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„Brustkrebs noch früher erkennen“

„Brustkrebs noch früher erkennen“

Eine Firma bringt einen Bluttest auf den Markt, mit dem man bestimmen können soll, ob eine Frau ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs hat. Damit könne die Zahl der Fehlalarme bei Mammografien gesenkt werden. Die Welt berichtet über diesen Test, lässt aber Leserinnen eher ratlos zurück, weil der Artikel zwar viele Informationen liefert, diese aber an wichtigen Stellen zu wenig einordnet.

Zusammenfassung

Eines der Probleme der Mammografie ist, dass es eine beträchtliche Anzahl an Fehlalarmen gibt, d.h. Frauen werden mit dem Verdacht für Brustkrebs konfrontiert, der sich dann aber nicht bestätigt. Die Welt berichtet nun über einen Bluttest, der helfen können soll, diese Zahl der Fehlalarme zu senken. Mit dem Test wird die Menge eines Hormons (Proneurotenin) bestimmt, das mit der Wahrscheinlichkeit, Brustkrebs zu bekommen, korreliert. Der mögliche Nutzen und die Risiken des Test werden nicht ausreichend erklärt, auch wird Leserinnen nicht hinlänglich erläutert, wie gut die Aussagen zum Test durch Studien untersucht sind. Dafür werden zahlreiche Experten zum Thema zitiert und auch Interessenkonflikte deutlich gemacht, eine Pressemitteilung war erkennbar nicht die Hauptquelle für den Artikel. Es wird klar gemacht, wie neu der Test ist, allerdings sind die Angaben zu den Alternativen widersprüchlich und die Verfügbarkeit wird nicht ausreichend deutlich. Auf die Kosten wird gar nicht eingegangen. Brustkrebs wird nicht übertrieben dargestellt. Generell erscheint uns aber die Darstellung für Leser trotz auch einiger guter Aspekte zu diffus, weil der Text zu sehr zwischen Befürwortern und Kritikern hin- und herspringt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen des Tests wird zwar allgemein beschrieben, wie gut er dann aber tatsächlich bei Voraussagen ist, bleibt offen, obwohl er laut Artikel seit Januar 2014 verfügbar sein soll. Der bislang nur wenig untersuchte Nutzen des neuen Bluttests wird im Artikel nur vage beziffert: „Danach ergab sich für die 25 Prozent der Frauen mit dem höchsten Proneurotensin-Spiegel ein 2,4-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko.“ Bei einer noch nicht veröffentlichten Folgestudie „sogar eine neunfach höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit“. Was das aber konkret im Testfall bedeutet, bleibt unklar. Trotzdem kommt noch ein an der Studie beteiligter Experte zu Wort, der empfehlen darf, den Test schon jetzt zu nutzen, versehen mit dem Hinweis: „Es wäre (…) verkehrt, noch lange zu warten, und den Test nicht anzubieten.“ Einschränkend wird zumindest durch einen Mediziner erklärt: „ ‚Man muss wissen, dass sich eine Vervier- bis Versechsfachung des Krebsrisikos nach viel anhört, die Risikovorhersage aber nicht so sehr verbessert, wie man annehmen könnte.‘ Um Frauen mit erhöhtem von solchen mit niedrigem Brustkrebsrisiko sicher abgrenzen zu können, seien Marker erforderlich, die das Krebsrisiko um das 10-, 20 oder 30-Fache erhöhen‘”. Das könnte zumindest für einige Leserinnen ein Hinweis sein, dass die bisherigen Ergebnisse offenbar nicht ausreichen, um Frauen mit hohem und niedrigem Risiko durch den Test sicher zu unterscheiden. Dass aber letztlich noch gar keine genauen Aussagen zum Nutzen des Tests möglich sind, weil es keine Daten zur Sensitivität und zur Spezifität gibt, wird nicht hinreichend deutlich gemacht.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Obwohl der Test ab Januar 2014 verfügbar sein soll, und einer der Experten dazu rät den Test zu nutzen, werden Risiken und Nebenwirkungen des Tests nicht konkret benannt. Es heißt nur allgemein, dass solche Marker immer ungenau seien, was dazu führe, dass Gesunde auffällige Werte haben können. Es wird zwar auf das Problem der falsch-positiven Ergebnisse hingewiesen, aber konkret nur im Zusammenhang mit dem Mammographiescreening. Was das heißt, wird am Beispiel des Mammographie-Screenings anschaulich erklärt: „Die durch solche falsch-positiven Untersuchungsergebnisse ausgelösten Ängste und Sorgen hängen lange nach, selbst wenn sie sich im Nachhinein als unbegründet erweisen (…)“

