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„Mit diesen Bakterien läuft es sich besser“

„Mit diesen Bakterien läuft es sich besser"

In einem aktuellen Beitrag auf Spiegel Online wird über eine Studie berichtet, die auf den ersten Blick Erstaunliches zu versprechen scheint: Bestimmte Darmbakterien sollen die Leistungsfähigkeit steigern, dies wurde angeblich in Marathonläufern und in Mausexperimenten nachgewiesen. Allerdings fehlt im journalistischen Text eine Einordnung der Studienergebnisse, es werden keine unabhängigen Experten zitiert. Auch dass mehrere Co-Autoren der Studie Interessenskonflikte aufweisen, bleibt leider unerwähnt.

Zusammenfassung

Eine optimierte Darmflora erhöht die sportliche Leistungsfähigkeit, so jedenfalls die Schlussfolgerung einer aktuellen Publikation im Fachblatt Nature Medicine. Ein Bakterium namens Veillonella soll demnach dafür sorgen, dass beim Sport in den Muskeln entstehende Laktate abgebaut werden. Ermüdungserscheinungen träten daher erst später auf – ein interessant klingendes Studienergebnis, das Spiegel Online aufgegriffen hat (mit Material der Deutschen Presse-Agentur).
Auf den ersten Blick ist der entsprechende journalistische Artikel gut zu lesen und nachvollziehbar, auf den zweiten aber bleiben viele Fragen offen. In dem recht knapp gehaltenen Text wird zum Beispiel an keiner Stelle eingeordnet, ob die von den Forschern postulierten, medizinisch-biologischen Zusammenhänge plausibel sind: Wie gut ist der Nutzen von künstlich zugeführten Veillonella-Bakterien belegt? Welche Risiken gibt es, wie aussagekräftig ist die zugrunde liegende Studie? All diese Fragen werden nicht beantwortet. Zudem kommt kein von der Publikation unabhängiger Experte zu Wort. Das wäre umso wichtiger gewesen, weil mehrere der Studienautoren einen Interessenskonflikt aufweisen. Irritierend ist auch, dass im Text nicht erwähnt wird, dass sich Läufer gegenüber Nicht-Läufern in der gefundenen Bakterienzahl statistisch eben nicht signifikant unterschieden.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Nutzen des Einsatzes von Veillonella-Bakterien wird nur im Maus-Experiment quantifiziert: Die Mäuse mit den künstlich eingepflanzten Bakterien rannten im Durchschnitt 13 Prozent länger auf einem Laufband als die Mäuse der Kontrollgruppe. Doch sagt dies, wie es auch im Artikel erwähnt wird, wenig über einen Nutzen am Menschen aus. Wie sehr sich die Menge der untersuchten Bakterien bei Läufern versus Nicht-Läufern tatsächlich unterscheidet, wird nicht konkret angegeben (womöglich deshalb, weil die genauen Zahlen aus den Studiendaten schwer herauszulesen sind). Dass die Unterschiede statistisch gar nicht signifikant waren, bleibt allerdings auch unerwähnt. Daher werten wir NICHT ERFÜLLT.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Risiken oder Nebenwirkungen werden im Text an keiner Stelle angesprochen. Ob eine künstliche Zufuhr von Veillonella-Bakterien auch negative Folgen haben könnte, bleibt somit offen.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Zwar beschreibt der Artikel die Studie korrekt, erwähnt die Dauer (eine Woche vor und eine Woche nach dem Boston-Marathon) und die Zahl der Probanden und die folgende Tierstudie. Versäumt wird jedoch leider, die Grenzen des Studiendesigns aufzuzeigen. Denn die getroffenen Aussagen zur erhöhten Menge der Bakterien im Darm von Sportlern beziehen sich allein auf 15 Probanden, denen Stuhlproben entnommen wurden (und nicht etwa auf die 87 im Text erwähnten Ultramarathonläufer und Ruderer, bei denen nur ein Stoffwechselweg mittels Genanalysen untersucht wurde) und ein Experiment mit 16 Mäusen, wobei Tierversuche nur sehr begrenzt auf den Menschen übertragbar sind. Dieser letzte Aspekt wird zwar kurz angesprochen, direkt im Anschluss erhält jedoch ein an der Studie beteiligter Wissenschaftler Raum für weit reichende Versprechungen: „Was wir uns vorstellen, ist eine probiotische Ergänzung, die Menschen einnehmen, um ihre Fähigkeit für Bewegung zu verbessern.“ Inwieweit die in der Studie gemessenen Befunde überhaupt kausal miteinander verknüpft sind, wird nicht diskutiert.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Im Text wird lediglich ein Co-Autor der Studie zitiert. Andere, unabhängige Experten kommen im Artikel nicht zu Wort. Vor allem aber geht der Beitrag nicht auf Interessenskonflikte ein. Im wissenschaftlichen Fachartikel ist dagegen leicht zu sehen, dass einige der Studienautoren „konkurrierende Interessen“ haben: Vier der 17 Studienautoren arbeiten für ein New Yorker Unternehmen namens „Fitbiomics“, einer Ausgründung des „Wyss Institute for Biologically Inspired Engineering at Harvard University“ bzw. haben Beteilungen daran. Drei dieser Co-Autoren sind sogar Mitbegründer dieser Firma und /oder Kapitelgeber („J.S. and G.M.C. are co-founders of FitBiomics. Along with A.D.K., they hold equity in FitBiomics“.). Da die Firma ihr Geld damit verdient, das Mikrobiom von Athleten zu sequenzieren und ihnen eine speziell auf sie zugeschnittene Ernährung anzubieten, sind die Autoren nicht unabhängig. Im Gegenteil: Sie haben ein großes Interesse daran, ihre Forschung positiv darzustellen.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Es liegen zwei Pressemitteilungen vor, eine von der Zeitschrift Nature Medicine, in der der Studienbericht publiziert wurde und eine vom Joslin Diabetes Center. Zwar wurden im journalistischen Artikel keine Passagen wörtlich aus den Pressemitteilungen übernommen. Doch finden sich im Text keine Anhaltspunkte für größere selbst recherchierten Aspekte, die deutlich über die Pressemitteilung hinausgehen.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

