In dieser Rubrik

Alle bewerteten Medien

Unsere Bewertungen

„Vergessene Nebenwirkung bei altem Schmerzmittel“

„Vergessene Nebenwirkung bei altem Schmerzmittel“

Das alte Schmerzmittel Metamizol wird in Deutschland immer noch sehr häufig verschrieben, obwohl es in anderen Ländern verboten ist. Der Hörfunkbeitrag erklärt das Problem verständlich aus der Sicht zweier Ärzte. Manche Informationen kommen dennoch zu kurz.

Zusammenfassung

Metamizol ist ein Schmerzmittel, das laut Arzneimittelkommission nur eingeschränkt verschrieben werden sollte, weil es – wenngleich „sehr selten“ – schwerwiegende Nebenwirkungen haben kann. In anderen Ländern ist das Mittel sogar verboten. Dennoch wird es in Deutschland nach wie vor häufig verschrieben und an Krankenhäusern eingesetzt. Der Hörfunkbeitrag erklärt, woran das liegen könnte. Die konkurrierenden Sichtweisen werden anschaulich durch die Erfahrungen zweier Ärzte verdeutlicht. Dabei werden die Risiken erklärt, während der Nutzen etwas kurz kommt, ebenso wie die Informationen zur Datenlage. Der insgesamt gut verständliche Beitrag macht klar, dass das Mittel seit 90 Jahren im Einsatz ist und in Deutschland breit verfügbar. Wie das Mittel im Vergleich zu anderen Behandlungsoptionen abschneidet, wird nicht ganz klar, weil auf Alternativen zu dem Mittel nur kurz eingegangen wird. Unklar bleibt auch, warum der Beitrag gerade jetzt erscheint.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Schwerpunkt in diesem Beitrag liegt auf den Risiken und Nebenwirkungen des Schmerzmittels. Wohl auch deshalb wird der Nutzen nur kurz dargestellt – unserer Einschätzung nach etwas zu kurz, denn es heißt lediglich: „Außerdem wirkt es schnell, senkt Fieber und kann Verkrampfungen lösen.“ Und an anderer Stelle: „Natürlich ist es fein, so ein Medikament zu nehmen, weil es sehr schnell wirkt.“ Das deutet nur an, warum das Mittel von der Nutzenperspektive her so erfolgreich ist. Denn es wird nicht klar, was „schnell wirken“ bedeutet, da es keinen Vergleich im Beitrag gibt. Auch der Hinweis, dass es krampflösend wirkt, hilft nur bedingt weiter, weil nicht erklärt wird, in welchem Zusammenhang (bei welchen Erkrankungen) dies zum Beispiel eine Rolle spielt. Es wird auch nicht deutlich genug dargestellt, dass dieses Mittel lediglich bei starken Schmerzen eingesetzt werden sollte. Von daher werten wir knapp „nicht erfüllt“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Ausführlich widmet sich der Beitrag den Risiken und Nebenwirkungen des Wirkstoffs. Es wird sowohl deutlich, dass es insgesamt wenig Nebenwirkungen gibt, als auch, dass es in seltenen Fällen zu lebensbedrohlichen Blutbildveränderungen (Agranulozytosen) kommen kann. Die Häufigkeit wird anschaulich quantifiziert. So heißt es etwa: „ (…) diese Komplikation tritt nur sehr selten auf – bei weniger als einem von 10.000 Patienten.“). Was diese Häufigkeit für einen Arzt bedeutet, wird dann an zwei Beispielen der beiden Mediziner erklärt: „Bisher hat Sablotzki keinen Fall (…) erlebt, der durch das Medikament ausgelöst wurde.“ Im Gegensatz dazu erklärt sein Kollege: „Denn Niederwieser kennt Patienten, die wegen Metamizol eine Agranulozytose bekommen. Ungefähr drei solche Fälle behandelt er jährlich.“

Das verdeutlicht zum Teil, warum das Risiko einer Metamizol-Therapie für einige Ärzte „gefühlt“ gering ist, und es zu einem unkritischen Einsatz kommt, obwohl die Arzneimittelkommission die Verwendung bereits eingeschränkt hat. Auf andere gravierende Nebenwirkungen wie einen allergischen Schock geht der Beitrag nicht ein. An einer Stelle finden wir die Darstellung der Risiken etwas übertrieben oder zumindest ungenau und somit missverständlich. Es heißt im Beitrag: „In vielen Fällen verläuft diese sogenannte Agranulozytose tödlich.“ Laut den Daten der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft verlaufen weniger als ein Fünftel dieser Fälle tödlich. Ob man in diesem Fall von „viel“ sprechen kann, das halten wir zumindest für diskussionswürdig.

