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„Bluttest ermöglicht Pränatal-Diagnostik“

„Bluttest ermöglicht Pränatal-Diagnostik“

Ein neuer Bluttest kann auf ungefährlichere Art und Weise Trisomie 21 bei Ungeborenen vorhersagen als das etablierte Verfahren der Fruchtwasseruntersuchung. Der entsprechende Nachrichtenbeitrag macht die Vorteile des Tests mit Abstrichen deutlich und liefert viele wichtige Informationen. Die Erkrankung erklärt er hingegen gar nicht.

Zusammenfassung

Ein Nachrichtenbeitrag des “heute journals” berichtet über einen neuen Bluttest, der Trisomie 21 („Downsyndrom“) bei Ungeborenen vorhersagen kann. Bei ihnen liegt das Chromosom 21 im Erbgut dreifach statt doppelt vor.

Der Bericht macht die Vorteile des pränatalen Tests zwar deutlich, könnte beim möglichen Nutzen aber genauer sein. Auch wird nicht klar, wie gut der Test überhaupt in Studien untersucht ist. Unterschiedliche Experten und eine Schwangere ordnen den Test ein und beurteilen ihn. Es wird deutlich, was ihn vom etablierten Verfahren – der Fruchtwasseruntersuchung – unterscheidet, was er kosten wird und wann genau er auf den Markt kommt.

Der Beitrag geht auch auf die ethische Problematik eines solchen Tests ein, allerdings ohne die Krankheit an sich genauer zu erklären.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen des Tests wird nur ungenau dargestellt. Es ist zwar klar, dass der Test nachweisen kann, ob ein Fötus Trisomie 21 hat oder nicht: „Daraus kann man sehr zuverlässig abzählen, ob Chromosom 21 dreifach vorliegt, also das Down Syndrom.“, heißt es in dem Beitrag. Es wird aber nicht quantifiziert, wie hoch die Aussagekraft des Tests ist (Sensitivität und Spezifität, also wie viele der Betroffenen und Nicht-Betroffenen vom Test im Durchschnitt richtig angezeigt werden.), Ferner wird nicht deutlich, worauf sich diese zitierte Aussage stützt oder warum keine genauere Angaben möglich sind (siehe Kriterium Belege).

Es wird auch nicht erwähnt, dass der Test ausdrücklich nur für Frauen mit Risikoschwangerschaften gedacht ist – solche Frauen waren auch die Probandinnen der Studie (s. Pressemitteilung der Firma). Deutlich wird hingegen, dass auch im Falle eines auffälligen Testergebnisses nicht völlig auf eine Fruchtwasseruntersuchung verzichtet werden kann.

Daher werten wir alles in allem – wenn auch knapp – „nicht erfüllt“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Es wird deutlich, dass durch den Test zunächst einmal das Risiko für eine Fehlgeburt im Gegensatz zum invasiven Verfahren der Fruchtwasseruntersuchung gesenkt wird, weil der Frau lediglich Blut abgenommen wird. Dies ist der entscheidende Vorteil des Tests. Durch die Aussage eines Firmenvertreters wird zunächst suggeriert, dass damit jährlich zwischen 600 und 700 Fehlgeburten (und damit tote Föten) verhindert werden können. Später wird aber indirekt klar, dass dies nicht stimmen kann, weil in bestimmten Fällen (wenn der Bluttest Trisomie 21 nachweist) zur Absicherung doch eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt werden sollte, womit es doch wieder zu Komplikationen bis hin zur Fehlgeburt durch das invasive Verfahren kommen kann.

Nicht explizit angesprochen wird das Risiko falsch-positiver (eine Trisomie 21 wird angezeigt, obwohl sie nicht vorliegt) und falsch-negativer Ergebnisse (eine Trisomie 21 wird nicht angezeigt, obwohl sie vorliegt) und ihrer Folgen. Daher werten wir nur „knapp erfüllt“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Wie gut der Test in Studien untersucht ist, wird nicht erklärt. Da es sich nicht um ein Medikament handelt und der Test lediglich als Medizinprodukt zugelassen werden muss, fehlen aufwändige Zulassungsstudien, wie sie für Arzneimittel vorgeschrieben wären.

Eine veröffentlichte Studie gibt es nach Angaben der Anbieter-Firma noch nicht. Nach einer Information, die uns die Firma auf Anfrage des Medien-Doktor zuschickte, wurden 472 Blutproben ausgewertet. Dabei gab es zwei Falsch-Negativ-Ergebnisse (38 von 40 Proben wurden korrekt als Trisomie 21 bewertet) und zwei Falsch-Positiv-Ergebnisse (430 von 432 Proben wurden korrekt als nicht-Trisomie 21 bewertet).