Dies wird aber nicht auf den neuen Bluttest bezogen, sondern stattdessen so dargestellt, als könne der neue Test vor solchen Risiken möglicherweise schützen.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es werden zwar einige Aspekte der veröffentlichten Studie genannt, wie etwa die Zahl der Teilnehmerinnen, aber die Schwächen werden nicht erklärt. Etwa, dass es in der Studie nicht nur um Brustkrebs ging, sondern auch um Zuckerkrankheit und Herzprobleme. Dabei hätte alleine das schon deutlich gemacht, wie unspezifisch der gemessene Laborwert offensichtlich ist. Zumal die Autoren in ihrer Veröffentlichung darauf hinweisen, dass sie keineswegs einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Verlauf der Laborwerte und dem Auftreten der Krankheit belegen könnten. Auch das zeigt, wie wenig bislang eigentlich über die Zusammenhänge dieses Laborwertes mit gleich einer ganzen Reihe von Erkrankungen bekannt ist.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

In dem Artikel kommen neben mehreren Wissenschaftlern, die unmittelbar an der Studie beteiligt waren und unmittelbar von der Vermarktung des Tests profitieren, auch drei weitere Experten zu Wort. Dass die drei Erstgenannten auch finanzielle Interessen haben, wird hinreichend deutlich. Das Kriterium ist damit erfüllt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Eine Pressemitteilung war erkennbar nicht die Hauptquelle für den Artikel.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der neue Bluttest steht „seit Januar 2014 zu Verfügung.“ Der Autor geht auch auf eine Reihe aktueller Studien aus jüngerer Zeit ein, die sich mit dem zugrundeliegenden Blutwert beschäftigen. Dass es sich um neues Verfahren handelt, wird damit klar gesagt.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Die Aussagen zu den Alternativen zur Bestimmung des Brustkrebsrisikos im Vorfeld einer Mammografie finden wir widersprüchlich. Einerseits heißt es: „Denn für die 95 Prozent der Frauen, in deren Familie Brustkrebs nicht erblich ist, gibt es bisher keinen Vorhersagetest.“ Im Anschluss wird dann erklärt: „Schon heute können sie ihr individuelles Erkrankungsrisiko ermitteln lassen. Dazu ermittelt der Arzt einen sogenannten Score, der bekannte Risikofaktoren berücksichtigt.“ Dazu zählten etwa „anerkannte Risikofaktoren wie das Rauchen, Übergewicht, die Anzahl der Schwangerschaften, der Zeitpunkt der Wechseljahre oder eine Hormon-Ersatztherapie“. Diese gäben aber weit weniger Auskunft über die Wahrscheinlichkeit (…), an Brustkrebs zu erkranken, als die Proneurotensin-Konzentration.“ An einem Beispiel konkret beziffert wird dies aber nicht, sondern einfach nur behauptet. Wir werten daher – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Im Artikel heißt es zwar, dass der Test seit Januar 2014 zur Verfügung steht, ob Frauen dann aber zum Onkologen, zum Frauenarzt, dem Hausarzt oder in ein Krebszentrum gehen müssen, um ihn zu nutzen, wird nicht erklärt. Zugleich wird Druck aufgebaut, dass man den Test jetzt schon anbieten sollte. Wir finden, bei einem so neuen Angebot zu einem so sensiblen Thema sollte deutlicher werden, wo und unter welchen Umständen Betroffene/Interessenten einen solchen Test tatsächlich beziehen können. Daher werten wir – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Wer die Kosten für den Test übernimmt, und was er überhaupt kostet, wird nicht erklärt.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Brustkrebs wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema ist schon durch die Markteinführung des neuen Tests aktuell und durch die Kombination mit dem Thema Brustkrebs grundsätzlich auch von hoher Relevanz.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Artikel ist durchaus ausführlich, erklärt einiges gut (etwa wenn er klar macht, was eines der Probleme beim Mammografiescreening ist) und der Autor lässt auch Experten mit unterschiedlichen Einschätzungen zu Wort kommen. Insgesamt mangelt es aber an einer distanzierten Einordnung der sehr weitgehenden Versprechungen des Testherstellers und seiner Kollegen, die die zugrundeliegende Studie durchgeführt haben und vom Verkauf des neuen Tests unmittelbar profitieren. Der Text ist im Aufbau diffus und wechselt zu oft zwischen Befürwortern und Kritikern hin und her. Es dauert mehrere Absätze, bis der Leser erfährt, worum es eigentlich geht, tatsächliche Erkenntnisse sind unseres Erachtens nach nicht klar genug von Spekulationen getrennt, und damit wird für Leser nicht hinreichend deutlich, auf welche Empfehlungen sie nun bauen können. Alles in allem werten wir daher „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Faktenfehler sind uns keine aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 4 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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