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„Fragwürdige Geschäfte mit Zuckerkranken“

„Fragwürdige Geschäfte mit Zuckerkranken"

Eine radikale Abnehmkur kann Menschen mit Typ-2-Diabetes dabei helfen, ihre Erkrankung loszuwerden, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung anlässlich des Jahreskongresses der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. Bei welchen Patienten das klappen kann und wann man sich vor der „Gesundheitsindustrie“ hüten sollte, wird ebenfalls erklärt.

Zusammenfassung

Der Zeitungsartikel berichtet anlässlich des Kongresses über eine Diabetes-Studie aus Großbritannien. Bemerkenswert ist, dass der Text nur kurz auf die (positiv aufgenommene) Studie eingeht und sie vielmehr zum Anlass nimmt, das Thema grundsätzlich und weit gefasster aufzugreifen. Zwar ordnet der Text nicht ein, wie ansonsten die Studienlage zu der Frage „Diät gegen Diabetes“ ist, kommt aber über die Aussagen von vier unbeteiligten Experten zu grundsätzlichen Fragen: Verordnen Ärzte viel zu oft Medikamente? Ist ein deutlich gesunkener Blutzuckerspiegel als echte Heilung zu werten oder kann der Diabetes zurückkehren? Welche Probleme stehen sonst noch hinter dem Übergewicht? Der Artikel ordnet den Nutzen der Diät korrekt und gut verständlich ein, vermeidet Übertreibungen und schürt keine Ängste. Es kommen vorbildlicherweise viele unabhängige Experten zu Wort, die aber die eigentliche Studie kaum einordnen. Leider thematisiert der Artikel mögliche Risiken nicht und erklärt auch nicht, inwieweit diese Radikalkur in Deutschland bereits verfügbar ist. In der zweiten Hälfte verliert der Text zudem ein wenig seinen Fokus und versteigt sich in einigen Mutmaßungen, die nicht belegt werden und die die Leserinnen und Leser eher verwirren dürften.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Den Nutzen der Diät gegen Diabetes beschreibt der Artikel kurz, aber anschaulich: „Die Radikalkur zahlte sich aus: Nach einem Jahr war bei knapp jedem zweiten Patienten der HbA1c-Wert unter 6,5 Prozent gesunken, und nach zwei Jahren lag der Wert immerhin noch bei jedem dritten darunter, Ärzte nennen das Remission. Je mehr jemand abnahm, desto größer die Chance dafür. Der HbA1c spiegelt den Blutzuckerspiegel der vergangenen Monate wider, ab einem Wert von 6,5 spricht man von Diabetes.“ Es wird deutlich, dass der Blutzuckerspiegel unter Diät bei jedem zweiten Patienten auf ein normales Niveau sank.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Der Artikel beschreibt es mit dem Begriff „Radikalkur“: Die Teilnehmer in der Interventionsgruppe der britischen „Direct“-Studie mussten ein hartes Programm durchlaufen. Sie erhielten nur 825 bis 853 kcal pro Tag in Form von Flüssignahrung und das für zwölf bis 20 Wochen. Risiken und Nebenwirkungen einer starken Fastenkur werden nicht angemessen berücksichtigt, es wird lediglich das Statement einer Expertin dazu angeführt: „Keiner hat jemals untersucht, wie sich ein Diät- oder Abnehmprogramm auf das Eheleben und den Familienfrieden auswirken kann.“
Dabei sind in der Studie selbst einige Nebenwirkungen aufgelistet: Über die 24 Monate traten 15 „serious adverse events“ bei elf Teilnehmern der fastenden Teilnehmer auf. Zwar führten diese Ereignisse nicht zum Abbruch der Studie und sind oftmals wohl eher auf den Diabetes als direkt auf das Abnehmen zurückzuführen. Aber sie reichten von Durchblutungsstörungen und einer Zeh-Amputation bis zu einem plötzlichen Tod.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Die Art der Studie wird in groben Zügen erklärt. Man kann aus der Beschreibung schließen, dass es sich um eine randomisierte Studie handelt, auch die Anzahl der Teilnehmer wird genannt.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Zwar kommen vier unabhängige Experten zu Wort. Diese ordnen aber weniger die eigentliche Studie ein, sondern äußern sich allgemein zum Thema Diabetes. Das ist bedauerlich. Vor allem aber werden Interessenskonflikte der Studienautoren nicht angemessen berücksichtigt. Zwar werden allgemeine Interessenskonflikte bei der medikamentösen Behandlung thematisiert: „Der Grund: vermutlich Interessenskonflikte. Die ADA soll massiv von Firmen unterstützt werden, die mit ihren Medikamenten und Geräten finanziell enorm von den Prädiabetikern profitieren. Auch Ärzte sollen gesponsert worden sein.“ Ausgerechnet die Interessenskonflikte der beschriebenen Studie werden aber nicht thematisiert, dabei sind sie in der Pressemitteilung und auch in der Fachpublikation fast unübersehbar genannt (wir werten daher knapp „nicht erfüllt“):
