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„Darmkrebs: Neuer Schnell-Test in Apotheken“

„Darmkrebs: Neuer Schnell-Test in Apotheken“

Auf einer Pressekonferenz einer Pharmafirma wird ein neuer Test für die Darmkrebsfrüherkennung vorgestellt. Leser erfahren, ab wann der Test beim Arzt und in der Apotheke zu bekommen ist und was er kostet – viel mehr aber auch nicht.

Zusammenfassung

Ein zweiteiliger Schnelltest, der in der Apotheke erhältlich ist, soll Menschen helfen, ihr Darmkrebsrisiko einzuschätzen. Dieser Test wird auf einer Pressekonferenz des Herstellers vorgestellt. Der knapp 2000 Zeichen lange Artikel über diesen Test stellt den Nutzen, also seine Vorhersagekraft, nur allgemein dar, geht nicht auf Risiken und Nebenwirkungen ein und erklärt auch nicht, wie gut der Test in Studien untersucht ist. Es wird zwar deutlich, ab wann er wo verfügbar ist und was er kostet, aber was genau das Neue am Test ist, wird nicht ausreichend deutlich. Der Artikel geht auch nicht über die Informationen der Hersteller-Pressemitteilung hinaus, da die zitierten Mediziner nichts Konkretes zum Test sagen, sondern nur allgemein zur Früherkennung. Der journalistische Artikel geht über bloße Werbung für den Test nicht hinaus.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Über den möglichen Nutzen des diagnostischen Tests informiert der Artikel nur allgemein. Er stellt lediglich fest, dass der Test „ein hohes Maß an Sicherheit“ garantiere. Informationen über die Sensitivität (gibt die Rate der richtig positiven Ergebnisse an) und Spezifität (Rate der richtig negativ erkannten Ergebnisse) des Tests fehlen. Diese sind jedoch erforderlich, um die Treffsicherheit und damit den Nutzen eines diagnostischen Tests zu erfassen. Die Aussage, dass „schon bei vagem Risiko zur Koloskopie geraten“ werde, lässt allenfalls darauf schließen, dass es sich um einen „Suchtest“ handelt, der bei positivem oder auch nur fraglichen Befund eine Darmspiegelung nach sich zieht (aber auch eine hohe Zahl an Fehlalarmen (also falsch-negativen Ergebnissen) aufweist). Hier wäre es gerade wichtig zu erfahren, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein negatives, also unauffälliges Testergebnis eine Tumorerkrankung ausschließen kann. Insgesamt ist der Nutzen des Tests weder ausreichend noch verständlich dargestellt.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Prinzipiell hat ein diagnostischer Test zwei Arten von Risiken und Nebenwirkungen: Der Test kann etwas übersehen und damit eine trügerische Sicherheit geben („falsch-negativ“). Oder der Test zeigt etwas an, was in Wahrheit gar nicht vorhanden ist; ein solches, falsch-positives Ergebnis zieht dann weitere Diagnoseschritte  oder gar Therapien nach sich, die eigentlich gar nicht nötig wären, möglicherweise aber belastend und mit weiteren Risiken behaftet sind. Auf diese Risiken durch falsche Testergebnisse geht der Artikel nicht ein.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es gibt keine Informationen darüber, wie gut der Test oder die Einzeltests in Studien untersucht sind. Der Artikel versucht einfach „Evidenz durch Eminenz“ darzustellen, indem mehrere Namen von Medizinern genannt werden. Der Begriff Studien taucht nicht einmal auf und auch sonst fehlt jede Spur von konkreten Belegen.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Zwei ausgewiesene Experten zum Thema Darmkrebs kommen zwar zu Wort. Aber sie werden lediglich mit allgemeinen Aussagen zur Darmkrebs-Früherkennung zitiert, und man erfährt, dass sie „sich stark machen“ für den neuen Test. Eine Bewertung durch die Mediziner erfolgt nicht:

 „Umso bedauerlicher, weil wir über das weltbeste Früherkennungsprogramm verfügen“, sagt Prof. Guido Gerken. Werden Vorstufen eines Darmkarzinoms durch eine Koloskopie (Darmspiegelung) rechtzeitig erkannt, haben Patienten exzellente Überlebenschancen, so der geschäftsführende Direktor des Zentrums für Innere Medizin der Uniklinik Essen. „Die allermeisten Todesfälle könnten vermieden werden. Aber was nützt das, wenn keiner hingeht?“ Das fragt sich auch Hans-Ulrich Klör, Chef der Gastroenterologie an der Uniklinik Gießen. „Die Entstehung von Tumoren ist nicht zu verhindern, aber daran sterben muss man nicht mehr. Deshalb ist Früherkennung lebenswichtig.“

Auch die Aussage eines früheren Leistungsschwimmers ist nicht hilfreich; sie bezieht sich zudem generell auf Früherkennung und nicht auf den Test, der hier beworben wird.

Mögliche Interessenkonflikte werden ebenfalls nicht thematisiert. Von solchen ist aber ein Stück weit auszugehen, da die Experten offenbar bei einer Pressekonferenz der Herstellerfirma anlässlich der Markteinführung eines neuen Produkts auftreten, und damit bei einer kommerziellen Veranstaltung.

Somit werten wir alles in allem dieses Kriterium – obwohl zwei Experten zitiert werden – als nicht erfüllt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Es gibt eine Pressemitteilung der Herstellerfirma, die offenbar zu der Presseveranstaltung herausgegeben wurde, über die der Artikel berichtet. Dessen Inhalt entspricht weitgehend dieser Presseerklärung. Zwar kommen zwei Experten zu Wort, die in der Pressemitteilung nicht zitiert werden. Deren Zitate im Artikel steuern aber nichts dazu bei, den Nutzen und damit die Bedeutung des neuen Tests verständlich zu machen. Insofern liefert der Artikel keine über die Presseerklärung hinausgehende Information.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Artikel erklärt zwar, dass es sich bei dem neuen Test um die Kombination zweier Testverfahren handelt, und dass diese Kombination jetzt neu in den Markt eingeführt wird. Es wird aber weder erwähnt, dass es den Test in den beiden einzelnen Elementen (M2-PK und Haemacult-Test) schon länger gibt, noch wird deutlich, welchen Stellenwert die Kombination im Vergleich zu den zwei einzelnen Tests haben soll. Das heißt, es wird zwar berichtet, dass es etwas Neues gibt, aber nicht, worin das Neue sich vom Alten unterscheidet.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Artikel benennt verschiedene Methoden der Darmkrebs-Früherkennung (Koloskopie, Test auf Blut im Stuhl und den „Biomarker M2-KP“). Es ist verständlich dargestellt, dass es sich bei dem neuen Test um eine Kombination zweier vorhandener Verfahren handelt. („Das Verfahren vereint zwei Vorsorge-Methoden… “) Und: „Schon bei vagem Verdacht wird zur Koloskopie geraten. “ Was aber ein vager Verdacht ist und in welchen Fällen der neue Test die aufwendige Darmspiegelung ersetzen könnte, wird nicht deutlich. Das Kriterium werten wir daher nur knapp “erfüllt”.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird deutlich, dass der neue Test „ab sofort in Arztpraxen“ und „ab 15. September auch in Apotheken“ zur Verfügung steht. Diese Information war der Redaktion sogar einen Titel wert („Neuer Schnell-Test in Apotheken“).

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Leser erfahren, dass der neue Test „ca. 42 Euro“ kostet und „vom Arzt als IGeL-Leistung abgerechnet werden kann“. (Unabhängige Informationen zu IGeL finden sich beim IgeL-Monitor).

