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„Karlsburg: 85-Jährige freut sich über neue Herzklappe“

„Karlsburg: 85-Jährige freut sich über neue Herzklappe“

Eine alte Frau erhält mittels einer neuen Operations-Methode eine neue Herzklappe. Der Artikel darüber berichtet einseitig positiv und gibt nur die Sicht des Mediziners der Klinik wieder.

Zusammenfassung

Dieser Artikel einer Regionalzeitung berichtet über die erfolgreiche Operation einer alten Frau (85 Jahre). Dank einer neuen, wenig invasiven Operationsmethode erhielt sie eine neue Herzklappe (Aortenklappe). Mit der etablierten Methode wäre dieser Austausch bei einer so alten Frau laut Artikel nicht möglich gewesen.

Der Beitrag berichtet ausschließlich positiv über die Operation und die neue Methode, bei der ein Katheter genutzt wird. Der mögliche Nutzen wird zu ungenau beschrieben, auf Risiken und Nebenwirkungen wird nicht eingegangen. Wie gut das Verfahren untersucht ist, erfahren Leser nicht. Zumindest wird deutlich, dass es ein recht neues Verfahren ist, das erst seit zwei Jahren am Klinikum eingesetzt wird. Insgesamt verlässt sich der Artikel zu sehr auf die Aussagen des Arztes der Klinik und eine ältere Pressemitteilung. Anstatt Lesern in fast werbendem Stil zu erklären, wie die gut die Klinik im Bereich Herzchirurgie ist, hätten wir Erläuterungen zur Erkrankung der Aortenklappe hilfreicher gefunden.

Hinweis: Da uns der Verlag zu unserem Bedauern kein pdf des Artikels zur Verfügung gestellt hat, und der Beitrag auch nicht online verfügbar ist, zitieren wir bei den einzelnen Kriterien entsprechende Passagen aus dem Artikel ausführlicher als sonst, damit Leser die Möglichkeit haben, sich ein eigenes Bild zum Artikel machen können.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen der neuen Methode wird fast ausschließlich über die positive Geschichte einer 85-jährigen Patientin erzählt: „Die alte Dame werde künftig wieder mehr Puste haben, um Treppen zu steigen und ihren Alltag zu meistern.“ Im ergänzenden Kasten heißt es noch: „Für ältere Herzpatienten verspricht er mehr Lebensqualität.“ Spezifische Aussagen zum Nutzen, die quantifiziert sind, und ein allgemeineres Bild über diese eine Patientin hinaus widerspiegeln, fehlen. Der Artikel erklärt zum Beispiel nicht, wie hoch der Anteil erfolgreicher Operationen ist, wie viele Operierte nach einem Jahr noch leben im Vergleich zu Nicht-Operierten, oder wie stark sich die Herzleistung bessert.

„Karlsburg: 85-Jährige freut sich über neue Herzklappe
Ein neues minimalinvasives Operationsverfahren ermöglicht schwierige Eingriffe auch bei älteren Patienten.

Zum Feiern gibt es für Waltraud Pahl gute Gründe. Die Rüganerin sieht ihrem 86. Geburtstag entgegen, im Februar 2012 will sie mit ihrem Mann zudem die Eiserne Hochzeit begehen. Die alte Dame freut sich auf die beiden Jubiläen. Fast vergessen scheint ihr da, dass sie erst vor wenigen Tagen im Klinikum Karlsburg eine neue Herzklappe implantiert bekam. „Was glauben Sie, wie viel Kraft ich wieder habe. Ich bin kein wehleidiger Typ, ich habe das ganze Leben hart gearbeitet“, erklärt Waltraud Pahl und ist schon aus dem Klinikbett, um ihre Beweglichkeit zu demonstrieren.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Auf Risiken und Nebenwirkungen wird nicht eingegangen. Dabei ist das Katheterverfahren keineswegs harmlos. Anders als man vermuten könnte, ist nach Aussage einer erst kürzlich veröffentlichten kontrollierten Studie das Risiko für Komplikationen mit größeren Blutgefäßen verglichen mit der herkömmlichen offenen Operation signifikant höher; auch das Risiko für einen Schlaganfall ist leicht erhöht.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Der Artikel berichtet, dass die minimal-invasive Aortenklappen-Operation auch am Klinikum Karlsburg bislang an über 200 Patienten durchgeführt wurde – womit Lesern zwar eine große Erfahrung der Ärzte verdeutlicht wird. Wie oft die Eingriffe aber erfolgreich waren oder wie oft es zu Komplikationen kam, darüber erfahren die Leser nichts. Der Text beschreibt das neue Verfahren auch so, als sei es bereits weitgehend gut untersucht in der Medizin: „Die kathetergestützte Aortenklappenimplantation (…) hat sich so schnell wie kein anderes OP-Verfahren in den letzten Jahren in der Herzchirurgie etabliert.“ Es wird als „weitgehend ausgereiftes Therapiekonzept“ beschrieben.