Alles in allem werten wir aber „erfüllt“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Auf welcher Datenbasis die Aussagen zu Metamizol basieren, dazu gibt es keine Aussage. Dabei ist die Häufigkeit der gefährlichen Nebenwirkung Agranulozytose seit Jahrzehnten Gegenstand von Untersuchungen. In manchen Ländern ist die Verwendung des Mittels ganz untersagt. Der Beitrag beschränkt sich aber weitgehend auf persönliche Einschätzungen von zwei Experten. Wie gut die dargestellten Standpunkte durch Studien belegt sind, bleibt offen.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Entgegen unserer bisher bewerteten Radiobeiträge (hier und hier) bietet dieser Beitrag erfreulicherweise Einschätzungen von mehr als einem Mediziner (und einer Patientin). Außerdem wird eine deutsche „Arzneimittelbehörde“ als Quelle benannt (allerdings ohne zu erklären, um welche es sich handelt). Die beiden befragten Mediziner vertreten durchaus unterschiedliche Positionen, und spiegeln so die Diskussion in der Ärzteschaft um Metamizol wider. So sagt der im Beitrag zitierte Schmerzmediziner Sablotzki: „Wenn man ganz pragmatisch ist, dann muss man sagen, dass eine Substanz, die seit 1922 auf dem Markt ist, die viele Millionen Mal im Jahr in Deutschland verordnet wird, so wahnsinnig schlecht nicht sein kann.“ Der Blutspezialist Niederwieser hingegen schätzt die Gefahr durch das Medikament größer ein: „Natürlich ist es fein, so ein Medikament zu nehmen, weil es sehr schnell wirkt. Aber man hat ein Risiko dabei. Und dieses Risiko möchte ich für meine Patienten nicht eingehen.“

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Eine aktuelle Pressemitteilung zum Thema haben wir nicht gefunden. Wir sehen aber genug Hinweise, dass eine Pressemitteilung nicht die wesentliche Quelle für diesen Beitrag gewesen sein dürfte.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Ein Experte sagt im Beitrag, dass das Mittel seit 1922 auf dem Markt ist. Zusätzlich wird klar, dass die schwerwiegende Nebenwirkung von Metamizol „schon lange bekannt“ ist. Der Bericht erwähnt auch, dass der Wirkstoff in anderen Ländern bereits vom Markt genommen wurde. Eine „Renaissance“ in der Anwendung seit den 90er Jahren in Deutschland ist das Hauptthema des Beitrags.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

 

Es wird nur allgemein darauf hingewiesen, dass es andere Schmerzmittel gibt: „Außerdem haben andere Schmerzmittel ebenfalls Nebenwirkungen. Jedes Medikament muss mit individuellen Beschwerden und Vorerkrankungen abgestimmt werden.“

Mehr wird dazu aber nicht erklärt. Zumindest beispielhaft hätte der Beitrag kurz auf ein oder zwei andere Mittel eingehen und erklären können, wo Metamizol Vorteile bietet. Damit würde noch verständlicher werden, warum das Mittel mancherorts seit vielen Jahren einen Boom erlebt – während es in anderen Ländern verboten ist.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Gleich im Vorspann heißt es: „Metamizol ist ein wirksames Schmerzmittel und wird von Ärzten viel verschrieben.“ Es ist also klar, dass man das Medikament vom Arzt verschrieben bekommt. Und weiter unten: „Für Sablotzki gehört das Medikament zum Klinikalltag.“ Das bedeutet, dass auch im Krankenhaus viele das Mittel erhalten.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Über die Kosten des Mittels erfahren die Hörer nichts. Man kann nur vermuten, dass es nicht teuer ist, sonst würde es wohl kaum so populär sein. Ist es vielleicht günstiger als vergleichbare Schmerzmedikamente, und wird es deshalb so viel verschrieben? Übernehmen die Krankenkassen in jedem Fall die Kosten? Eine kurze Erwähnung dieses Aspekts wäre gut gewesen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Wir sehen keine Hinweise für die übertriebene Darstellung von Schmerzen.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Warum der Beitrag zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht wurde, bleibt unklar. Es gibt offenbar keinen aktuellen Anlass. Über diese Thematik wird generell seit Jahren immer wieder in populären Medien berichtet, zuletzt Ende Juni im Zusammenhang mit einem Report einer deutschen Krankenkasse, der auf die zunehmende Verwendung des Mittels hinweist. Auch wenn man also diesen Beitrag selbst für eine einmal wöchentlich erscheinende Sendung nicht mehr als aktuell bezeichnen kann, werten wir dennoch – knapp – erfüllt. Immerhin erscheint es quasi dauerhaft relevant, dass Ärzte in Deutschland ein in anderen Ländern verbotenes, und auch hierzulande verwendungsbeschränktes Arzneimittel, zunehmend häufiger einsetzen.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag macht in leicht verständlichen Worten deutlich, warum Metamizol so beliebt ist und welche Gefahren bestehen. Die klaren Aussagen werden unterstützt durch die O-Töne einer Patientin und zweier Experten, die den Beitrag lebendig machen. Die O-Töne sind gut verständlich, die Sprecherstimme könnte insgesamt aber vielleicht etwas kräftiger ausfallen. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Ärzte decken das Thema gut ab. Die persönlichen Erfahrung der Ärzte verdeutlichen, warum viele Ärzte das Mittel verschreiben, obwohl davor gewarnt wird, während es andere nicht tun. Den persönlichen Standpunkten der beiden Ärzte hätte man unter Umständen durch eine genauere Beschreibung die Sichtweise der Arzneimittelkommission ergänzen können, die die Verwendung des Mittels schließlich eingeschränkt hat.

Ein interessanter Aspekt ist auch, dass einer der Ärzte aufgrund des Beitrags offenbar nachgeforscht hat, wie häufig das Mittel in seiner Klinik verschrieben wird – und dann angesichts der hohen Zahl erstaunt war. Seine Überraschung im O-Ton macht deutlich, wie sehr manche Ärzte das Thema offenbar unterschätzen.

Verständlich beschrieben ist auch, was eine Agranulozytose ist und warum sie so gefährlich sein kann. Hilfreich wäre es noch gewesen zu erklären, in welchen Ländern das Mittel verboten ist.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Faktenfehler aufgefallen.


 

Medizinjournalistische Kriterien: 6 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


Schreiben Sie uns...