In dem Artikel heißt es lediglich, dass Wissenschaftler „einen erstaunlichen Zusammenhang zwischen Darmflora und Marathonlaufen entdeckt” hätten. Es wird kein Zeitrahmen genannt und nicht erklärt, ob diese Entdeckung eine Neuheit darstellt oder ob sich zuvor schon andere Forscher mit dem Thema befasst haben. (Eine kurze Suche in der Medizin-Datenbank PubMed mit den Suchbegriffen „gut bacteria“ und „sports“ ergibt eine Vielzahl früherer Studien.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Andere Möglichkeiten, sei es über die Aktivierung der Darmflora oder auf anderem Wege, die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern, werden im Text nicht beschrieben.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Aus dem Artikel geht zumindest indirekt hervor, dass die im Vorspann angesprochene „probiotische Kur“ bislang nur eine Idee ist und somit bislang nicht verfügbar ist, jedenfalls nicht von diesen Forschern. Wir werten daher knapp „ERFÜLLT“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Mögliche Kosten einer „probiotischen Ergänzung“ werden nicht angesprochen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

In diesem Beitrag geht es nicht um spezielle Krankheiten, sondern um eine Leistungssteigerung beim Sport. Daher ist dieses Kriterium nicht anwendbar.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Ungewöhnlich – und damit interessant – ist die Durchführung und Art der Studie, zudem sind Themen wie die Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit für viele Menschen relevant.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Artikel vermeidet Fachbegriffe und erklärt die Rolle der Darmflora und die Studie in verständlichen Worten. Doch bleibt der Text an vielen Stellen oberflächlich („Wissenschaftler haben einen erstaunlichen Zusammenhang zwischen Darmflora und Marathonlaufen entdeckt.“). Da auch die medizinische Bedeutung nicht klar herausgestellt wird, werten wir hier nur „knapp erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Wie schon angedeutet, haben wir im Text einen wichtigen Faktenfehler gefunden: Weniger trainierte Menschen haben womöglich gar keine geringere Anzahl der hier untersuchten Bakterien in ihrem Darm – zumindest war der Unterschied zu den Sportlern in der vorliegenden Studie nicht groß genug, um statistisch signifikant zu sein. So berichten es die Forscher in ihrer Fachpublikation. Doch wird im journalistischen Beitrag ein anderer Eindruck von der Wirkung der Bakterien erweckt. Auch der Satz: „Diese können einen erstaunlichen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit haben“ ist angesichts der tatsächlichen Befunde derart übertrieben, dass man ihn letztlich als falsch werten muss.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 1 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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