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„Senkung des Antibiotika-Verbrauchs: Bakterien oder Viren? Neuer Bluttest soll es schnell zeigen“

„Senkung des Antibiotika-Verbrauchs: Bakterien oder Viren? Neuer Bluttest soll es schnell zeigen“

Forscher haben einen Test entwickelt, der schneller als bisher unterscheiden soll, ob eine Infektion durch Bakterien oder Viren ausgelöst wird, und der damit unnötige Antibiotikagaben verhindern könnte. Spiegel Online gibt Lesern auf der Basis eines dpa-Textes viele wichtige Informationen zu dieser Entwicklung. Die Pressemitteilung der Universität lässt dagegen einiges vermissen.

Zusammenfassung

Journalistischer Beitrag 

Spiegel Online berichtet, basierend auf einem dpa-Text, über Forscher, die im Fachmagazin „Science Translational Medicine“ Ergebnisse einer ersten Studie zu einem diagnostischen Test präsentieren. Mit diesem könnten Mediziner bakterielle von viralen Infektionen bei Menschen unterscheiden. Auf diese Weise ließen sich unnötige Behandlungen mit Antibiotika vermeiden, da diese bei Virusinfektionen ohnehin nicht wirken.

Die Ergebnisse zum Test werden nicht ausreichend genau berichtet, Risiken und Nebenwirkungen nicht angesprochen. Die Studie wird nachvollziehbar erklärt und kurz eingeordnet. Es kommt ein unbeteiligter Experte zu Wort, die Finanzierung der Studie wird dargestellt. Der insgesamt gut verständliche Artikel macht deutlich, was das Neue am Test ist und geht kurz auf Alternativen ein. Es wird klar, dass der Test noch im Versuchsstadium ist. Ganz kurz, aber dennoch hilfreich, spricht der Beitrag die Kosten an. Antibiotikaresistenzen und Atemwegserkrankungen werden nicht übertrieben dargestellt.

Pressemitteilung

Das Duke University Medical Center berichtet in einer Pressemitteilung („Under the weather? A blood test can tell if antibiotics are needed“), dass Forscher Ergebnisse einer Studie im Fachmagazin „Science Translational Medicine“ veröffentlicht haben. Sie präsentieren einen diagnostischen Test, mit dem Mediziner bakterielle von viralen Infektionen bei Menschen unterscheiden könnten. Auf diese Weise ließen sich unnötige Behandlungen mit Antibiotika vermeiden.

Die Ergebnisse des Tests werden nicht ausreichend genau berichtet, auf Risiken und Nebenwirkungen geht der Text gar nicht ein. Die Informationen zur Studie fallen zu knapp aus, eingeordnet wird sie gar nicht. Es kommen neben den drei Studienautoren keine unbeteiligten Experten zu Wort, die Finanzierung wird offengelegt. Der Text macht deutlich, was das Neue an den Tests ist, und erklärt die Verfügbarkeit; er geht indes nicht auf Alternativen und Kosten ein. Antibiotikaresistenzen und Atemwegserkrankungen werden nicht übertrieben dargestellt. Der durchaus verständliche Artikel wäre besser lesbar, wenn er etwas klarer strukturiert wäre. Alles in allem reicht es nur knapp zu drei Sternen.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Im journalistischen Beitrag ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Beitrag berichtet über einen Test, der anhand der messbaren Genaktivität („Expressionsmuster“) unterscheiden soll, ob eine Bakterien- oder Vireninfektion vorliegt. Getestet wurden Patienten mit viralen oder bakteriellen Infektionen sowie Kranke, bei denen keine Infektion zugrunde lag. Zum Ergebnis berichtet der Artikel: „In 87 Prozent der Fälle ermittelte das Verfahren zuverlässig die Ursache der Beschwerden.“ Dies entspricht den Angaben in der Studie, ist allerdings noch keine korrekte Beschreibung der zentralen Parameter eines diagnostischen Tests wie Sensitivität und Spezifität. So wurde beispielsweise laut Studie das Vorliegen einer bakteriellen Infektion in 58 von 70 Fällen – 83 Prozent – richtig erkannt (Sensitivität), in 179 von 191 Fällen – 94 Prozent – wurde richtig erkannt, dass kein bakterieller Infekt vorlag (Spezifität). Es ist klar, dass sich der Test noch in einer Frühphase befindet, und es bleibt erst einmal offen, wie realistisch diese Werte sind. Für diagnostische Tests sind dies aber die zentralen Werte, die wir in der Bewertung von Beiträgen über diagnostische Tests grundsätzlich einfordern. Daher werten wir hier – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

