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„Nur einmal monatlich verhüten“

„Nur einmal monatlich verhüten“

Wie wäre es, wenn Frauen die Antibabypille nicht mehr täglich, sondern nur noch einmal im Monat einnehmen müssten? Mit diesem wichtigen Thema beschäftigt sich ein aktueller Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Zeitung berichtet über erste Tests an Schweinen mit einer speziellen Kapsel. Dabei wird auch deutlich gemacht, dass es sich bislang nur um eine Machbarkeitsstudie handelte, sich also nur das Prinzip – weitgehend – bewährt hat. Wie viele Stolpersteine es noch gibt, hätte jedoch deutlicher dargestellt werden können.

Zusammenfassung

Der Artikel widmet sich dem wichtigen und innovativen Ansatz, die Antibabypille als Depotpräparat zu entwickeln. Der Beitrag beschreibt das System und die Funktionsweise der Kapsel und macht grundsätzlich klar, dass es noch ein langer Weg bis zur Markreife ist. Allerdings wären mehr Informationen über Nebenwirkungen interessant gewesen, weil die hormonelle Verhütung mit einigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen einhergehen kann. Positiv ist, dass man erfährt, dass zwei der Forscher eine Firma gegründet haben, um das Produkt weiter zu entwickeln, also ein wirtschaftliches Eigeninteresse haben. Gerade deswegen hätte dem Artikel jedoch auch eine unabhängige Expertenmeinung gutgetan. Zudem tauchen im Text Fachbegriffe auf, die für Laien unverständlich sein dürften. Hier wäre mehr Übersetzungsarbeit für die Leserinnen und Leser hilfreich gewesen. In diesem als Positiv-Beispiel vorgeschlagenen Beitrag haben sich also beim näheren Hinsehen doch leichte Schwächen gezeigt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Manchmal fällt es Frauen schwer, sich an die Einnahme der täglichen Antibabypille zu erinnern. Der größte Nutzen einer neuen Monatskapsel wäre daher, dass sie nicht mehr daran denken müssen. Mit der monatlichen Einnahme sollen also ungewollte Schwangerschaften verhindert werden, die wegen nicht erfolgter Einnahme der Pille entstehen. Es fehlt zwar der direkte Hinweis und quantifizierbare Beleg im Text, dass die Depotwirkung eines Kontrazeptivums die Effektivität erhöhen würde. Aber das kann immerhin indirekt daraus abgeleitet werden („Es würde ihnen helfen…“), zumal da auch in der wissenschaftlichen Publikation keine direkte Quantifizierung dieses Nutzens stattfindet. Warum es gerade für Frauen in Entwicklungsländern so schwierig ist zu verhüten und welche Vorteile so ein System haben könnte, kommt in dem Artikel jedoch zu kurz. Außerdem hätte deutlicher werden sollen, dass es zum jetzigen Zeitpunkt alles andere als klar ist, ob das neue System die Erwartungen erfüllen wird. Dennoch werten wir insgesamt „ERFÜLLT“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Im Text wird auf das Problem der prompten Freisetzung einer ganzen Medikamentendosis eingegangen. Ebenso wird erwähnt, dass ein Therapieabbruch möglich sein muss: „Über einen solchen Mechanismus muss sich die Einnahme auch gezielt stoppen lassen, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht mehr erwünscht oder gar gefährlich ist.“ Schließlich wird auch erwähnt, dass die Wirkung eingeschränkt ist, wenn Teile der Behältnisse vorzeitig ausgeschieden werden. Nicht diskutiert wird dagegen die Frage, welche Nebenwirkungen die Hormone im Magen entfalten oder welche Nebenwirkungen Depotpräparate dieser Art sonst noch haben könnten. Diese sind denkbar, da zum Beispiel bei anderen Depotpräparaten (die in die Muskulatur injiziert werden) diskutiert wird, ob sie etwa durch eine hormonbedingte Verdünnung des Vagina-Epithels womöglich das Ansteckungsrisiko für HIV erhöhen (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27355414). Zudem werden Effekte auf das Körpergewicht, Zwischenblutungen, die Libido, die Gerinnungsneigung, das Knochenbruchrisiko und anderes bei Depotpräparaten beobachtet (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26874275, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27461017, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26626534). Da hier besonders relevante Nebenwirkungen nicht beantwortet werden, werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Man erfährt, dass die Pille bisher nur an Schweinen getestet wurde. Ferner wird erwähnt, dass es sich nur um eine Machbarkeitsstudie handelt, „weit von einer möglichen Marktreife entfernt“. Der Beitrag hätte aber noch deutlicher machen können, dass Ergebnisse aus Tierstudien nur eingeschränkt auf den Menschen übertragbar sind. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Zwar wird im Hinblick auf die Interessenkonflikte gesagt, dass die Studienautoren eine Firma mitgegründet haben, die 13 Millionen US-Dollar der Bill und Melinda Gates-Stiftung erhält: „Gezahlt wird diese Summe an die (…) Firma Lyndra Therapeutics“. Doch gerade im Hinblick auf die angesprochenen Interessenskonflikte der Studienautoren wäre es umso wichtiger gewesen, einen unabhängigen Experten zu Wort kommen zu lassen. Dies ist jedoch nicht geschehen, darum werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Text enthält ein paar über die Pressemitteilungen hinausgehende Informationen, wie etwa die Tatsache, dass während des Versuchs Arme des sternförmigen Medikaments im Magen abgebrochen sind. Dieses Wissen findet sich allerdings in der wissenschaftlichen Publikation, erforderte also keine eigene Recherche. In der Pressemitteilung der MIT News dagegen wird dagegen sogar ein unabhängiger Experte zu der Studie befragt. In dieser Hinsicht geht also sogar die Pressemeldung über den journalistischen Beitrag hinaus. Darum werten wir „NICHT ERFÜLLT“.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Beitrag macht deutlich, dass der gleiche Ansatz schon bei Medikamenten zur Behandlung von Malaria oder HIV verwendet wurde. Unerwähnt bleibt allerdings, dass die generelle Suche nach Depotpräparaten für die langsame Freisetzung von Kontrazeptiva nicht neu ist. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Als Alternativen werden die herkömmliche Pille und die Spirale genannt. Andere Verhütungsmethoden, die ebenfalls über einen längeren Zeitraum hinweg schützen, werden nicht erwähnt, die Dreimonatsspritze etwa, das Verhütungspflaster oder das Hormon-Implantat. Der Leser erfährt auch nicht, welche Vorteile die Kapsel gegenüber anderen länger wirksamen Verhütungsmitteln haben könnte. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Zu kaufen gibt es diese Entwicklung noch nicht, das wird in dem Artikel klar. Allerdings heißt es am Anfang des Textes, dass den Frauen „womöglich bald“ geholfen werden könne. Dabei wird es noch Jahre bis zu einer Zulassung dauern, vorausgesetzt, die Kapsel stellt sich als wirksam und risikoarm heraus. Später im Text heißt es allerdings, dass die Pille noch „weit von einer möglichen Marktreife entfernt“ sei und die aktuelle Studie „nicht mehr als ein Machbarkeitsbeweis“ sei. Wegen dieser etwas widersprüchlichen Darstellung werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