„DiRECT involved the Counterweight Plus weight management programme. The low-calorie meal replacement product was supplied without charge by Cambridge Weight Plan, as part of the Counterweight Plus structured weight management programme. Counterweight Plus was developed by Counterweight Ltd. in association with the University of Glasgow, and part-funded by the Scottish Government Health Department.“ Manche Studienautoren haben Verbindungen zu Counterweight Plus.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Zeitungstext geht weit über die Pressemitteilung hinaus, da er nicht nur die Studienergebnisse thematisiert. Er berichtet auch über das Problem, dass zu viele Diabetes-Medikamente verschrieben werden, teilweise schon vor Ausbruch der Erkrankung.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Im Artikel wird klar, dass die Studienergebnisse gerade auf einem Kongress vorgestellt worden sind: „Schon vor zwei Jahren hatten die Stoffwechselexperten die Ein-Jahres-Zahlen vorgestellt, jetzt berichteten sie über die Daten nach zwei Jahren.“ Und es wird auch deutlich, dass diese Art der Forschung in Deutschland offenbar nicht weit verbreitet ist: „Auch deutschen Diabetologen, die auf Kongressen gerne über die vielen neuen Diabetesmedikamente diskutieren, scheint das Thema nun offenbar wichtig zu sein. Sie haben Roy Taylor zum Kongress der Deutschen Diabetesgesellschaft nach Berlin eingeladen, um sein Abnehmprogramm vorzustellen.“ Doch gibt es auch einen Schönheitsfehler: Ob Abnehmen als Therapie gegen Diabetes bereits zum Einsatz kommt, wird nur allgemein in einem Experten-Zitat angesprochen (Hans Hauner: „Man sollte die Diät unbedingt mit einem Arzt besprechen.“ In seiner Sprechstunde sehe er immer wieder übergewichtige Diabetiker, die es schaffen, dauerhaft abzunehmen.). Die Neuheit des Ansatzes ist nicht herausgearbeitet. Dass eine Gewichtsreduktion ein Ansatz zur Behandlung von Typ-2-Diabetes sein kann, ist schon länger bekannt (hier etwa durch Fettabsaugen, eine Studie aus dem Jahr 2009: https://insights.ovid.com/crossref?an=01266029-200904000-00006). Deshalb werten wir nur knapp „erfüllt“.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Die Alternative zum Abnehmen bei Typ-2-Diabetes sind vor allem Arzneimittel. Dies wird im Text erwähnt. Zwar hätte man auch die Adipositas-Chirurgie nennen können, doch spielen bei den meisten Patienten die Medikamente noch immer die Hauptrolle in der Therapie. Daher werten wir „erfüllt“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Im Artikel wird nicht deutlich, ob und wo diese Radikalkur in Deutschland schon verfügbar ist. Der Artikel insinuiert nur, dass man die Diät schon ausprobieren kann: „So eine Abnehmkur kann klappen“, sagt Hans Hauner, Chef-Ernährungsmediziner an der Technischen Universität in München. „Man braucht aber sehr viel Durchhaltevermögen und sollte die Diät unbedingt mit einem Arzt besprechen.“ Das ist jedoch zu nebulös, um die hiesigen Leserinnen und Leser wirklich zu informieren. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Abnehmen an sich verursacht keine Kosten. Ein strukturiertes, ärztlich angeleitetes Diätprogramm schon. Darauf geht der Artikel aber nicht ein. Dabei listet die Pressemitteilung zur Studie interessante Zahlen auf: „Die Kosten für das gesamte Programm für einen Zeitraum von zwölf Monaten betrugen 1067 britische Pfund pro Patient, und die Kosten für jede Remission beliefen sich auf 2564 Pfund. Die übliche Behandlung und Betreuung eines Patienten mit Typ-2-Diabetes kostet das britische Gesundheitssystem jedoch 2801 Pfund pro Jahr.” Die normale Diabetes-Behandlung ist somit teurer als die Lebensstil-Änderung – ein interessanter Aspekt, den man gern im Artikel gelesen hätte. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Diabetes ist eine ernst zu nehmende Erkrankung und wird nicht übertrieben dargestellt. Die Diagnose von Prädiabetes dagegen wird ausreichend kritisch hinterfragt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Diabetes ist eine Volkskrankheit, die mit enormen Kosten verbunden ist und gegen deren Ausbreitung bislang kein Rezept gefunden wurde. Deshalb ist eine gut gemachte Vergleichsstudie zur Frage, ob und wie sich Blutzuckerwerte ohne Medikamente dauerhaft senken lassen, sehr berichtenswert. Zwar sind die Studienergebnisse bereits Anfang März in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht erschienen. Doch die Vorstellung des Programms auf dem Diabetes-Kongress vor ein paar Tagen ist ein legitimer Anlass, die Studie nochmals aufzugreifen.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Zwar ist der Artikel gut und verständlich geschrieben. Doch verliert der Text nach etwa der Hälfte an Fokus, am Ende weiß man nicht mehr, worum es wirklich geht: Am Anfang geht es um die Diät-Studie, später wird mehr Prädiabetes thematisiert. Auch die Art, in der das geschieht, ist teils problematisch, weil erstens viele Vermutungen geäußert werden („Der Grund: vermutlich Interessenkonflikte“; „Auch Ärzte sollen gesponsert worden sein“; „Trotzdem werden vermutlich auch hierzulande viele Menschen sicherheitshalber behandelt“). Zweitens lässt der letzte Abschnitt über den Prädiabetes die Leserinnen und Leser am Ende etwas ratlos zurück. Etwa: „Diese Prädiabetiker brauchen sich nicht mit einer Änderung des Lebensstils zu quälen – sie bekommen vermutlich nie einen Diabetes“, sagt Fritsche.“ Doch wie kann man herausfinden, zu welcher Gruppe von Menschen mit Prädiabetes man gehört? Auch zweifelhafte Aussagen wie „Für manche ist das Übergewicht ein Schutz, etwa weil sie in der Kindheit vernachlässigt wurden oder etwas Traumatisches erlebt haben“ werden ohne Einordnung eingestreut. Daher werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Ein Zahlenfehler ist uns aufgefallen, der aber nicht gravierend ist: Laut Originalstudie erhielten die Patienten der Interventionsgruppe eine Diät mit 825 bis 853 Kilokalorien pro Tag. Im Artikel sind es 825 bis 835 Kilokalorien pro Tag – vermutlich ein Zahlendreher. Sonst sind uns keine Fehler aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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