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Darmkrebs ist zwar eine schwerwiegende und durchaus häufige Erkrankung. Trotzdem werten wir knapp „nicht erfüllt“ angesichts einer Darstellung, die nur darauf abzielt, ein Schreckensszenario aufzubauen, für das der Test dann als einfache Lösung, fast mit Allheilmittelcharakter präsentiert wird: „Alle acht Minuten erkrankt ein Mensch an Darmkrebs. Und alle 20 Minuten stirbt jemand daran. Deutschland nimmt mit 65.000 Neuerkrankungen und 27.000 Todesfällen in dieser traurigen Statistik einen Spitzenplatz ein.“

Auch wenn die Zahlen rein rechnerisch stimmen mögen, helfen sie Lesern nicht weiter, weil es keine Vergleichsmöglichkeiten (auch zu anderen Krankheiten oder Risiken des Alltags) gibt. 

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema Darmkrebsfrüherkennung ist gerade zur Zeit (Initiative des Bundesgesundheitsministeriums zur Krebsfrüherkennung) relevant, und die Markteinführung eines neuen Testverfahrens zur Darmkrebsfrüherkennung ist ein möglicher aktueller Anlass für eine Berichterstattung. Die Themenauswahl bewerten wir daher knapp „erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Artikel lässt journalistische Sorgfalt weitgehend vermissen. Er berichtet anlässlich einer Art Werbeveranstaltung unkritisch über die Markteinführung eines kommerziellen Produkts. Er zitiert führende Experten nur allgemein zum Thema Darmkrebsfrüherkennung, nicht aber konkret zur Einordnung und Bewertung des neuen Verfahrens.

Allerdings „machen die Mediziner sich stark für den neuen Kombi-Schnelltest, der ab sofort … zur Verfügung steht“. Das liest sich, als stünde die Wertigkeit des Tests gar nicht zur Diskussion. Kritische Fragen wurden bei dieser Veranstaltung entweder nicht gestellt, oder in diesem Artikel nicht berichtet. Wie der Test genau funktioniert, wird auch nur teilweise erklärt.

„Das Verfahren vereint zwei Vorsorge-Methoden ein verfeinertes Aufspüren von okkultem Blut im Stuhl und den erweiterten Einsatz des Enzym-Biomarkers M2-PK. Entwickelt wurde der Kombi-Test im Unternehmen der Mikrobiologin Ursula Scheefers-Borchel. Eine winzige Stuhlprobe genügt, um bei der Auswertung durch ein Ampelsystem ein hohes Maß an Sicherheit zu garantieren.“

Begriffe wie „okkultes Blut“ oder „Enzym-Biomarker“ werden nicht erklärt, „Koloskopie“ hingegen schon. Dass der Kombi-Test „als IGeL-Leistung abgerechnet“ werden kann, ist in dieser Form wohl eher eine Information für Ärzte als für Laien.

Schwammige Formulierungen wie „verfeinertes Aufspüren“ (von Blut im Stuhl) und „Eine winzige Stuhlprobe genügt, um bei der Auswertung durch ein Ampelsystem ein hohes Maß an Sicherheit zu garantieren.“, lassen jegliche Distanz zu den Interessen der Herstellerfirma vermissen. Der Auftritt des früheren Leistungsschwimmers Christian Keller (…) wird überhaupt nicht erklärt, Leser erfahren nicht, was ihn überhaupt prädestiniert, sich zu diesem Thema zu äußern.

„Zu der Präsentation des Kombi-Schnelltests in Düsseldorf kam auch Christian Keller. Der frühere Leistungsschwimmer erklärte: „Ich finde Prävention wichtiger als Rehabilitation.“

Journalistische Skepsis ist in diesem Artikel nicht zu erkennen.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Gravierende Faktenfehler, die über die bereits angesprochenen Mängel hinaus gehen, sind uns nicht aufgefallen.


Wegen deutlicher Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien werten wir um einen Stern ab.

 

 

Medizinjournalistische Kriterien: 3 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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