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„Operationen bei Übergewicht bessern Diabetes“

„Operationen bei Übergewicht bessern Diabetes“

Dieser Artikel berichtet über einen Konferenzbeitrag, wonach mit chirurgischen Eingriffen am Magen Schwergewichtige deutlich abnehmen, und sich bei der Mehrheit auch ihr Diabetes bessert. Der Text basiert allerdings zu sehr auf der Pressemitteilung einer Fachorganisation.

Zusammenfassung

Auf einem Kongress berichten Mediziner, dass bei schwergewichtigen Menschen chirurgische Maßnahmen wie ein Magenband nicht nur das Gewicht erheblich senken helfen, sondern auch ihre Diabetes-Erkrankung therapiert wird. Der Artikel über den Konferenzvortrag, macht deutlich, dass diese Methoden bereits seit Jahren eingesetzt werden und die Kosten nur von Fall zu Fall von den Krankenkassen übernommen werden. Der Text basiert allerdings überwiegend auf Informationen einer ausführlichen Pressemitteilung einer Fachorganisation, die sich für die Kostenübernahme der chirurgischen Methoden durch die Krankenkassen stark macht. Selbst die Zitate, der nicht an der Studie beteiligten Experten, sind dem Pressetext entnommen. Dem möglichen Nutzen wird zwar genügend Raum im Artikel eingeräumt, doch letztlich fehlt eine entscheidende Information, um ihn realistisch abzuschätzen. Auf Risiken und Nebenwirkungen der chirurgischen Verfahren wird gar nicht eingegangen. Was wie ein journalistischer Artikel im nachrichtlichen Stil aussieht, ist im Kern nur eine stark gekürzte Version einer Pressemitteilung.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen wird für einen solchen Kongressbeitrag zwar recht ausführlich beschrieben, trotzdem werten wir knapp „nicht erfüllt“, da eine entscheidende Information fehlt.

Es wird zwar einerseits klar, dass die Operationen helfen, das Gewicht im Vergleich zu einer Kontrollgruppe deutlich zu senken:
Ebenfalls wird deutlich, dass in der OP-Gruppe der Diabetes in erstaunlichem Umfang zurückging:
„Bei 72 Prozent der operierten Patienten mit einem Diabetes, der mit Insulin behandelt werden musste, kam es kurz nach dem Eingriff zur sogenannten Vollremission. Das heißt, die Blutzuckerwerte hatten sich so weit normalisiert, dass die Patienten kein Insulin mehr brauchten.“

Positiv ist auch der Hinweis über die Langzeitwirkung der Maßnahme: „Nach zehn Jahren war dieser Effekt noch bei der Hälfte der Patienten zu beobachten.“

Um aber den tatsächlichen Erfolg für den Diabetes deutlich zu machen, wäre es entscheidend gewesen zu erklären, ob und wie stark die Zuckererkrankung in der Kontrollgruppe (dort bei Behandlung mit Medikamenten und Lebensstiländerungen) zurückgegangen ist. Ohne diese Angabe, lassen sich Angaben wir „72 Prozent hatten eine Vollremission“ nicht einordnen.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Es gibt keine Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen der chirurgischen Verfahren.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es wird zwar in etwa deutlich, wie die Mediziner ihre Studie durchgeführt haben:

„Darin werden rund 4000 stark übergewichtige Patienten mit einem Body-Mass-Index (…) von weit über 30 seit 1987 beobachtet. Etwa die Hälfte von ihnen wurde operiert, zum Beispiel mit Magenband oder Magenbypass. Die andere Hälfte bekam eine normale Therapie mit Lebensstiländerungen und medikamentöser Behandlung der Begleiterkrankungen.“

Es fehlt aber zum Beispiel die wichtige Informationen, ob die Probanden zufällig (randomisiert) auf die beiden Gruppen verteilt wurden oder nicht, was eine Verzerrung der Ergebnisse verhindern soll. Eine kurze Einschätzung zur Aussagekraft der Studie hätte Lesern verdeutlicht, wie aussagekräftig die Studie ist.

Zudem hätten wir einen einschränkenden Hinweis wichtig gefunden, dass ein Konferenzbericht nicht den gleichen Stellenwert hat wie ein begutachteter Fachartikel. Konferenzberichte sind oft vorläufig, bei ihnen kann sich noch manches Ergebnis auf dem Weg zum Fachartikel noch relativieren.