1. In der Pressemitteilung ist der NUTZEN ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Nutzen des Testverfahrens – also die Genauigkeit, mit der es bakterielle von viralen Infektionen unterscheiden kann – wird nur recht allgemein beschrieben: „They were found to be 87 percent accurate in classifying more than 300 patients with flu viruses, rhinovirus, several strep bacteria and other common infections, as well as showing when no infection was present.“ Genauere Angaben aus der Studie werden nicht aufgegriffen (so wurde das Vorliegen einer bakteriellen Infektion in 58 von 70 Fällen (83 Prozent) richtig erkannt (Sensitivität), in 179 von 191 Fällen (94 Prozent) wurde richtig erkannt, dass kein bakterieller Infekt vorlag (Spezifität). Auch wenn es noch nicht um einen Test für den klinischen Einsatz geht, sondern um Entwicklungsarbeiten, ist die Angabe der beiden wesentlichen Parameter eines diagnostischen Tests wichtig – daher werten wir, wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

2. Im journalistischen Beitrag sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Auf Risiken durch falsch-positive oder falsch-negative Testergebnisse geht der Beitrag nicht ein. So könnten Patienten mit einem falsch-negativen Test Antibiotika nicht oder erst verzögert erhalten.

2. In der Pressemitteilung sind RISIKEN und Nebenwirkungen angemessen berücksichtigt.

Auf Risiken durch falsch positive oder falsch negative Testergebnisse geht die Pressemitteilung nicht ein.

3. Im journalistischen Beitrag ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Der Beitrag beschreibt knapp, aber korrekt, wie die Forscher in der Studie vorgegangen sind. Es wird auch klar, dass die Arbeiten noch „in einer frühen Phase“ sind. Die Qualität der Studie wird durch einen unbeteiligten Experten bewertet, der von einer „sehr durchdachten Studie“ spricht. Er hebt auch den wichtigen Punkt hervor, dass nicht nur Gesunde als Kontrollgruppe dienten, sondern auch Kranke ohne Infektion. Irritierend und für Laien unverständlich ist allerdings der Hinweis, „Ihren Test prüften sie zunächst an fünf Datenbanken“. Hier wäre zu erläutern gewesen, warum sie dies taten und wie die Forscher dabei vorgegangen sind.

3. In der Pressemitteilung ist die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) richtig eingeordnet.

Die Informationen zur Studie sind sehr dürftig. Man erfährt weder, wie die Probandengruppe zusammengesetzt war, noch enthält der Text Erläuterungen zur Aussagekraft der Studie. Es gibt lediglich den wenig hilfreichen Satz: „With these findings, Duke researchers are a significant step closer to developing a rapid blood test that could be used in clinics to distinguish bacterial and viral infections (…).“

4. Im journalistischen Beitrag werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENKONFLIKTE hingewiesen.

Ein nicht an der Studie beteiligter Experte ordnet die Studienergebnisse ein. Die Finanzierung der Forschungsarbeiten wird – wie bei diesem Online-Medium inzwischen Standard – in einem gesonderten Kasten erläutert. Dies stellt eine Möglichkeit dar, die auch für andere Medien wünschenswert wäre.

4. In der Pressemitteilung wird auf INTERESSENKONFLIKTE und die FINANZIERUNG hingewiesen und es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert.

Es kommen drei Studienautoren zu Wort. Externe Quellen werden nicht zitiert. Auf besondere Interessenkonflikte wird nicht hingewiesen, solche sind für uns aber auch nicht erkennbar. Der Text enthält Informationen zur Finanzierung der Studie durch die US-amerikanischen National Institutes of Health sowie die Forschungsbehörde der US-Streitkräfte (DARPA). Daher werten wir alles in allem knapp „erfüllt“.

5. Der journalistischen Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag geht mit der Einschätzung der Studie durch einen unbeteiligten Experten deutlich über die Pressemitteilung hinaus. Auch Informationen zu alternativen Vorgehensweisen, die den Einsatz von Antibiotika verringern sollen, sind nicht der Pressemitteilung entnommen.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dieses Kriterium ist bei Pressemitteilungen nicht anwendbar, wir beschreiben dennoch die über den reinen Pressetext hinausgehenden Zusatzinformationen.

6. Der journalistische Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird deutlich, dass es sich um ein neues Verfahren handelt, das nun erstmals erprobt worden ist und noch weiter entwickelt werden soll. Noch benötige der Test zu viel Zeit, er solle „so weiterentwickelt werden, dass er binnen einer Stunde ein Ergebnis liefert.“

6. Die Pressemitteilung macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Die Pressemitteilung berichtet, was das Neue an den vorgestellten Forschungsergebnissen ist: „(…) this is the first study to distinguish noninfectious illnesses and viral from bacterial infections at the patient’s molecular level“. Interessant wäre eine Information gewesen, welche Ansätze dazu bisher in den letzten Jahren versucht wurden.

7. Im journalistischen Beitrag werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Beitrag informiert, wie jetzt schon der übermäßige Einsatz von Antibiotika verhindert werden kann – z.B. durch verzögerte Einlösung von Rezepten erst nach dem Vorliegen des Ergebnisses eines schon verfügbaren aber langsameren Tests (PCR-Test): „Dadurch sank der Antibiotika-Verbrauch deutlich: Statt 37 Prozent nahmen nur 22 Prozent die Mittel ein.“

7. In der Pressemitteilung werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Alternative Methoden (wie etwa den schon in der Praxis erhältliche Procalcitonin-Test), bakterielle von viralen Infekten zu unterscheiden, oder den Antibiotikaverbrauch zu reduzieren, spricht die Pressemitteilung nicht an. Der allgemeine Verweis auf Tests zum Nachweis bestimmter Erreger („more accurate than other tests that look for the resence of specific microbes“) halten wir für zu allgemein.

