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„Weißdorn hilft wirklich“

„Weißdorn hilft wirklich“

Ein Kolumnenartikel berichtet über eine angeblich aktuelle Studie, die die Wirksamkeit von Weißdornpräparaten bei Menschen mit Herzschwäche belegen soll. Der Fachartikel ist aber bereits vier Jahre alt und der Text entspricht weitgehend der noch älteren Pressemitteilung einer Lobbygruppe für Naturmedizin.

Zusammenfassung

In einer Studie wurde untersucht, ob Weißdornpräparate (lat. Crataegus spec.) zusätzlich zur üblichen Medikation gegen Herzschwäche (Herzinsuffizienz) das Risiko für Herzinfarkt oder Herzversagen senken kann. Laut dem Fachartikel gab es keinen Unterschied nach zwei Jahren zwischen der Gruppe mit Weißdornpräparaten und der Kontrollgruppe mit Scheinmedikament. Lediglich in einer Untergruppe von Menschen mit leichter Herzschwäche zeigte sich beim plötzlichen Herztod ein signifikanter Unterschied.

Der nicht besonders lange Artikel aus einer Gesundheitskolumne übertreibt den möglichen Nutzen und geht auf Risiken und Nebenwirkungen gar nicht ein. Die Studie wird nicht eingeordnet, eine Einschätzung durch Experten findet nicht statt, es wird lediglich die Meinung der Autorin, die Heilpraktikerin ist, dargestellt. Es wird zwar klar, dass Weißdorn-Präparate keine Neuheit sind und auch verfügbar, doch was sie kosten erfahren Leser nicht.

Vor allem aber: Die Studie wird als aktuelle Untersuchung vorgestellt, obwohl die Ergebnisse bereits 2007 auf einer Konferenz vorgestellt wurden und der Fachartikel 2008 erschien. Der Kolumnenartikel übernimmt zudem weitgehend die Informationen einer Pressemitteilung aus dem Jahr 2007, die von einer Lobbygruppe für Naturmedizin herausgegeben wurde, in der der Hersteller des Präparates im Kuratorium sitzt, und der die Studie finanziert hat.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen wird übertrieben und nicht ausreichend dargestellt. Allgemein heißt es: „Weißdorn hilft wirklich“ (Titel). Dann wird beschrieben:

„Das Risiko, einen tödlichen Herzinfarkt zu bekommen, reduzierte sich für Patienten in der Weißdorn-Gruppe nach sechs Monaten um 41 Prozent und nach 18 Monaten um 20 Prozent im Vergleich zu Patienten in der Placebogruppe. Nach 24 Monaten haben sich beide Gruppen jedoch wieder angenähert.“

Dies ist doppelt problematisch. Durch die genaue Beschreibung der beiden Teilergebnisse nach sechs und 18 Monaten wird der Eindruck erweckt, dass Weißdorn das Risiko allgemein senken würde (auch wenn erwähnt wird, dass sich die Gruppen nach zwei Jahren wieder annähern). Dabei werden von insgesamt acht Datenpunkten selektiv nur zwei herausgegriffen, die statistisch signifikant sind. Dass bei den sechs anderen Datenpunkten kein signifikanter Unterschied zu finden ist, fällt dabei unter den Tisch.

Hinzu kommt, dass nur relative Risikosenkungen genannt werden. Weder absolute Risikosenkung noch absolute Häufigkeiten werden angegeben. Es bleibt völlig offen, auf was sich die Prozentzahlen beziehen oder in welcher Größenordnung sich die Häufigkeiten bewegen. Weder erfahren die Leser, wie viele Herzinfarkte in den beiden Gruppen überhaupt vorkamen, noch wie groß oder klein der Unterschied nach 18 bzw. 24 Monaten in absoluten Zahlen ist.

Außerdem heißt es am Ende des Textes: „Nicht so bei Patienten mit einer geringeren Herzstörung: Bei diesen Patienten blieb dank Crataegus-Extrakt das tödliche Risiko auch nach 24 Monaten statistisch deutlich verringert. Von diesen Patienten sind weniger an einen plötzlichen Herztod verstorben als ohne Crataegus-Extrakt.“

