdeutlicht auf anschauliche Art und Weise, wie eine Organspende das Leben eines Menschen verändern kann. Man hätte noch – im Kontrast dazu – erklären können, welche Symptome jene haben, die auf ein Organ warten und wie deren Leben oft über Jahre aussieht, wobei das im Ansatz schon durch die Darstellung der Vorgeschichte des Jungen geschieht. Der Beitrag zum Hirntod zeigt zwar manche Einstellungen (Augenuntersuchung, Schmerzmessung), die ungewohnt und auf manche Zuschauer sicher erschreckend wirken. Doch wurde vermutlich absichtlich eine genaue und direkte Darstellung der Untersuchung gewählt, um genau zu zeigen, wie ein Hirntod sicher festgestellt wird.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine Faktenfehler aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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