8. Im journalistischen Beitrag wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird klar, dass der Test noch nicht zur Verfügung steht und bis zur eventuellen Marktreife noch viel zu tun bleibt, wenn es heißt: „Die Forscher selbst schreiben, es bestehe noch die technische Hürde, nun einen zuverlässigen, schnellen und bezahlbaren Test zu entwickeln.“ Auch der unbeteiligte Experte spricht von einem „Blick in die Zukunft“.

8. In der Pressemitteilung wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird deutlich, dass der Test noch in der Entwicklung steckt („Study authors are currently working with developers to create a one hour test that could be used in clinics.“)

9. Der journalistische Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten geht der Beitrag nur sehr knapp ein: Es heißt, es gelte nun einen „bezahlbaren Test“ zu entwickeln – das deutet an, dass das Verfahren noch relativ teuer ist. Genauer beziffern lässt sich das derzeit wohl nicht. Indes wäre es gut gewesen, zumindest allgemein etwas zu den Kosten solcher Tests, die auf Genexpressionsmustern beruhen, zu erfahren. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

9. Die Pressemitteilung geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten geht die Pressemitteilung nicht ein. Auch wenn diese im derzeitigen Entwicklungsstadium noch nicht konkret benannt werden können, wird in der Studie doch der Kostenfaktor erwähnt, wenn es heißt, es ginge darum, nun einen bezahlbaren („affordable“) Test zu entwickeln. Das deutet darauf hin, dass das Verfahren bislang noch zu teuer ist. Dazu hätten wir einen Hinweis erwartet.

Eine grobe Schätzung, wie viele Kosten durch geringeren Antibiotika-Verbrauch eingespart werden könnten, wäre hier interessant gewesen.

10. Der journalistische Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Das Problem der Antibiotika-Resistenzen und auch Atemwegserkrankungen werden nicht übertrieben dargestellt.

10. Die Pressemitteilung vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Atemwegserkrankungen werden nicht dramatisiert, und auch das Problem des zu häufigen Einsatzes von Antibiotika wird nicht übertrieben.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA des journalistischen Beitrags ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Problem der Antibiotika-Resistenzen ist aktuell und sehr gravierend, die Anzahl der Fälle stark ansteigend. Dass also ein Test in Entwicklung ist, der den Einsatz von Antibiotika beschränken könnte, ist sicher berichtenswert. Die Studie wurde kurz vor Erscheinen des Beitrags veröffentlicht, damit ist auch die wissenschaftliche Aktualität offenkundig gegeben.

1. Das THEMA der Pressemitteilung ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema Antibiotika-Resistenzen ist relevant. Hier wird über einen neuen Test berichtet, der soeben in einer Studie an Patienten geprüft und in einem bekannten Fachjournal publiziert wurde. All dies ist Anlass genug für eine Pressemitteilung.

2. Die Darstellung des Themas ist im journalistischen Beitrag gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag ist gut zu lesen, flüssig und routiniert geschrieben und vermeidet unnötiges Fachvokabular. Mit Ausnahme des Satzes zu den Datenbanken ist er gut verständlich. Eine gute Lösung ist es, grundlegende Informationen in beigefügten Kästen zu vermitteln, die optional genutzt werden können und denn Lesefluss nicht stören (so etwa die Informationen zu der Finanzierung, die dadurch auch nochmal hervorgehoben werden). Auch ein Kasten zum grundsätzlichen Unterschied von Bakterien und Viren ist hilfreich.

2. Die Darstellung des Themas ist in der Pressemitteilung gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text der Pressemitteilung ist zwar von den einzelnen Formulierungen her ausreichend verständlich, indes wirkt er etwas unstrukturiert. Die einzelnen Absätze scheinen willkürlich aneinandergereiht. So wird etwa die Frage der Genauigkeit einmal im dritten Absatz angesprochen, dann wieder – ohne jeden Zusammenhang mit dem vorausgehenden Satz – im sechsten Absatz („Participants with respiratory problems were enrolled during visits to emergency departments at five hospitals, including Duke, the Durham VA Medical Center and UNC Hospital in Chapel Hill. The technique is more accurate than other tests that look for the presence of specific microbes, the authors report.“) Alles in allem werten wir daher nur knapp „erfüllt“.

3. Die Fakten im journalistischen Beitrag stimmen.

Faktenfehler sind uns nicht aufgefallen.

3. Die Fakten in der Pressemitteilung stimmen.

Faktenfehler haben wir keine gefunden.

Journalistischer Beitrag
Pressemitteilung
Medizinjournalistische Kriterien
8 von 10 erfüllt
4 von 9 erfüllt
Allgemeinjournalistische Kriterien
3 von 3 erfüllt
3 von 3 erfüllt
Gesamtbewertung

Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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