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„Mit einfachen Mitteln Schlimmeres verhindern“

„Mit einfachen Mitteln Schlimmeres verhindern“

Kurzsichtigkeit unter Kindern und Jugendlichen nehme stetig zu, daher gibt der Deutschlandfunk konkrete Tipps, wie man dieser vorbeugen kann, u. a. durch eine Therapie mit sehr stark verdünntem Atropin. Der Beitrag wie auch die Pressemitteilung der Fachgesellschaft machen die Verfügbarkeit und Neuheit klar, Nutzen und Risiken erklären sie indes zu knapp.

Zusammenfassung

Journalistischer Beitrag 

Anlässlich einer Konferenz der „Deutschen Ophthalmochirurgen“ berichtet der Deutschlandfunk in einem Beitrag für die Gesundheitssendung „Sprechstunde“ über Möglichkeiten, eine sich entwickelnde Kurzsichtigkeit, die unter Kindern und Jugendlichen weltweit zunehme, zu verzögern oder zu unterbrechen. Neben konkreten Alltagstipps verweist der zitierte Experte („der Kongresspräsident“) auch auf eine Therapie mit sehr niedrig konzentriertem Atropin.

Der mögliche Nutzen wie auch Risiken und Nebenwirkungen sind nicht hinreichend konkret erläutert, wie gut die Belege sind, wird ebenfalls nicht ausreichend deutlich. Mit dem Kongresspräsidenten kommt ein nicht an der Atropin-Studie beteiligter Experte zu Wort. Der Beitrag macht einigermaßen deutlich, was das Neue an der Therapie ist, erklärt mögliche Alternativen und gibt Informationen zur Verfügbarkeit der Atropin-Therapie, klärt indes nicht über die Kostenfrage auf. Kurzsichtigkeit wird nicht übertrieben dargestellt. Der Beitrag gibt konkrete Tipps für den Alltag, versucht indes zu viele Ansätze in einem Beitrag unterzubringen und zeichnet sich auch nicht durch kritisches Hinterfragen der Aussagen des Experten aus.

Pressemitteilung

In einer Pressemitteilung weist die DOC („Deutsche Ophthalmochirurgen“) anlässlich ihrer internationalen Konferenz darauf hin, dass sehr niedrig konzentriertes Atropin, eine Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen herauszögern oder unterbrechen kann.

Der mögliche Nutzen und auch Risiken und Nebenwirkungen werden dabei nicht ausreichend konkret erklärt, die Belege und ihre Aussagekraft sind ebenfalls nicht hinreichend erläutert. Der zitierte Experte war nicht an der/den vorgestellten Studie/n beteiligt. Der Text macht deutlich, was das Neue an der Therapie ist, Alternativen werden kurz erwähnt (und in einer weiteren Pressemitteilung erläutert). Die eingeschränkte Verfügbarkeit wird deutlich, die Kosten indes nicht ausreichend erklärt. Kurzsichtigkeit wird in diesem insgesamt verständlichen Artikel, bis auf den Einstieg nicht übertrieben dargestellt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Im journalistischen Beitrag ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Beitrag vermittelt den möglichen Nutzen von Atropin als auch des eingeschränkten Gebrauchs von Smartphones und Tablets allgemein. Konkret wird ein Ausmaß nur für Atropin angegeben. Dazu heißt es: „(…) und diese Tropfen führen nachweislich dazu, dass das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit um 70 Prozent reduziert.“ Das ist leider nur eine relative Risikoreduzierung und eine Prozentzahl, von der Zuhörer nur vermuten können, auf was sie sich bezieht. Durch die relative Angabe kann es Zuhörern leicht passieren, dass sie den tatsächlichen Nutzen überschätzen. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

