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„Rotes Fleisch und Würste sind laut Forschern doch nicht so ungesund“

„Rotes Fleisch und Würste sind laut Forschern doch nicht so ungesund"

Seit Jahren warnen Mediziner vor dem Konsum von rotem Fleisch. Bratwurst, Schweinebraten, Rindsroulade waren als gesundheitsschädlich verfemt. Doch nun behaupten Forscher eines internationalen Konsortiums, dass alles anders sei: Man könne jenes Fleisch getrost essen, relevante gesundheitliche Nachteile seien nicht zu erwarten. Wie diese überraschende Schlussfolgerung zustande kommt, erklärt ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung auf sehr fundierte Art und Weise.

Zusammenfassung

In der Ernährungswissenschaft kommt es durchaus vor, dass langjährige Empfehlungen sich plötzlich ins Gegenteil verkehren. Mal sind es die jahrelang gefürchteten Eier, die auch bei häufigem Verzehr dann doch nicht schädlich sein sollen, mal ist die zeitweise geächtete Kuhmilch doch für viele Menschen wieder ein zuträgliches Nahrungsmittel. Im aktuellen Fall geht es um den Konsum von rotem Fleisch. In einem Beitrag der Neuen Zürcher Zeitung wird über eine neue Auswertung vorhandener Studien zum Thema berichtet. Demnach sei der Verzehr von Wurstwaren und rotem Fleisch entgegen der bisherigen Lehrmeinung nicht mit relevanten gesundheitlichen Nachteilen verbunden, schlussfolgern die Forscher aus ihrer Analyse. Wie es zu dieser Wende kommt, wird im journalistischen Beitrag anhand des unterschiedlichen Designs verschiedener Studien und Meta-Analysen erklärt. Auch die grundlegende Problematik von Ernährungsstudien wird dargelegt. Der Beitrag lässt mehrere Experten zu Wort kommen und geht deutlich über die Pressemitteilung zur Fachpublikation hinaus. Der Text, der uns als Positiv-Beispiel vorgeschlagen wurde, stellt das komplexe und auch kontroverse Gebiet der Ernährungsforschung am Beispiel der aktuellen Studie zum Fleischkonsum anschaulich dar.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Die Behauptung der Forscher, es habe keinen gesundheitlichen Nutzen, kein oder wenig rotes Fleisch zu essen, ist verständlich dargestellt: „Nun geht es um das rote Fleisch und die Wurst: Anders als gemeinhin zu hören und zu lesen ist, soll ein mäßiger Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch weder die Sterblichkeit erhöhen noch Infarkten und Diabetes Vorschub leisten und auch die Entstehung von Krebs, wenn überhaupt, höchstens geringfügig begünstigen.“ Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Netzwerk von Forschern, unter ihnen Wissenschaftler mehrerer Cochrane-Zentren, nach detaillierter Auswertung der bisherigen Ernährungsstudien. Eine Quantifizierung der bisherigen Forschungsergebnisse wäre indes hilfreich gewesen (Was bedeutet „mäßig“ und „geringfügig“ konkret?). Stattdessen findet man nur weitere vage Aussagen dazu: „Auch Rohrmann geht davon aus, dass verarbeitetes und möglicherweise auch rotes Fleisch das Krebsrisiko etwas erhöht. Was beim Einzelnen nur geringe Auswirkungen haben dürfte, könnte auf Bevölkerungsebene indes erheblich ins Gewicht fallen.“ Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Verhaltensempfehlungen sind insbesondere dann risikobehaftet, wenn jemand aus ihnen falsche Schlussfolgerungen zieht. Oder, logischerweise, wenn die Empfehlungen selbst schon nicht zutreffen. Im vorliegenden Fall streiten Experten darüber, welche Empfehlungen sich aus dem verfügbaren Wissenstand ableiten lassen. Indem der Text das deutlich macht, zeigt er auf, dass es nicht unbedingt empfehlenswert ist, sein Verhalten aufgrund einer aktuellen wissenschaftlichen Ernährungsempfehlung zu ändern. („Wenig zielführend sei es daher, wenn die Ergebnisse der neuen Untersuchung den Eindruck vermittelten, jeder könne bedenkenlos so viel Fleisch essen wie er wolle.“). Die Komplexität von Ernährungsentscheidungen werden im Artikel auch zusätzlich thematisiert: „Wie sie hinzufügt, dürfte die gesamte Ernährungsweise das Erkrankungsrisiko mehr beeinflussen als einzelne Nahrungsbestandteile. ‚Wer viel Fleisch isst, verzehrt zwangsläufig geringere Mengen anderer Lebensmittel‘, sagt die Wissenschaftlerin.“