Alles in allem werten wir daher knapp „nicht erfüllt“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Die beiden im Artikel zitierten Experten (eine Ernährungsexpertin und der Kongresspräsident) sind mit ihren Zitaten der Pressemitteilung einer Fachorganisation entnommen; damit erscheint die Unabhängigkeit ihrer Aussagen zumindest fragwürdig. Die Fachorganisation setzt sich dafür ein, die „operativen Verfahren (…) endlich in den Leistungskatalog der deutschen gesetzlichen Krankenversicherungen aufzunehmen“.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Text basiert inklusive der Zitate der beiden Experten offenbar überwiegend auf der Pressemitteilung des Fachverbandes.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Aus dem Kontext wird ersichtlich, dass die Verfahren nicht mehr ganz neu sind, sondern durchaus seit ein paar Jahren angewendet werden (Beschreibung der Studie: „Dabei zeigte sich, dass Patienten der chirurgischen Gruppe nach zehn Jahren etwa 19,2 Kilogramm Körpergewicht verloren hatten.“). Auch die angeführte Diskussion um die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen verdeutlicht dies.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Im Artikel werden Behandlungsoptionen wie Lebenstiländerung und „Insulin spritzen“ angesprochen.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Dass die Finanzierung durch die Krankenkasse erwähnt wird, lässt den Schluss zu, dass die Therapie bereits verfügbar ist. Es erscheint auch klar, dass eine Operation nicht beim Hausarzt durchgeführt wird. Daher halten wir es nicht für unbedingt notwendig, dies in diesem Rahmen genauer zu erklären.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Über die Aussage eines der Experten wird auch die Kostenproblematik angesprochen. Zwar werden keine Zahlen genannt, aber dass der Patient unter Umständen dazu zahlen muss, wird deutlich. Daher betrachten wir das Kriterium formal als „erfüllt“, allerdings nur knapp. Denn bei diesem Punkt wären weitere Informationen wichtig, die nicht von der Fachorganisation stammen, und die erklären, wie die Krankenkassen bzw. der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) die Situation sehen, und wie die Zusagerate der Kostenübernahme tatsächlich aussieht.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Eine Übertreibung von Diabetes und Übergewicht findet nicht statt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Der Artikel erschien einen Tag nach der Konferenz und ist damit aktuell. Das Thema ist zudem relevant, da Diabetes bei schwergewichtigen Menschen ein bedeutendes Problem darstellt.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag ist eine stark gekürzte Version einer Pressemitteilung, eine journalistische Umsetzung findet praktisch nicht statt. Der Beitrag ist insgesamt recht nachrichtlich gehalten. Die W-Fragen werden soweit nötig abgeklärt.

Es gibt einige Stellen, die man den Lesern besser hätte darstellen und erklären können. Schon der Einstieg „Spritze statt Skalpell?“ hätte unserem Verständnis nach genau umgekehrt formuliert werden müssen: Denn es geht ja um die Frage, ob der chirurgische Eingriff eine Alternative zur etablierten Behandlung mit Insulinspritze sein kann und nicht umgekehrt.

Die Aussagen der beiden Experten halten wir für wenig hilfreich. Das Zitat der Ernährungsexpertin zur Ernährung ist sehr allgemein gehalten und auch etwas missverständlich. Es wird nicht deutlich, ob die Ernährung weiterhin wichtig im Sinne einer antidiabetischen Ernährung ist, oder die OP-Folgen auffangen soll. Die kurze Aussage des Kongresspräsidenten ist lediglich eine allgemeine Forderung. In beiden Fällen wären einige einordnende Worte oder Nachfragen notwendig gewesen.

Ausdrücke wie „Magenband“ und „Magenbypass“ werden nicht erklärt. Schließlich wären Angaben zum tatsächlichen Gewicht der Probanden anschaulicher gewesen (es wird nur der BMI genannt). Dann hätte man den Verlust von fast zwanzig Kilogramm besser einordnen können. Zugleich wäre viel deutlicher geworden, dass es sich um „stark übergewichtige“ Menschen handelt (dies wird nur einmal kurz erwähnt), und nicht um Menschen, die mit etwas Übergewicht kämpfen.

Alles in allem werten wir daher „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Faktenfehler aufgefallen.


Anmerkung: Aufgrund der deutlichen Mängel in der journalistischen Umsetzung werten wir das Gesamtergebnis um einen Stern ab.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 5 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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