In einem Bericht über einen so frühen, experimentellen Ansatz muss nicht unbedingt auf Kosten eingegangen werden. Da die Methode jedoch auch entwickelt wird, um Frauen in Entwicklungsländern bei der Familienplanung zu unterstützen, wäre es interessant gewesen, ob diese Verhütungsmethode günstiger sein könnte als die herkömmliche Pille. Trotzdem werten wir die Nicht-Erwähnung insgesamt als vertretbar und das Kriterium als „ERFÜLLT“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Es ist richtig, dass die hormonelle Kontrazeption wegen Einnahmefehlern in einem nicht unerheblichen Prozentsatz zu unerwünschten Schwangerschaften führt. Es handelt sich dabei zwar nicht um eine Krankheit, dennoch kann dies die Gesundheit der Frauen und ihre psychische und soziale Entwicklung gefährden. Darüber berichtet der Artikel in sachlicher Art und Weise.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema Verhütung betrifft sehr viele Menschen. Daher ist alles, was an Entwicklung in diesem Feld passiert, von großer Relevanz. Angesichts der neuen wissenschaftlichen Publikation ist zudem ein aktueller Anlass für eine Berichterstattung gegeben und der technologische Ansatz ist originell.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Artikel ist logisch aufgebaut und weitgehend verständlich geschrieben. Allerdings werden gelegentlich Fachbegriffe verwendet, „magensaftresistent“ zum Beispiel oder „synthetisches Gestagen“, die nicht erklärt werden. Es wird auch nicht klar, warum ein „Stern“ nicht mehr durch den „Magenpförtner“ in den Zwölffingerdarm geschoben werden kann. Hier müsste zum Beispiel erklärt werden, dass der Magen ein großes Volumen fasst, der Zwölffingerdarm dagegen nur einen geringen Durchmesser hat. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen. Ein wenig missverständlich ist indes die Aussage, dass der Wirkstoff gleichmäßig abgegeben wird. Zwar wird der Wirkstoff über den gesamten Zeitraum hinweg abgegeben. Die Blutkonzentration jedoch verringert sich innerhalb der ersten drei Wochen des Monats deutlich.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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