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Der Artikel erklärt, aus welchen Analysen die Studienautoren ihre Empfehlungen ableiten. Zudem vergleicht er die Aussagekraft der Ergebnisse mit anderen Studien, die dieselben Daten mit Hilfe anderer Methoden ausgewertet hatten. Als Leser erfährt man etwas über die Vor- und Nachteile verschiedener Studiendesigns in der Ernährungsforschung (Einzelanalyse von Studienergebnissen mit anschließender Konsensbildung verglichen mit einer Meta-Analyse gepoolter Daten), und wie es dadurch zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Auswertung derselben Daten kommen kann. Indem der Text auch die grundlegende Problematik der Ernährungswissenschaft und damit von Ernährungsempfehlungen erläutert („Selbst die ausgetüfteltsten Analysemethoden können nicht Klarheit schaffen, wo es keine Klarheit gibt. So steht und fällt die Aussagekraft von wissenschaftlichen Studien mit der Qualität der Daten, auf denen sie gründen. Ernährungsstudien sind aber notorisch ungenau.“), ermöglicht er dem Leser, sich eine eigene Meinung zu Ernährungsempfehlungen zu bilden. Und obwohl man auch beim konkreten Thema Fleischkonsum nicht von richtig und falsch reden kann, ordnet der Text die Qualität der Evidenz angemessen ein.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es kommen Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen zu Wort, die den Nutzen der neuen Empfehlungen zum Fleischkonsum ebenso einordnen wie die Aussagekraft (Evidenzlage) der Daten, die den Empfehlungen zu Grunde liegen. Insgesamt werden drei Experten zitiert, die ein Spektrum von Meinungen in der Diskussion abbilden. Das ist lobenswert. Auf Interessenkonflikte geht der Artikel dagegen nicht ein. Die wären aber im vorliegenden Fall nur relevant, wenn die Studienautoren wirtschaftliche Verbindungen zur Fleischindustrie beträfen. Auf solche gibt es in der Publikation, die dem Bericht zugrunde liegt, aber keinen Hinweis. Unsere eigene stichprobenartige Recherche zeigt, dass sich mindestens ein Autor sogar schon selbst in einer Fachpublikation kritisch mit dem Thema Interessenkonflikte beschäftigt hat.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Artikel beruht nicht auf einer Pressemitteilung, sondern ganz offensichtlich auf einer eigenständigen, fundierten Recherche. Es kommen mehrere unbeteiligte Experten zu Wort, die grundlegende Problematik der Ernährungswissenschaft wird diskutiert und die Ergebnisse der Studie anderen, widersprechenden Forschungsergebnissen gegenübergestellt.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Dass hoher Fleischkonsum sich negativ auf die Gesundheit auswirkt, wird schon lange diskutiert. Aktuell aber wird über die gegenteilige Empfehlung berichtet, nicht aus gesundheitlichen Gründen auf Fleisch zu verzichten. Der Beitrag macht klar, dass es sich um eine neue Empfehlung handelt, die sich von bisherigen unterscheidet. Auch zeichnet der Text gut nach, dass sich die Empfehlungen aus der Ernährungswissenschaft in der Vergangenheit schon häufig radikal gewandelt haben: „Die Erkenntnisse der Ernährungswissenschaften werden regelmäßig hinterfragt. Dabei ist es schon fast an der Tagesordnung, dass zunächst als riskant eingestufte Lebensmittel gleichsam über Nacht den Stempel der Unbedenklichkeit erhalten. Eine solche Rehabilitation wurde unter anderem der Butter und dem Ei zuteil: Jahrzehntelang verpönt, nehmen sie in der Nahrungspyramide inzwischen wieder einen Platz in den unteren – hier besseren – Rängen ein. Ähnlich erging es anderen cholesterinreichen Speisen, etwa der Vollmilch und dem Käse, aber auch dem Kaffee. Nun geht es um das rote Fleisch und die Wurst.“

