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„Neue Wirkstoffe gegen Zombiezellen“

„Neue Wirkstoffe gegen Zombiezellen"

Alterserkrankungen vermeiden oder sogar das Altern ein Stück weit besiegen? Zu solchen Themen hat es schon viele und auch viele gute Berichte in den Medien gegeben. Dieser Radio-Beitrag des Deutschlandfunks sticht jedoch auf zweierlei Weise heraus: Erstens wird über einen neuen, ungewöhnlichen Therapieansatz berichtet. Und zweitens werden keine ungerechtfertigten Hoffnungen geweckt, im Gegenteil: Es wird gut verständlich dargelegt, dass die aktuelle Studie noch wenig darüber aussagt, ob aus dem Ansatz tatsächlich eine Behandlung gegen Alterserkrankungen entstehen wird.

Zusammenfassung

Ein gelungener Radiobeitrag zum Thema Altern berichtet im Frage-Antwort-Format über einen interessanten Behandlungsansatz in einem frühen Forschungsstadium. Mit Hilfe zweier bereits bekannter Wirkstoffe soll die Anzahl so genannter seneszenter Zellen im Körper reduziert werden – Zellen, die sich nicht mehr teilen, somit das Altern beschleunigen und altersbedingte Krankheiten begünstigen sollen. Diese Therapie wurde erstmals an neun Patienten erprobt. Es handelt sich dabei um ein hoch aktuelles und hoch relevantes Thema, weil altersbedingte Leiden wie Osteoporose, Demenz, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in unserer Gesellschaft eine große Rolle spielen und bisherige Therapien oft unzureichend sind oder nur symptomatisch ansetzen. Der Beitrag erläutert die betreffende Studie wie die Idee dahinter in klaren Worten. Er macht deutlich, dass es sich um ein Forschungsgebiet handelt, in dem es bislang ausschließlich Tierversuche gab, deren Ergebnisse sich nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen. Auch wird erklärt, welche Nebenwirkungen in größeren Folgestudien mit mehr Probanden auftreten könnten. Der erste Eindruck des Beitrags bestätigt sich also im Gutachten: Das als Positiv-Beispiel vorgeschlagene Stück stellt die Studienergebnisse sehr differenziert und gut verständlich dar.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Nutzen der in der Studie eingesetzten Wirkstoffe gegen überalterte Zellen wird im Beitrag nicht quantifiziert. Es heißt nur grob zu den Probanden: „Das Ergebnis war, dass sie am Anfang sehr viele seneszente Zellen – also diese Zombie Zellen – im Fettgewebe, im Blut, in der Haut hatten, und nach nur drei Tagen Behandlung war die Zahl deutlich reduziert.“ Etwas missverständlich heißt es zudem: „Und dann nimmt man eben an, dass sich das dann auch auf die Symptome und auf die Krankheit selbst auswirkt.“ Die Patienten litten an einem Nierenschaden als Folge eines Diabetes. Die Studie selbst hat allerdings keinen Einfluss auf die Alterskrankheit untersucht.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Im Beitrag heißt es: „Da Nebenwirkungen höchstwahrscheinlich da sind, auch wenn man die bisher in dieser kleinen Studie nicht entdeckt hat, ist es doch wahrscheinlich, dass auch da Nebenwirkungen auftreten.“ Das stimmt insofern nicht, als laut Fachpublikation nur keine schweren Nebenwirkungen auftraten: „no serious adverse events (i.e. hospitalization, kidney injury requiring dialysis, or death) occurred and no subjects required drug discontinuation” (also etwa: keine schweren Nebenwirkungen wie eine notwendig gewordene Krankenhauseinlieferung, ein Nierenschaden, der einer Dialyse bedurft hätte oder Todesfall kam vor, und kein Proband musste die Medikamenteneinnahme abbrechen). Zu den Medikamenten heißt es noch, dass der eingesetzte Dasatinib nicht unbedenklich sei und unter anderem in Chemotherapien gegen Blutkrebs eingesetzt werde. Dadurch wird klar, dass in größeren Studien mit Nebenwirkungen zu rechnen ist, auch wenn diese nicht eingeordnet werden. Wie es den Patienten vor, während und nach der Therapie erging, erfahren die Leser allerdings nicht. Daher werten wir nur knapp „ERFÜLLT“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es wird wiederholt darauf hingewiesen, dass es bislang ausschließlich Tierstudien gab, die sich nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen. Bei der jetzigen Untersuchung wird betont, dass es sich um eine kleine Studie mit nur neun Patienten handelt, die eine bestimmte Alterskrankheit hatten, einen Nierenschaden als Folge von Typ-2-Diabetes. Mehrmals innerhalb des Beitrags und auch am Ende betont der Interviewte, dass sich noch zeigen müsse, ob die in Therapie anvisierten Zellen auch tatsächlich das Altern auslösen und dass man erst nach Kenntnis der Nebenwirkungen wirklich beurteilen könne, ob sich aus den Wirkstoffen wirklich ein Medikament gegen das Altern entwickeln ließe. Kleine Einschränkung: Es wird nicht ganz klar, dass es sich um eine Sicherheits- und Machbarkeitsstudie handelt, die zunächst einmal die Verträglichkeit eines bestimmten Therapieansatzes abklären soll.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es werden keine unabhängigen Experten genannt, auf Interessenskonflikte wird nicht eingegangen, die aber in der Fachpublikation für vier Studienautoren aufgeführt sind.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Über die Pressemitteilung hinaus wird im Beitrag plakativ erklärt, was seneszente Zellen überhaupt sind (untote bzw. nicht tot zu kriegende „Zombiezellen“). Zudem wird deutlich, dass es sich bei der erprobten Methode nicht um ein Anti-Aging-Medikament für die breite Masse handelt und wie die Ergebnisse einzuordnen sind. Dabei unterscheidet sich die Art und Wortwahl der Erklärung deutlich von der in der Pressemitteilung. Fragen und Antworten sind so formuliert, dass die Ergebnisse auf den Endverbraucher heruntergebrochen werden.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird deutlich gemacht, dass es sich um einen etwa acht Jahre alten Forschungsansatz handelt, den Wissenschaftler bislang ausschließlich in Tiermodellen untersucht hatten und ihn jetzt erstmals in der kleinen Gruppe von neun schwer erkrankten Menschen erprobt haben.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird nicht über alternative Therapien gegen die angesprochenen Alterskrankheiten wie Diabetes, Niereninsuffizienz, Osteoporose, Demenz oder Herz-Kreislauferkrankungen gesprochen. Auch andere Ansätze in der Anti-Aging-Forschung werden nicht erwähnt. Da es sich hier um einen frühen experimentellen Ansatz handelt, halten wir es allerdings auch nicht für notwendig, darauf ausführlich einzugehen. Daher werten wir knapp „NICHT ERFÜLLT“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird wiederholt darauf hingewiesen, dass es der erste Test dieser Art an Menschen in einer kleinen Patientengruppe war und es bislang nur Tierstudien gab. Auch wird klar, dass man noch viel zu wenig über mögliche Nebenwirkungen weiß, um bereits von Medikamenten zu sprechen, die tatsächlich einmal als Therapie gegen Alterserkrankungen zum Einsatz kommen könnten.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