1. In der Pressemitteilung ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Den möglichen Nutzen der vorgestellten Atropin-Therapie benennt die Pressemeldung allgemein: „Atropin kann (…) das Längenwachstum des Augapfels verzögern oder stoppen.“ An anderer Stelle wird dieser mögliche Nutzen zwar auch beziffert, indes nur durch eine relative Risikosenkung: „Nach fünf Jahren zeigte sich, dass bei der niedrigsten Verdünnung von 0,01 Prozent die beste Wirkung eintrat: Das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit konnte zu 77 Prozent verzögert werden.“ Ein kurz darauf folgendes Zitat vermittelt, dass der Effekt nach Absetzen der Behandlung noch über mehrere Jahre anhielt. Die relative Quantifizierung der Wirksamkeit ist nicht geeignet, den Nutzen des Verfahrens ausreichend verständlich zu machen. So bleibt unklar, auf was sich die Prozentangabe bezieht. Ist in 77 Prozent der Fälle die Kurzsichtigkeit langsamer fortgeschritten als ohne Therapie? Oder ist die Veränderung der Dioptrienzahl um 77 Prozent reduziert? Um den Nutzen zu verstehen, wären absolute und konkretere Angaben notwendig. Der Titel übertreibt zudem den Nutzen, da die Therapie nur das Verschlechtern einer bereits begonnenen Kurzsichtigkeit unterbricht.

2. Im journalistischen Beitrag sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Zu den Risiken und Nebenwirkungen von Atropin in einer „extrem niedrigen Dosierung“ heißt es nur: „De facto keine Nebenwirkungen.“ So erfreulich das klingt, bei einem noch neuen Mittel, halten wir es für wichtig, zum Beispiel auch darauf hinzuweisen, dass man noch nichts zu seltenen, aber möglicherweise schweren Nebenwirkungen sagen kann. Auch erscheint uns das Thema bei einem an sich so potenten Nervengift, durchaus ein paar mehr Worte wert. Was passiert bei Überdosierung? Wer sollte das Mittel nicht nehmen? Welche Nebenwirkungen traten „de facto“ auf, denn auch wenn der Arzt im Zitat sagt, dass es keine Nebenwirkungen gab, heißt es in der Pressemitteilung zum Beispiel nur „so gut wie keine Nebenwirkungen“.

2. In der Pressemitteilung sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Auf Risiken und Nebenwirkungen geht der Text nur allgemein ein: „In dieser geringen Dosierung traten auch so gut wie keine Nebenwirkungen auf.“ Zwar wird vorher erklärt, dass die Augentropfen in höherer Dosierung unbeliebt seien, „ (…) weil man danach vorübergehend verschwommen sieht und nicht mehr selbst Autofahren darf.“ Die Liste bekannter Nebenwirkungen von atropinhaltigen Augentropfen ist allerdings deutlich länger. Eine konkretere Angabe möglicher Risiken wäre hier wichtig gewesen, um sie gegen einen zu erwartenden Nutzen abwägen zu können. Auch die Information, dass schwerwiegende, aber selten vorkommende Nebenwirkungen noch unerkannt sein können, wäre ein wichtiger Hinweis gewesen.

3. Im journalistischen Beitrag ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Wie gut das Mittel untersucht ist, wird nur an einer Stelle angedeutet: „ (…) wurde über fünf Jahre lang in großen Studien in Asien erprobt.“ Dies reicht indes nicht aus, um Lesern zu vermitteln, wie aussagekräftig dies ist. Es ist nicht mal klar, ob es sich bei dem genannten Zeitraum, um die Behandlungsdauer alleine handelt oder ob der Nachbeobachtungszeitraum miteinbezogen wurde. Während der Experte im Audiobeitrag von mehreren Studien spricht, handelt es sich laut der Pressemitteilung nur um eine Studie. Da es sich um einen O-Ton des Arztes handelt, kann es natürlich auch sein, dass er sich einfach versprochen hat. Wie groß die Studie(n) waren, bleibt offen, wie gut sie waren, ebenso. Ob es weitere Studien gibt, erfahren Leser nicht. Wie gut die Belege für die weiteren Empfehlungen im Beitrag sind (etwa die Einschränkung der Smartphone-Nutzung), wird nicht hinterfragt.

3. In der Pressemitteilung ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

In der Pressemeldung heißt es: „Aktuelle wissenschaftliche Studien haben bewiesen, dass Augentropfen mit dem Wirkstoff Atropin die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit verringern können.“ Dann geht der Text auf eine Studie genauer ein: „400 kurzsichtige Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren bekamen im Rahmen klinischer Studien jeden Abend Atropintropfen in 0,5-, 0,1- und 0,01-prozentiger Verdünnung.“ Es bleibt leider offen, wie gut diese und andere Studien waren. Auch wenn der Ausdruck „haben bewiesen“ dies suggeriert, halten wir es für sinnvoll, Lesern genauer zu erläutern, wie und warum die Aussagekraft der Studie(n) so hoch ist, dass der Mediziner die Ergebnisse als „bewiesen“ betrachtet. Auf Grenzen der Aussagekraft der Studien geht der Text gar nicht ein.