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Neben dem Hersteller und einer Schwangeren, kommt ein Mediziner zu Wort, der den Test kritisch beleuchtet; zudem sprechen drei Personen (zwei Politiker, ein Geistlicher) die ethische Problematik an.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Zum Beitrag haben wir keine konkrete Pressemitteilung gefunden, der Beitrag bietet aber so viele Merkmale (z.B. zahlreiche Interviewpartner, die verschiedene Sichtweisen darstellen), dass wir davon ausgehen, dass eine Pressemitteilung nicht die einzige Quelle war.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

In der Anmoderation zum Beitrag erklärt die Moderatorin, dass der Bluttest, „(…) nächste Woche auf den Markt kommt.“ Außerdem wird deutlich, was das Neue des Bluttests ist und damit von der etablierten Methode, der Fruchtwasseruntersuchung, unterscheidet.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Gleich zu Beginn des Beitrags heißt es: „Ultraschall und anschließende Fruchtwasseruntersuchung – bislang ist das die einzige Methode, um das Downsyndrom bei Ungeborenen festzustellen.“ Damit ist etablierte Methode vorgestellt (im Beitrag ist eine Schwangere beim Ultraschall zu sehen). Es wird auch klar, dass es sich bei der Fruchtwasseruntersuchung um eine invasive Methode handelt, bei der es zum Tod des Fötus‘ kommen kann. Nicht direkt thematisiert wird die Option, dass werdende Eltern mit guten Gründen auch ganz auf so eine Untersuchung verzichten könnten. Dies wird aber immerhin indirekt vom Behindertenbeauftragten der Regierung angesprochen. Er weißt darauf hin, dass der Test keine therapeutischen Konsequenzen für den Embryo habe.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Durch die Aussage der Moderatorin vor dem Beitrag wird einerseits klar, dass der Test „nächste Woche auf den Markt“ kommt. Ob er dann aber theoretisch bei jedem Frauenarzt oder in jedem Krankenhaus verfügbar ist, bleibt indes unklar. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Beitrag erwähnt die Kosten des Tests, die bei 1250.- Euro liegen. Es wird auch erklärt, dass die Krankenkassen diese Kosten derzeit nicht übernehmen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Trisomie 21 wird nicht übertrieben dargestellt, daher werten wir das Kriterium im Grundsatz als „erfüllt“. Hierbei ist allerdings einzuschränken, dass im Beitrag umgekehrt überhaupt nicht versucht wird , das Downsyndrom angemessen darzustellen. Durch Aussagen wie: „Heute beenden mehr als 90 Prozent der Frauen die Schwangerschaft bei der Diagnose Downsyndrom (…)“ vermittelt der Beitrag hingegen, dass die Erkrankung auf jeden Fall schwerwiegend sei, und lässt damit zugleich keinen Raum für die Tatsache, dass sie sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Eine unserer beiden Gutachter fasst dies so zusammen: „Trisomie 21 ist kein Leiden, sondern eine Behinderung (…). Durch Inklusion wird vielen Betroffenen heute ein Leben mitten in der Gesellschaft ermöglicht, manche ergreifen normale Berufe, es gibt Menschen mit Trisomie 21, die studiert haben, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei rund 60 Jahren. Viele mit Trisomie 21 einhergehende gesundheitliche Probleme können heute behandelt werden.“

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema ist aktuell, relevant und auch ein Stück weit ungewöhnlich. Es handelt sich um einen wichtigen pränatalen Test auf Trisomie 21 aus dem Blut der Mutter, der zudem in der Woche nach der Ausstrahlung des Beitrags in Deutschland auf den Markt kommt.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag ist für einen Nachrichtenbeitrag aufwändig produziert: Es gibt eine Schwangere, die bei einer Vorsorgeuntersuchung gezeigt wird, es werden Gesprächspartner aus verschiedenen Lagern mit unterschiedlicher Qualifikation interviewt, es wird eine vom Sender erstellte Animation eingespielt. Die Funktionsweise des Tests wird verständlich erklärt. Und es wird angedeutet, dass dieser Test erst der Einstieg in die Möglichkeit ist, künftig noch weit mehr Informationen über ein Kind zu erhalten.

Ein Manko des Beitrags ist indes, dass – wie schon bei Kriterium Krankheitsübertreibung angedeutet – nicht erklärt wird, was Trisomie 21 eigentlich ist. Zumindest kurz hätte der Beitrag darauf eingehen können, dass ein Leben mit Trisomie 21 weit besser zu bewältigen ist, als sich viele Menschen vorstellen können. So erweckt der Beitrag womöglich den Eindruck, als sei die Krankheit in jedem Fall so schwerwiegend, dass eine Abtreibung die einzige vernünftige Option ist.

Möglicherweise wurde auf die Erklärung zur Trisomie 21 zugunsten der ethischen Aspekte aus Zeitgründen (der Nachrichten(!)-Beitrag ist knapp 3:00 Minuten lang) verzichtet.

Wir werten daher alles in allem knapp erfüllt.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Faktenfehler sind uns bis auf einen Aspekt nicht aufgefallen. Lediglich die Aussage der werdenden Mutter gibt falsch wieder, was der Test eigentlich testet. „ (…) sollte es möglich sein, diverse Mutationen auszuschließen.“ Trisomie 21 ist jedoch kein Genfehler als Folge einer Mutation, sondern ein Chromosomenfehler, bei dem das Chromosom 21 dreifach statt doppelt vorliegt. Dies wird im weiteren Beitrag zwar wieder korrekt dargestellt. Die Aussage der Mutter wird aber nicht unmittelbar korrigiert.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 8 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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