Entgegen der sehr positiven Darstellung des Verfahrens im Artikel kommen etwa die Autoren dieser Übersichtsstudie aus dem Jahr 2010 zu dem Schluss, dass die Katheter-Methode derzeit besser ausschließlich in klinischen Studien eingesetzt werden sollte.

Eine wirklich hilfreiche Einordnung der Studienlage erhalten Leser in diesem Artikel also nicht, daher werten wir „nicht erfüllt“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

In dem Artikel kommen lediglich eine Patientin sowie der Direktor der Klinik zu Wort: „Ich freue mich für Waltraud Pahl, die nun in die Rehaklinik entlassen wird“, sagt der Chirurg. Die alte Dame werde künftig wieder mehr Puste haben, um Treppen zu steigen und ihren Alltag zu meistern.“ Der Artikel zieht keine weiteren Experten hinzu, die das Verfahren erklären oder einordnen. Eine kritische Einschätzung von unbeteiligter Seite findet nicht statt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Artikel erzählt die Geschichte der 85jährigen Patientin, zitiert auch den Direktor der chirurgischen Klinik am Klinikum Karlsburg. Damit geht der Text formal über die Pressemitteilung hinaus. Eine wichtige Quelle ist aber offenbar auch die Pressemitteilung aus dem März 2011, in der die Klinik bekannt gibt, bereits die hundertste Aortenklappen-Operation bei schlagendem Herzen durchgeführt zu haben. Diese Pressemitteilung wird teils wortwörtlich übernommen oder paraphrasiert, vor allem die eher werbenden Passagen, ohne dass deutlich wird, dass es sich um Aussagen der Klinik handelt. Wir werten daher nur knapp „erfüllt“.

„Als wichtige Voraussetzung für die neuartigen Operationen wurden im Herzzentrum Karlsburg zudem die nötigen technische Bedingungen geschaffen. Im Jahr 2010 wurde ein sogenannter Hybrid-OP-Saal im Klinikum eingeweiht. Er ist mit supermoderner Durchleuchtungstechnik ausgestattet, die den Medizinern während des Eingriffs hochauflösende 3D-Bilder vom Herzen liefert. Außerdem herrschen höchste hygienische Reinheitsstandards – eine wichtige Bedingung für die sensiblen Eingriffe am Herzen betagter Menschen.“

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Artikel macht an mehreren Stellen klar, dass es sich um ein vergleichsweise neues Verfahren handelt, das erst seit wenigen Jahren eingesetzt wird (siehe aber auch Kriterium Fakten): „Noch vor fünf Jahren wäre die 85-Jährige mit ihrer fortgeschrittenen Herzklappenverkalkung keinem Operations-Team mehr vorgestellt worden. (…) Erst ein neu entwickeltes minimal-invasives Operationsverfahren eröffnete auch betagten Patienten eine Therapieoption.“

Deutlich wird zudem, dass das Verfahren seit 2009 auch in der im Artikel beschriebenen Klinik eingesetzt wird.

„Seit Herbst 2009 werden im Herz- und Diabeteszentrum Karlsburg Aortenklappen mittels Katheter implantiert, über einen gerademal sechs Zentimeter großen Schnitt unterhalb des Herzens. Professor Dr. Hans-Georg Wollert, Direktor der Karlsburger Klinik für Chirurgie, hatte sich jahrelang mit dem schonenden OP-Verfahren vertraut gemacht.“

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Der Artikel macht zumindest deutlich, dass die Alternative – eine offene Herzklappen-Operation – für ältere Menschen oft nicht in Frage kommt. Welche anderen Alternativen es gibt, inwieweit beispielsweise Medikamente Beschwerden lindern können, lässt der Artikel indes offen. Daher werten wir nur knapp „erfüllt“.