4. Im journalistischen Beitrag werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENKONFLIKTE hingewiesen.

Der Beitrag zitiert den Kongresspräsidenten, der auch Augenarzt ist, er war nicht an der angesprochenen Studie beteiligt. Daher ist das Kriterium formal erfüllt. Eine – auch kritische ­– Einordnung durch einen weiteren Experten hätten wir in diesem Fall für sinnvoll gehalten. Wir werten nur knapp „erfüllt“.

4. In der Pressemitteilung wird auf INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG hingewiesen und es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert.

Der zitierte Tagungspräsident war nicht an der Studie beteiligt, die angesprochen wird. Der Aspekt möglicher Interessenkonflikte in der Studie wird nicht angesprochen, aber diese liegen nach Angaben in der Fachpublikation auch nicht vor.

5. Der journalistischen Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Radiobeitrag steht im Zusammenhang mit einem Augenärztekongress, zu dem es mehrere Pressemitteilungen zum Thema Kurzsichtigkeit gab. Deren Inhalte gibt der Beitrag wieder, und ergänzt sie. Einleitend dokumentiert er kurz ein Fallbeispiel („Der sechsjährige Fabian ist gerade im ersten Schuljahr. Seit ein paar Monaten hat er eine Brille, die ihm beim Lernen in der Schule hilft.“). Der interviewte Experte wurde inhaltlich ähnlich auch in den Pressemeldungen zitiert. Einige Aspekte gehen indes darüber hinaus. Er versucht sich an einer Erklärung der Ursachen der zunehmenden Kurzsichtigkeit bei Kindern und geht auch auf Behandlungsalternativen und mögliche Folgen der Kurzsichtigkeit im späteren Leben ein.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium ist bei Pressemitteilungen nicht anwendbar, wir beschreiben dennoch die über den reinen Pressetext hinausgehenden Zusatzinformationen.

Weder gibt es in der Pressemitteilung Kontaktdaten, noch bibliographische Angaben zu der/den angesprochenen Studie(n).

6. Der journalistische Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Dass es sich um einen neuartigen Therapieansatz handelt, macht ein kurzer Satz deutlich: „Noch wird das Medikament in Deutschland kaum verschrieben, da die Studien aus Asien ganz neu sind.“ Allerdings hört es sich so an, als handele es sich um eine völlig neuartige Substanz in der Augenheilkunde. Der Wirkstoff Atropin wird aber schon sehr lange genutzt, auch in Deutschland, etwa zur Behandlung der Schwachsichtigkeit bei Kindern (wie es der Pressemitteilung zu entnehmen ist) oder auch zur Weitung der Pupille, um den Augenhintergrund zu untersuchen. Neu ist die Anwendung gegen Kurzsichtigkeit in einer sehr viel niedrigeren Dosierung als bei bisherigen Indikationen. Wir werten deshalb nur knapp „erfüllt“.

6. Die Pressemitteilung macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird deutlich, dass es sich bei der Anwendung des Wirkstoffs Atropin zur Verminderung der Kurzsichtigkeit um einen neuen Ansatz handelt, der in Taiwan schon verbreitet ist, in Deutschland aber erst langsam ankommt. Deutlich wird dies auch, weil im Text erklärt wird, wie Atropin bisher in der Augenheilkunde eingesetzt wird: „Schon lange verwenden Augenärzte es in einer 1,0- oder 0,5-prozentigen Verdünnung zur objektiven Bestimmung der kompletten Fehlsichtigkeit bei Kindern, zur Behandlung von Schwachsichtigkeit (Amblyopie) bei Kindern oder setzen es ein, um die Pupillen zu erweitern und den Augenhintergrund besser untersuchen zu können.“

7. Im journalistischen Beitrag werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Die Alternativen zur Atropin-Tropfentherapie diskutiert der Beitrag ausführlich: „Es ist wichtig, dass man nicht ununterbrochen in Smartphone oder Tablet reinguckt, sondern dass man schaut oder liest und dann nach einer halben Stunde oder Stunde eine Pause macht von zehn Minuten und dann kann man weitermachen.“ Und weiter heißt es: „Darüber hinaus empfehlen die Augenärzte, dass Kinder und Jugendliche mindestens zwei Stunden am Tag draußen im Freien verbringen. Denn das Tageslicht ist ein wichtiger Schutz vor Kurzsichtigkeit.“ Am Ende thematisiert der Radiobeitrag noch die Möglichkeit, Kurzsichtigkeit durch die Implantation einer Kunstlinse oder Laser zu korrigieren.

