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„Mit Strom gegen den Krebs“

„Mit Strom gegen den Krebs“

Eine Uniklinik hat einen Lebertumor mit einer neuen Hochspannungs-Therapie behandelt. Der TV-Beitrag erklärt anschaulich das Verfahren und die Erfahrungen des Patienten, macht aber nicht deutlich genug, wie wenig untersucht die Methode generell noch ist.

Zusammenfassung

In einer Uniklinik entfernen Mediziner einem Patienten erfolgreich einen Lebertumor mit einer neuen Methode, bei der für Millisekunden über Elektroden eine Spannung bis zu 3000 Volt an den Tumor angelegt wird. Die WDR „Lokalzeit“ berichtet in einem TV-Beitrag ihrer wöchentlichen Rubrik „Medizinzeit“ über das Verfahren und die Erfahrungen des Patienten. In einem anschließenden Studiogespräch gibt ein Mediziner weitere Informationen.

Der Beitrag zeigt in beeindruckenden Bildern, wie die OP abläuft; der Patient macht deutlich, wie wenig Nebenwirkungen er gespürt hat und wie erleichtert er nach der erfolgreichen OP ist. Der Beitrag konzentriert sich dabei zu sehr auf den Einzelfall des Patienten. Er macht zwar klar, dass das Verfahren an dieser Uniklinik erst in wenigen Fällen eingesetzt wurde, es wird aber nicht deutlich, dass das Verfahren generell noch sehr neu ist und bisher nicht in guten Studien untersucht wurde. Zuschauer erfahren auch nicht, wie gut andere Fälle mit dieser Behandlung an der Uniklinik verlaufen sind. Sowohl im Beitrag als auch im Studiogespräch werden nur Mediziner der Uniklinik zum Verfahren befragt, unabhängige Einschätzungen von anderer Seite gibt es nicht.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

 Am Fallbeispiel eines Patienten mit einem Lebertumor wird der mögliche Nutzen des Verfahrens erklärt. Der Tumor wird offenbar erfolgreich zerstört. Dort wo vorher der Tumor auf einer Kontrollaufnahme zu sehen war, ist jetzt jedenfalls ein dunkler Schatten – ein „schwarzes Loch“, wie es in dem Beitrag heißt. Der Beitrag erwähnt zwar, dass in Bonn erst fünf Patienten auf diese Weise behandelt wurden, ob diese genau so „erfolgreich“ verlaufen sind, wird nicht erklärt. Der Beitrag konzentriert sich nur auf den Einzelfall, von dem aber auch noch niemand sagen kann, wie er letztlich verlaufen wird, dies wird zumindest kurz angedeutet: „Ob der Krebs für immer besiegt ist, muss sich erst mal erweisen.“ Für den Zuschauer kann aber der Eindruck entstehen, dass das Verfahren generell erfolgreich ist. Dass sich die Methode nicht nur in Bonn („es wird ausprobiert“), sondern auch weltweit erst im Versuchsstadium befindet, wird nicht deutlich. Wie gut das Verfahren also ist (etwa hinsichtlich der Überlebenszeit oder dem Wiederauftreten eines Tumors), ist noch offen. Bisher gibt es vor allem Tierstudien und mehrere hundert Einzelfälle außerhalb von kontrollierten Studien. Drei Pilotstudien stehen erst noch in der Anfangsphase (siehe Qualität der Belege). Dies wird weder im Beitrag noch im anschließenden Gespräch deutlich.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

 Der Patient berichtet: „Ganz entscheidend für mich war – im Nachhinein –, dass das also absolut ohne spürbare Nebenwirkungen war, was ich im Vorfeld nicht wusste, wo ich mich darauf verlassen habe, was die Ärzte im Krankenhaus mir gesagt haben. Aber, es war so: Die Nebenwirkungen waren fast Null.“ Risiken und Nebenwirkungen werden auch im Studio-Gespräch gegen Ende kurz thematisiert. Der befragte Arzt erklärt: „Es wird in der Regel sehr gut vertragen.“ Dies ist eine reichlich allgemeine Aussage. Was das konkret für dieses invasive Verfahren bedeutet, wird nicht erklärt. Sind Probleme bei den Patienten in Bonn aufgetreten? Und wenn ja welche? Dazu gibt es keine Informationen, obwohl es zumindest erste Erfahrungen bei dieser weltweit noch neuen Methode gibt (siehe Zitat unten).

Positiv ist der Hinweis im Gespräch, dass das Verfahren für Menschen mit Herzschrittmacher nicht geeignet ist, weil es aufgrund der starken Stromstöße zu gefährlichen Herz-Rhythmus-Störungen kommen kann.

Weil das Thema Risiken zweimal zumindest angesprochen wird, sich der Beitrag aber sehr stark auf die Aussage des Patienten fokussiert, werten wir nur knapp „erfüllt“.

Einen Überblick, welche Risiken man (zumindest zum Teil) noch beispielhaft hätte erwähnen können, gibt ein Interview in einem Fachartikel (pdf): „There are risks of bleeding, fistula formation, or infection any time we insert needles into the body – especially when 2 or 3 needles are used at once. Additionally, because of the high current used with IRE, the procedure carries some risk of precipitating an irregular heartbeat, (…). Finally, use of IRE may involve site-specific risks; if we are treating a lesion in the lung, for example, there is a risk of pneumothorax, or a collapsed lung, which is usually treated with a chest tube. Similarly, if IRE is used to treat a lesion in the kidney, the procedure carries a risk of injury to the ureter or the blood vessels.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Im Studio-Gespräch erklärt der Mediziner auf die Frage, warum das Verfahren gerade bei Nieren- und Lebertumoren eingesetzt wird: „Da ist die Datenlage sehr gut.“ Was er mit einer guten Datenlage meint, wird nicht erklärt. So bekommen Zuschauer den Eindruck, das Verfahren sei ein erprobtes Verfahren. Zuschauer erfahren nicht, dass das Verfahren so neu ist, dass es bisher nur gestartete Pilotstudien und Machbarkeitsstudien an Tieren gibt, aber noch keine kontrollierten aussagekräftigen Studien. Im bereits erwähnten Interview eines Fachmagazins (pdf) aus diesem Jahr erklärt der Mediziner: „Several centers have performed animal studies to evaluate the safety of this technology (…). In terms of human studies, a phase I safety study was conducted (…). I have also presented some of our data at major meetings;(…) At this time, I do not have data from prospective trials,(…)“