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Die dem Bericht zugrunde liegende wissenschaftliche Studie wie auch der Artikel selbst handeln von einer Verhaltensweise (Fleischkonsum), die mehr oder weniger schädlich sein soll. Es wird lediglich die Frage diskutiert, ob herkömmliche Empfehlungen zur Reduktion des Fleischkonsums aus wissenschaftlicher Sicht haltbar sind. Dabei stellt sich nicht unbedingt die Frage, ob andere Ernährungsweisen gesundheitsförderlicher sind. Daher halten wir das Kriterium für „NICHT ANWENDBAR“. Allerdings wäre es ein Service für den Leser gewesen, auf andere Möglichkeiten der Krebsprävention hinzuweisen. Immerhin mag dieser sich angesichts der unklaren Datenlage zum Krebsrisiko durch Fleischkonsum fragen, was man ansonsten tun kann.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Beim Konsum von Fleischprodukten handelt es sich um eine für jedermann frei zu entscheidende Angelegenheit. Auch ob und welcher Empfehlung man folgen möchte, kann jede/r jederzeit selbst entscheiden. Da dies als allgemein bekannt vorausgesetzt werden kann, werten wir das Kriterium als „ERFÜLLT“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Im vorliegenden Fall geht es nicht um eine therapeutische Intervention, die Kosten verursacht. Zwar verursacht es höhere Kosten, mehr Fleisch zu konsumieren. Aber die Intention der Empfehlungen der Forscher zum Fleischkonsum ist nicht, mehr Fleisch zu essen, um die Gesundheit zu fördern. Es wird lediglich empfohlen, seinen Fleischkonsum zumindest nicht aus rein gesundheitlichen Erwägungen zu reduzieren. Daher ist es angemessen, das Thema Kosten im Text nicht zu erwähnen. Wir werten das Kriterium darum als „ERFÜLLT“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Gesundheitliche Effekte von Ernährung stoßen auf großes Leserinteresse. Dieser Artikel geht sachlich mit dem Thema um und erwähnt zudem, dass sich Erkenntnisse der Ernährungsforschung manchmal mit der Zeit umkehren und nicht zu Panik führen sollten.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema ist aktuell, relevant und ungewöhnlich. Der Artikel berichtet anlässlich einer gerade veröffentlichten Studie zum Thema Fleischkonsum über die schwierige Interpretation von Daten aus Ernährungsstudien – und geht damit weit über die Qualität hinaus, die man meist in der Berichterstattung über Ernährungsstudien findet. Das Thema ist auch deshalb relevant, weil Fleischkonsum ein populäres Thema ist, das sehr viele Menschen betrifft. Zudem gibt es unter Wissenschaftlern aktuell einen Disput über die Deutung der zur Verfügung stehenden Informationen. Ungewöhnlich ist das Thema, weil die vorherrschende Meinung bisher war, dass reduzierter Fleischkonsum gut für die Gesundheit sei. Dieser Ansicht widerspricht nun ein großes internationales Wissenschaftler-Konsortium – eine überraschende Wendung.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Artikel widmet sich einer komplexen Thematik: der Ernährungswissenschaft. Die große neue Auswertung der Daten aus vielen Ernährungsstudien kommt zu einem Ergebnis, das in großem Widerspruch zur bisherigen Lehrmeinung steht. Diesen Widerspruch und die ihm zugrundeliegenden immanenten Probleme der Ernährungsforschung legt der Artikel auf eine für den Laien gut nachvollziehbare Weise dar. Der Leser erhält spannende Einblicke in ein kontroverses Forschungsgebiet und wird angeleitet, sich eine eigene Meinung zu bilden.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Wir haben keine Fehler gefunden.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 8 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt

 

In den vergangenen Tagen haben verschiedene Medien über mögliche Interessenskonflikte einzelner Studienautoren der im NZZ-Artikel erwähnten Meta-Analyse berichtet. Dazu folgende Links:

https://www.washingtonpost.com/business/2019/10/14/research-group-that-discounted-risks-red-meat-has-ties-program-partly-backed-by-beef-industry/

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-10/gesunde-ernaehrung-rotes-fleisch-krebs-gesundheit-studie


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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