7. In der Pressemitteilung werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Auf alternative Möglichkeiten, der Entwicklung von Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, geht der Text gleich zu Beginn kurz ein: „ (…) zusätzlich zu den aktuellen Empfehlungen für mehr Aufenthalt im Freien und Anpassung von Leseverhalten und Computernutzung diskutieren die Augenärzte (…).“ Damit sind, wenn auch knapp, die wichtigsten Alternativen genannt, die auch ausführlicher in einer der begleitenden Pressemitteilungen zur Konferenz angesprochen werden (nicht mehr online).

8. Im journalistischen Beitrag wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Der Beitrag vermittelt, dass Atropin zur Vorbeugung gegen Kurzsichtigkeit noch nicht in weiter Verbreitung in Deutschland eingesetzt wird: „Noch wird das Medikament in Deutschland kaum verschrieben, da die Studien aus Asien ganz neu sind.“ Und weiter: „Apotheker mischen es derzeit nur auf Privatrezept an.“ Hier hätten wir etwas mehr Erklärungen hilfreich gefunden, weil zum Beispiel nicht jeder weiß, was es bedeutet, etwas auf „Privatrezept“ zu bekommen. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

8. In der Pressemitteilung wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Die Verfügbarkeit der neuen Therapieform wird deutlich: „Bis die Behandlung auch in Deutschland offiziell eingeführt wird, kann es noch etwas dauern. Denn die Therapie ist nicht zugelassen und Atropintropfen stehen bisher nur in 0,5-prozentiger Verdünnung zur Verfügung.“ Und weiter heißt es: „Allerdings haben die ersten Augenärzte in Deutschland bereits damit begonnen, 0,01-prozentiges Atropin auf Privatrezept zu verordnen. In der Apotheke müssen die bisher verfügbaren Tropfen dann gemäß Rezept entsprechend verdünnt werden.“

9. Der journalistische Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Was die Atropin-Therapie kostet, und ob die Krankenkassen diese Kosten übernehmen, wird leider nicht erklärt. In der Pressemitteilung zum Kongress findet sich zumindest die Information, dass die Kosten von den Kassen nicht übernommen werden.

9. Die Pressemitteilung geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Es gibt zwar die Information, dass die Kosten von den Krankenkassen nicht übernommen werden, welche Kosten auf Betroffene zukommen, erklärt der Text dann leider nicht. Daher werten wir knapp „nicht erfüllt“.

10. Der journalistische Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Kurzsichtigkeit wird nicht übertrieben dargestellt.

10. Die Pressemitteilung vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Gleich zu Beginn heißt es: „Die dramatische Zunahme von Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen beunruhigt Augenärzte und Eltern.“ Darüberhinaus wird die Kurzsichtigkeit schon im Kindesalter weder übertrieben noch heruntergeredet. Zwar stimmt es, dass Kurzsichtigkeit in hohem Maß zunimmt. Die Pressemeldung erklärt aber nicht, wie hoch die Steigerungszahlen konkret sind. So rückt die Dramatisierung und Emotionalisierung des Themas durch den einleitenden Satz in die Nähe einer übertriebenen Darstellung. Wir werten nur knapp „erfüllt“.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA des journalistischen Beitrags ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Aktualität erreicht der Artikel durch den aktuellen Kongress. Relevanz hat das Thema, da Kurzsichtigkeit ein weitverbreitetes Problem ist, dass durch den zunehmenden Gebrauch von Smartphones und Tablets unterstrichen wird, zudem durch neuere Untersuchungen, dass die Zahl der Menschen mit Kurzsichtigkeit zunimmt. Ungewöhnlich ist die Verwendung eines Nervengifts wie Atropin als Therapie nicht ganz so sehr, wie es erscheint, da die Substanz bereits zur Behandlung in der Augenheilkunde eingesetzt wird (was zum Beispiel auch in der Pressemitteilung erklärt wird).