Die Pressemitteilung der Uniklinik bietet mehr Informationen als der Beitrag für die richtige Einordnung und macht deutlich, dass es keine großen Untersuchungen gibt, sondern nur Erfahrungen aus Einzelfällen weltweit: „Auch ist IRE eine brandneue Methode – weltweit wurden seit 2005 etwa 400 bis 500 Patienten so behandelt. Das Prinzip wird bereits seit längerem in der Lebensmittelindustrie zur Sterilisation von mit Bakterien und Amöben verschmutztem Wasser genutzt. Bisher liegen noch keine größeren Patientenstudien und auch keine Langzeitergebnisse vor.“ Zuschauer erfahren im TV-Beitrag nicht, wie wenig über diese Technik bisher allgemein bekannt ist.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Im Filmbeitrag wird ein Mediziner der Uniklinik, die das Verfahren einsetzt, befragt, im anschließenden Gespräch ein zweiter Mediziner dieser Abteilung. Ein unabhängigerer Mediziner, der nicht an der Uniklinik Bonn angestellt ist, kommt weder im Beitrag noch im Expertengespräch zu Wort.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag zeigt vor allem, wie die Behandlung ganz praktisch abläuft. Auch wenn die Presseinformation wohl als wichtige Informationsbasis gelten darf und in dem Beitrag auch kaum mehr oder unabhängige Information darüber hinaus Eingang gefunden haben, nimmt der Beitrag den Zuschauer doch direkt mit vor Ort und lässt so zumindest direkte Einsichten zu. Daher werten wir „knapp erfüllt“.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird zwar deutlich, dass Verfahren neu an der Uniklinik Bonn eingesetzt wird. Wie neu das Verfahren generell ist, welche Erfahrungen es mit dem Verfahren in der Medizin überhaupt gibt, erfahren Zuschauer nicht. Da bietet die Pressemitteilung mehr Informationen (siehe Qualität der Belege).

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Selbst kurze Aussagen zu Vor- oder Nachteilen gegenüber alternativen Behandlungsoptionen fehlen. In der Pressemitteilung heißt es dazu etwa noch: „Bei der für diese Tumorgröße herkömmlichen Radiofrequenz-Ablation war jedoch die Gefahr groß, diese Blutgefäße zu verletzen.“ 

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es wird klar, dass das Verfahren an der Uniklinik Bonn verfügbar ist. Ob es darüber hinaus an anderen Kliniken im Einzugsbereich der Sendung zum Einsatz kommt, wird nicht erklärt. Auch hier bietet die Pressemitteilung mehr Informationen: „Die Uni-Radiologie bietet die IRE als einzige Klinik im Köln-Bonner Raum an.“

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Wer für die Kosten der Therapie aufkommt, dazu gibt es keine Informationen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Nieren- und Leberkrebs werden nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Anlass ist eine Pressemitteilung der Uniklinik, die seit kurzem dieses Verfahren durchführt. Dies kann durchaus ein Thema für eine regionale Berichterstattung sein. Hinzu kommt, dass Krebs eine schwerwiegende Diagnose ist, die viele Menschen betrifft. Forscher versuchen seit Jahren, die Krebstherapie zu verbessern; es erscheint zumindest so, als könne das Verfahren in Zukunft vielversprechend sein. Auch wenn der Ansatz nicht eingeordnet wird, so ist das Thema doch aktuell und relevant.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

 Der Beitrag erzählt die „Erfolgsgeschichte“ eines Mannes, der an einem Lebertumor erkrankt war und dank des neuen Verfahrens nun möglicherweise vorerst davon befreit ist. Durch seine persönlichen Schilderungen, wird dem Zuschauer nachvollziehbar, wie sehr das Verfahren ihm subjektiv geholfen hat. Szenen im Krankenhaus wie ein Ultraschall oder die OP an sich, verdeutlichen das medizinische Verfahren.

Der Beitrag ist klar strukturiert, er benutzt einfache Sätze. Beeindruckend ist die CT-Aufnahme des „schwarzen Loches“ an der Stelle, an der vor der OP der Tumor saß. Es wird allerdings nicht ganz klar, ob der Tumor letztlich vollständig verschwunden ist, weil zeitweise beschrieben wird, dass der Tumor „abstirbt“ oder „nicht mehr streuen“ wird. Interessant für Zuschauer ist in dem Zusammenhang ein solch „einfache“ Fragen Verständnisfrage wie die, was denn nun mit dem Loch, dass der Tumor hinterlässt, im Körper passiert, die im Studiogespräch gestellt wird.

Das Studio-Interview mit dem Radiologen hätte insgesamt aber kritischer ausfallen können, angesichts der Tatsache, dass es eine sehr neue Methode ist. So wären etwa Nachfragen zu den Themen Nebenwirkungen oder zur Frage, wie gut erforscht das Verfahren tatsächlich ist, sinnvoll gewesen. Damit ließe sich besser vermitteln, dass das Wissen zur Therapie noch nicht durch gute kontrollierte Studien belegt ist.

Alles in allem werten wir daher „erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Faktenfehler aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 3 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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