Hierzu gibt es aber keinerlei konkrete, quantifizierte Angaben. Allein dieses Untergruppenergebnis dieser einen Studie als Beleg dafür zu nehmen, dass Weißdorn wirkt, halten wir für übertrieben.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Es fehlen jegliche Angaben zu unerwünschten Effekten. Sollten keine aufgetreten sein, hätte man dies kurz thematisieren können, auch bei dem eingeschränkten Platz einer Printkolumne.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Gut ist, dass Leser einigermaßen nachvollziehbar erklärt bekommen, wie die Studie (pdf) aufgebaut ist und über welchen Zeitraum sie durchgeführt wurde. Sie erfahren zwar, dass es eine Kontrollgruppe mit einem Scheinmedikament (Placebo) gab, und dass insgesamt 2681 Patienten mit Herzinsuffizienz teilgenommen haben. Statt des Hinweises auf Placebo wäre ein Hinweis auf die Zufallsverteilung (Randomisierung) und Verblindung wichtiger gewesen.

Ob es sich um eine gut oder schlecht gemachte Studie handelt, erfahren Leser nicht. Genau so wenig wird erklärt, dass das Untergruppenergebnis mit Vorsicht zu genießen ist (wie die Autoren selbst schreiben) und höchstens Hinweise für eine Wirksamkeit sein können. Dass es problematisch ist, willkürlich Zeitpunkte (sechs Monate, 18 Monate) herauszugreifen, bei denen die erhofften Effekte auftreten, wird ebenfalls nicht deutlich.

Daher werten wir alles in allem – wenn auch knapp – nicht erfüllt.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird überhaupt kein Experte oder andere Quellen zitiert (bzw. kenntlich gemacht). Auf mögliche Interessenkonflikte wird nicht eingegangen, obwohl die Studie vom Hersteller des Prüfpräparates finanziert wurde, wie etwa dem Fachartikel (pdf) zu entnehmen ist.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag gibt – über weite Passagen wortgetreu – eine Pressemitteilung des Komitees Forschung Naturmedizin aus dem Jahr 2007 wieder und enthält kaum zusätzliche Informationen oder Einordnung.

Dass die Informationen aus einer Pressemitteilung eines Vereins stammen, der mit seinen Pressemitteilungen Marketingzwecke für Naturheilmittel verfolgt, und in dessen Firmen-Kuratorium der Hersteller des Präparates und Finanzier der Studie vertreten ist, erfahren Leser nicht.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird nicht deutlich, dass es sich um eine vier bzw. fünf Jahre alte Erkenntnis handelt. Was sich seitdem in diesem Bereich getan hat, wird nicht deutlich, auch nicht, dass es zum Beispiel Studien gibt, die kein positives Ergebnis erbracht haben (pdf) (auch wenn es andererseits auch weitere positive Befunde gab).

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird ausschließlich die Wirksamkeit von Weißdornextrakt dargestellt. Deutlich wird zwar, dass es sich um ein Mittel handelt, das zusätzlich zur Standardmedikation verabreicht wird. Aber weder wird diese genau benannt noch werden irgendwelche anderen Behandlungsoptionen erwähnt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es fehlen zwar explizite Aussagen zur Verfügbarkeit, doch wird hinreichend deutlich, dass es sich um ein verfügbares Mittel handelt (da es ja für viele ältere Leute „zum Leben dazu gehört“). Es fehlen aber zum Beispiel Informationen, ob das Mittel frei verkäuflich ist und ob es überhaupt zur Selbstmedikation zu empfehlen ist.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten wird gar nicht eingegangen. Leser erfahren weder, ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt, noch was das Mittel kosten würde, falls die Patienten es selbst zahlen müssen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Herzinsuffizienz ist eine ernstzunehmende Krankheit. Sie wird nicht übertrieben dargestellt, weil sie eigentlich gar nicht erklärt wird (siehe Kriterium journalistische Darstellung).

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Einerseits ist Herzschwäche eine bedeutende Erkrankung und das Thema pflanzliche Heilmittel ist bei Lesern beliebt. Es handelt sich aber um Ergebnisse, die nicht aktuell sind (Studie abgeschlossen 2005, Fachartikel publiziert 2008). Damit stellt sich auch die Frage nach deren Relevanz, da völlig unklar bleibt, was sich seitdem in diesem Bereich getan hat (zumal die Ergebnisse unsicher sind und nur eine Untergruppe der Patienten betreffen).

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Eine journalistische Umsetzung findet kaum statt, da der Text teilweise wortgleich einer Pressemitteilung entspricht. Damit widerspricht der Text auch der Idee einer Kolumne, die gerade durch die Eigenständigkeit der Arbeit des Autors oder der Autorin auszeichnet. Der Text an sich ist zwar routiniert verfasst und liest sich flüssig, doch bei genauer Betrachtung gibt es einige Stellen, die neben den bereits angesprochenen, problematisch sind.