In einem Bericht über einen so frühen experimentellen Ansatz, bei dem bislang weder Dosierung noch Dauer der Therapie feststehen, muss auf Kosten nicht eingegangen werden. Daher werten wir die Nicht-Erwähnung als angemessen und das Kriterium als „ERFÜLLT“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Auf sachliche Art und Weise werden verschiedene, teilweise altersbedingte Erkrankungen wie Diabetes, Demenz, Osteoporose und Herz-Kreislaufkrankheiten aufgezählt. Auch wird zwischen dem Altern und altersbedingten Krankheiten unterschieden.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema ist tagesaktuell, weil es sich um eine aktuell veröffentlichte Studie handelt. Es ist aber auch gesellschaftlich und medizinisch aktuell und dauerhaft relevant, weil wir in einer alternden Gesellschaft mit zahlreichen altersbedingten Krankheiten leben, gegen die es oft nur unzureichende Therapien gibt. Neue Forschungsansätze sind daher berichtenswert. Wir werten dennoch nur knapp „ERFÜLLT“, weil zu einem sehr frühen Zeitpunkt berichtet wird, nämlich über eine erste Sicherheits- und Machbarkeitsstudie. Ob sich der Ansatz jemals in einer Therapie niederschlagen wird, ist mehr als ungewiss. Allerdings ist der Ansatz ungewöhnlich und die in der Behandlung anvisierten Zellen sind sicherlich nicht allgemein bekannt. Damit wird hier der aktuelle Anlass auch genutzt, ein allgemein interessantes Forschungsfeld zu beleuchten.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Das gewählte Format Frage und Antwort des Beitrags eignet sich unserer Ansicht nach gut für die Erläuterung dieser Studie. Es werden plakative Erklärungen (Zombie-Zellen, Anti-Aging-Medikamente, pflanzlicher Wirkstoff mit Vorkommen in Früchten und Gemüse) gewählt, die gut und genau erklärt und dennoch durch die Fachbegriffe ergänzt werden. Die Einordnung der Ergebnisse gelingt an verschiedenen Stellen sehr gut. Auch das Fazit lässt keinen Zweifel daran, dass sich noch in weiteren Studien mit mehr Probanden herausstellen muss, ob der Ansatz in einer Therapie münden kann.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Der Hörer wird gut ins Thema eingeführt, das Thema und die Fachbegriffe werden gut erläutert, die Einordnung im Spannungsfeld zwischen altersbedingten Krankheiten und Lifestyle/Anti-Aging gelingt auch durch Fragen der Moderatorin, die Einschränkungen in der Aussagekraft werden transparent gemacht. Allerdings findet sich im Beitrag auch ein Fehler, den wir allerdings als Versprecher werten, da die gleichen Fakten im restlichen Beitrag korrekt dargestellt werden. An einer Stelle heißt es: „(…) das sind senolytische Wirkstoffe. Die gelten als großer Hoffnungsträger im Kampf gegen das Altern. Und sie kommen eigentlich in allen alternden Geweben vor.“ Gemeint sind hier nicht die senolytischen Wirkstoffe, also die Medikamente gegen den Alterungsprozess, sondern die seneszenten Zellen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 7 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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