„Noch vor fünf Jahren wäre die 85-Jährige mit ihrer fortgeschrittenen Herzklappenverkalkung keinem Operations-Team mehr vorgestellt worden. Der bis dahin übliche Eingriff, bei dem der Patient an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und sein gesamter Brustkorb geöffnet wird, wäre in ihrem Alter zu riskant und deshalb nicht zumutbar. Erst ein neu entwickeltes minimal-invasives Operationsverfahren eröffnete auch betagten Patienten eine Therapieoption.“

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Es ist zwar deutlich, dass das Verfahren am beschriebenen Klinikum zum Einsatz. Ob es aber an einem anderen Krankenhaus in Verbreitungsgebiet der Zeitung verwendet wird, erfahren Leser nicht. Und: Wie weit verbreitet ist das OP-Verfahren in Deutschland? Auch das kann eine wichtige Information für Leser sein, um einzuschätzen, wie etabliert ein Verfahren ist. Schon ein kurzer Hinweis hätte hier genügt. Da es über die Information zur Klinik hinaus keine Informationen gibt, werten wir „nicht erfüllt“.

„Über 200 Aortenklappen sind inzwischen im Klinikum Karlsburg minimalinvasiv operiert worden. Allein in diesem Jahr zählte Professor Hans-Georg Wollert hier 100 solcher Eingriffe.“ (…) „Die hochkomplexen Herzklappen-Operationen erfolgen in Zusammenarbeit der Karlsburger Kliniken für Chirurgie, Kardiologie und Intensivmedizin. Die Patienten kommen aus allen Teilen des Landes Mecklenburg-Vorpommern nach Karlsburg. Im Norden ist das Zentrum führend bei diesen minimal-invasiven Klappen-Operationen.“

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf die Kosten der minimal-invasiven Operation, etwa im Vergleich zur etablierten Methode, wird nicht eingegangen. Wahrscheinlich wird der Eingriff von den Krankenkassen bezahlt – das hätte der Text zumindest erwähnen können.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Eine Übertreibung der Folgen einer Aortenklappenverkalkung findet nicht statt, sie werden allerdings auch kaum erklärt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Es handelt sich bei dem Verfahren um eine durchaus wichtige Entwicklung im Bereich der Herzchirurgie, daher ist die Relevanz erfüllt. Es bleibt indes unklar, warum sich der Artikel dem Thema gerade jetzt widmet. Weder wurde das Verfahren neu in der Klinik eingeführt, noch gibt es sonst einen journalistischen Anlass, abgesehen von einer (weiteren) erfolgreichen Operation. Da es aber laut dem Mediziner bereits mehr als 200 Operationen gegeben hat, stellt sich die Frage, warum gerade über diesen OP-Erfolg bei dieser Frau berichtet wird. Wir werten daher nur knapp „erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Zwar finden sich im Text verständliche, kurze Sätze, auch wird über eine Fallgeschichte gut in das Thema eingeführt. Dennoch halten wir dieses Kriterium für nicht erfüllt, weil der Artikel u.a. jegliche journalistische Distanz vermissen lässt. Es wird nur Positives berichtet, hinzu kommen eine Vielzahl fast schon werblicher Adjektive und Beschreibungen, die zudem aus der Pressemitteilung entnommen wurden („mit supermoderner Durchleuchtungstechnik ausgestattet“, „höchste hygienische Reinheitsstandards“, „so schnell wie kein anderes OP-Verfahren in den letzten Jahren in der Herzchirurgie etabliert“).

Der Text erklärt Lesern auch nicht (ausreichend), was eigentlich eine Aortenklappe ist, was es für Patienten bedeutet, wenn sie nur schlecht funktioniert oder wie das OP-Verfahren genau durchgeführt wird. Hinzu kommen sprachliche Schwächen wie etwa „supermodern“ oder „hygienische Reinheitsstandards“ (besser: Hygienestandards). Positiv ist zwar, dass auf Fremdworte verzichtet wurde, ob sich aber alle Leser etwas unter „Durchleuchtungstechnik“ vorstellen können, halten wir für fraglich, zumal nicht klar wird, um welche Art von „Durchleuchtungstechnik“ es sich handelt.

Alles in allem werten wir daher „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Bei den Fakten, die der Text aufführt, sind uns keine gravierenden Fehler aufgefallen. Eine Ungenauigkeit erscheint uns indes erwähnenswert. Im Artikel heißt es: „Noch vor fünf Jahren wäre die 85-Jährige mit ihrer fortgeschrittenen Herzklappenverkalkung keinem Operations-Team mehr vorgestellt worden.“ Eine ähnliche Beschreibung findet sich aber bereits in einer Agenturmeldung in derselben Zeitung aus dem November 2010. Dort heißt es gleich lautend: „Ein Drittel aller Menschen, die wegen Verkalkung der Herzklappe (Aortenklappenstenose) operiert werden, wären noch vor fünf Jahren keinem OP-Team mehr vorgestellt worden, so das Herz- und Diabeteszentrum [Karlsburg].“ Dies erscheint uns als Widerspruch.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 4 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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