1. Das THEMA der Pressemitteilung ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Anlass ist der Kongress der Fachgesellschaft, Relevanz erhält das Thema, durch die zunehmende Zahl der Kinder mit Kurzsichtigkeit. Für viele Leser mag das Thema spannend und ungewöhnlich sein, weil es sich einerseits um ein Gift handelt, zugleich auch um einen Naturstoff, auch wenn dieser, wie in der Pressemitteilung erklärt, in der Augenheilkunde bereits lange eingesetzt wird.

2. Die Darstellung des Themas ist im journalistischen Beitrag gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Es handelt sich um einen routiniert gebauten Beitrag, der versucht, durch den Einstieg mit dem Fall eines kleinen Jungen einen emotionalen Aspekt in diesen Konferenzbericht zu bringen, was durchaus gelingt und den Beitrag etwas auflockert. Im Folgenden wird dann jedoch nur noch der Konferenzpräsident zitiert im Wechsel mit Erklärungen zum Thema. Der insgesamt durchaus verständliche Beitrag verlässt sich dabei völlig auf seine einzige Quelle – kritisches Nachfragen ist nicht erkennbar. Zwar bekommen Zuhörer konkrete und nachvollziehbare Tipps für den Alltag, „(…) sondern, dass man liest und dann nach einer halben Stunde oder Stunde Pause macht von zehn Minuten und dann kann man weitermachen.“ Wie gut diese Empfehlungen tatsächlich belegt sind, bleibt offen.

Man bekommt den Eindruck, als sei die Einführung des Computers wesentlich verantwortlich für die Entwicklung zunehmender Kurzsichtigkeit. Dass aber zum Beispiel Bildung (und damit einhergehend das Lesen) ebenfalls eine wesentliche Komponente weltweit ist, bleibt völlig außen vor.

Es wäre aus unserer Sicht besser gewesen, sich auf einen Aspekt zu konzentrieren, anstatt so viele Einzelaspekte in einem doch recht kurzen Beitrag unterzubringen. Daher werten wir alles in allem knapp „nicht erfüllt“.

2. Die Darstellung des Themas ist in der Pressemitteilung gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Die Pressemeldung vermittelt ihr Thema gut verständlich und interessant. Die Relevanz wird gleich zu Beginn erklärt (wenn auch nicht belegt), ebenso wie der berichtete medizinische Fortschritt. Die Leser erfahren Hintergründe („Atropin ist ein Nervengift, das aus der Tollkirsche gewonnen wird.“), etwas über die aktuelle Erforschung („400 kurzsichtige Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren bekamen im Rahmen klinischer Studien jeden Abend Atropintropfen in 0,5-, 0,1- und 0,01-prozentiger Verdünnung.“) und dass die neue Therapie in Asien schon weit verbreitet ist („In Taiwan wird inzwischen bereits jedes zweite kurzsichtige Kind damit behandelt.“). Der Text ist schlüssig gegliedert und einfach zu erfassen. Unabhängig von den inhaltlichen Mängeln (Nutzen, Risiken, Evidenz) finden wir die journalistische Darstellung des Thema gelungen, bis auf den schon kritisierten Einstieg, in dem von einem dramatischen Anstieg die Rede ist, dieser dann aber nicht beziffert wird. Ebenfalls problematisch ist der Titel, der zu plakativ behauptet: „Augentropfen verhindern Kurzsichtigkeit.“ Denn die Tropfen werden bisher erst eingesetzt (und in Studien untersucht), wenn eine Kurzsichtigkeit schon begonnen hat.

Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten im journalistischen Beitrag stimmen.

Im Beitrag heißt es: „Atropin ist eine Mischung aus giftigen Nachtschattengewächsen (…).“ Das ist entweder sprachlich sehr ungeschickt formuliert oder einfach falsch. Atropin ist eine Substanz, die in verschiedenen Nachtschattengewächsen vorkommt, und aus diesen gewonnen wird. Da wir keine weiteren Faktenfehler gefunden haben, werten wir nur knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten in der Pressemitteilung stimmen.

Faktenfehler haben wir keine gefunden.

Journalistischer Beitrag
Pressemitteilung
Medizinjournalistische Kriterien
6 von 10 erfüllt
5 von 9 erfüllt
Allgemeinjournalistische Kriterien
2 von 3 erfüllt
3 von 3 erfüllt
Gesamtbewertung

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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