So heißt es im ersten Absatz, dass allgemein bekannt sei, dass Weißdorn „der große Stärker fürs Herz“ sei, ebenso, dass „für viele, meist ältere Leute, die Weißdorn-Präparate zum Leben“ dazu gehörten. Belege bleibt der Text schuldig. Es wird auch der Eindruck erweckt, als ob man Weißdornpräparate einfach so, ohne medizinischen Befund, einnehmen könnte. Richtig erklärt wird dies nicht. Auch wenn es um Herzinsuffizienz geht, erklärt der Artikel nicht, was dies eigentlich ist oder wie sich eine Herzinsuffizienz für Betroffene bedeutet.

Die Studie wird als „weltweit einzigartig“ beschrieben. Was genau sie dazu macht, erfahren Leser nicht. Die längliche Information, das die Abkürzung SPICE (Name der Studie) für „Survival and Prognosis: Investigation of Crataegus Extract WS 1442 in CHF“ steht, mag für den ein oder anderen Leser interessant sein, aber angesichts des begrenzten Raums der Kolumne, auch entbehrlich.

Gut ist, dass ein Fachbegriff wie „Placebo“ für Leser mit (Scheinmedikament) übersetzt wird. Was aber die „Standardmedikation“ genau ist oder durch was sich die „geringere Herzstörung“ auszeichnet, bleibt ebenfalls offen.

Dass es sich bei den Personen mit „geringeren Herzstörungen“ um eine Untergruppe handelt, hätte man besser herausstellen können. So erweckt der Artikel für manchen Leser den Eindruck, dass neben der Kontrollgruppe zwei Gruppen von Herzinsuffizienz-Patienten untersucht wurden: zum einen 2681 Patienten mit Herzinsuffizienz und zum zweiten eine weitere Gruppe von Patienten mit „geringeren Herzstörungen“.

Problematisch finden wir generell, dass extra ausgewiesen wird, dass die Autorin eine Heilpraktikerin ist. Damit wird bei vielen Lesern eine besondere Kompetenz und Verlässlichkeit in medizinischen Dingen suggeriert, die sich daher möglicherweise mehr als bei anderen Autoren auf die Informationen des Artikels verlassen. Ein Umstand, auf den wir bereits bei einer früheren Bewertung hingewiesen haben.

Alles in allem fehlt dem Artikel jegliche journalistische Skepsis, die Autorin und die Zeitung macht sich zum Sprachrohr einer Lobbygruppe für Naturmedizin.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Im Artikel heißt es: „Nun hat eine wissenschaftliche Studie gezeigt, wie gut das Mittel wirkt.“ Tatsächlich wurde die Studie bereits 2005 abgeschlossen, 2007 auf einer Konferenz vorgestellt und 2008 in einem Fachmagazin veröffentlicht. Damit dürfte die Spannweite des Wörtchens „nun“ deutlich überstrapaziert sein. Auch die Aussage, die Studie sei „vor kurzem abgeschlossen“ worden, ist falsch.

Hauptergebnis der Studie ist, dass es bezogen auf die geplanten Hauptzielwerte (primären Endpunkte: Herztod, Herzinfarkt, Krankenhauseinweisung wegen Herzversagens) keine statistisch signifikanten Unterschiede gab zwischen den Patienten, die Weißdornextrakt nahmen und der Placebogruppe. Im Artikel heißt es aber trotzdem ganz pauschal, dass Weißdorn wirklich hilft.

Dabei wird aber zum einen – wie bereits dargestellt – willkürlich über einen Zeitpunkt berichtet, an dem ein Unterschied zwischen den beiden Gruppen auftrat, der dann zum Ende hin wieder verschwindet. Außerdem wird ein Untergruppenergebnis dargestellt. Dies stilisiert der Artikel dann zu einem gesicherten Ergebnis hoch.

Die Studienautoren formulieren dagegen selbst sehr vorsichtig, dass es lediglich Hinweise auf positive Effekte bei einer Subgruppe von Patienten mit weniger schwer ausgeprägter Herzinsuffizienz gibt („ (…) the data may indicate that WS® 1442 can potentially reduce the incidence of sudden cardiac death, at least in patients with less compromised left ventricular function.“).


Wir werten aufgrund erheblicher Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien um einen Stern ab.

 

 

Medizinjournalistische Kriterien: 2 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 0 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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