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„Videospiele lindern Sehschwäche“

„Videospiele lindern Sehschwäche“

Eine kleine Studie liefert erste Hinweise, dass eine Therapie mit Videospielen die Folgen einer angeborenen Sehschwäche lindern könnte. Der Beitrag darüber stellt die Ergebnisse teilweise übertrieben dar und fordert im Vorspann zum Selbstversuch auf, obwohl die Mediziner genau davor warnen.

Zusammenfassung

Eine kleine, experimentelle Studie an Erwachsenen mit einer einseitigen Sehschwäche (Amblyopie) liefert laut den zitierten Medizinern erstmals Hinweise, dass die Augenerkrankung mit Videospielen gelindert werden kann. Dies wäre eine wichtige Entdeckung, da die angeborene Erkrankung bisher nur im Kindesalter mittels spezieller Übungen und einer Augenklappe (Okklusion) erfolgreich behandelt wird.

Der Beitrag darüber bietet weniger Informationen als die entsprechende Pressemitteilung: Der mögliche Nutzen wird nur allgemein beschrieben, es wird zu wenig auf die Vorläufigkeit der Ergebnisse hingewiesen. Stattdessen entsteht an einigen Stellen der Eindruck, es sei bereits klar, dass Videospiele Amblyopie lindern kann. Deutlich wird, dass es sich um einen neuen Ansatz handelt, der möglicherweise weniger belastend für Kinder wäre als die etablierte Methode. Problematisch ist, dass Betroffene im Vorspann zum Selbstversuch aufgefordert werden, obwohl am Ende des Artikels extra davor gewarnt wird.


Hinweis: Der von uns bewertete Artikel der Rhein-Zeitung basiert auf einem Artikel der Nachrichtenagentur Wissenschaft-Aktuell, der teilweise gekürzt wurde. Unsere Bewertung bezieht sich nur auf diese durch die Redaktion bearbeitete Artikelversion der Rhein-Zeitung.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Sowohl in der Überschrift als auch im ersten Absatz des Beitrags wird zwar behauptet, dass die experimentell untersuchte „Videospiel-Therapie“ gegen „Schwachsichtigkeit helfe“, das Ausmaß der Verbesserung wird jedoch im Text nicht genauer beschrieben, sondern nur zweimal lediglich mit dem dehnbaren Adjektiv „merklich“ beschrieben: „Rund 40 Stunden Spiel stärken das schwache Auge merklich“ und  „ (…) erzielten schon nach relativ kurzer Zeit merkliche Verbesserungen der Sehfähigkeit“.

Die Leser bekommen auch keine Vergleichsgrößen und somit auch keine wirkliche Vorstellung vom Nutzen der – immerhin zeitintensiven – Übungen. Es wird auch nicht erklärt, ob diese Verbesserung bei allen Probanden im gleichen Maße  ausfiel, oder ob es vereinzelte Probanden gab, bei denen dies besonders gut gelang, während andere womöglich überhaupt nicht auf die Therapie ansprachen. Durch die Art der Darstellung wird nahegelegt, dass es sich um eine deutliche Verbesserung handle. Da ferner nicht verständlich erklärt wird, wie sich die Sehschwäche äußert, wird auch nicht klar, welche Aspekte sich verbesserten (Schärfe, Helligkeit, Kontraste, räumliches Sehen usw.).

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Es wird zumindest thematisiert, dass die etablierte Therapie mit der Augenklappe für Kinder oft eine Belastung sein kann, was bei einem Videospiel nicht zu erwarten sei. Da in der Studie Risiken und Nebenwirkungen von Videospielen auch nicht nicht untersucht werden, halten wir den Aspekt daher für noch ausreichend angesprochen. Der Hinweis, dass Actionspiele, bei denen geschossen wird, auch für 5-jährige Kinder mit Amblyopie wenig geeignet sind, wäre im Artikel ein durchaus sinnvoller Hinweis gewesen.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Der Beitrag erklärt lediglich, dass es sich bei der Untersuchung  um „eine kleine Pilotstudie“ handelte, und es wird erwähnt, dass erst noch „in größerem Umfang“ weiter geforscht werden soll. Die Probandenzahl von insgesamt 40 Personen wird genannt, und dass 20 von ihnen in der Videospiel-Gruppe waren. Unserer Einschätzung nach reicht dies aber nicht aus, damit Lesern deutlich wird, wie vorläufig die Ergebnisse sind. Deutlichere Aussagen bezüglich der Beschränktheit der Studie und mehr Zurückhaltung in den Aussagen zum Therapieerfolg wären hier wichtig gewesen.

Wir werten daher insgesamt knapp „nicht erfüllt“.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es werden lediglich zwei Autoren der Studie zitiert – mit denselben Aussagen, die auch in der entsprechenden Pressemitteilung zu lesen sind.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Beitrag geht nicht über die Pressemitteilung hinaus, sondern bleibt an einigen Stellen sogar hinter ihr zurück. Während der Pressetext die Hintergründe, Grenzen und Perspektiven der Studie gut zusammenfasst, ist der Beitrag nur eine stark verkürzte Zusammenfassung dieser Mitteilung.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird nicht explizit erklärt, aber aus dem Kontext können Leser schließen, dass dies ein neuer Ansatz ist, etwa durch Begriffe wie „Pilotstudie“. Auch dass nun größere Studien geplant sind, ist ein Hinweis, dass man erst am Anfang der Forschung in diesem Bereich ist.  Daher werten wir „knapp“ erfüllt“. Hilfreicher wäre die kurze Erklärung gewesen, dass diese Studie die erste ist, die Hinweise dafür liefert, dass mit Videospielen Ambloypie gelindert werden könnte.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird zwar deutlich, dass die etablierte Option bei Kindern, die Okklusion und bestimmte Übungen umfasst. Diese seien jedoch eher langweilig, was es anstrengend macht, bei der Sache zu bleiben und somit den Therapieerfolg schmälern kann. Es wird auch deutlich, dass es bisher für Erwachsene eigentlich keine Therapie gibt, die zu einer Verbesserung führt.

Daher werten wir knapp „erfüllt“.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Die Verfügbarkeit von Videospielen muss nicht näher erklärt werden. Daher werten wir „erfüllt“.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Da es sich um eine frühe Phase der Erforschung handelt, und nicht klar ist, wie und in welcher Form die Therapie eingesetzt werden wird, wenden wir dieses Kriterium hier nicht an.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Amblyopie wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Thema ist aktuell, der Anlass ist eine gerade veröffentlichte Studie. Relevant ist das Ergebnis, da es bisher noch keine Therapie für Erwachsene mit dieser Sehschwäche gibt. Daher werten wir „erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Beitrag fasst im Grunde nur die englische Pressemitteilung zusammen, eine journalistische Umsetzung ist kaum erkennbar. Durch die Zusammenfassung und die redaktionelle Überarbeitung des Agenturtextes gehen für das Verständnis wichtige Teile verloren, weil wesentliche Zusammenhänge im Text gekürzt wurden. Daher werten wir „nicht erfüllt“.

So fehlt z.B. die Erklärung, was eigentlich eine Amblyopie ist, sie wird lediglich als „Schwachsichtigkeit“ beschrieben (im ursprünglichen Agenturtext wird dies am Ende der Meldung indes erläutert). Die Leser müssen sich vieles selbst erklären –  angefangen davon, dass es sich um eine Sehschwäche auf nur einem Auge handelt, oder wie die gängige Okklusionsbehandlung im Kindesalter funktioniert. Als Einstieg dient eine viel zu starke und daher reißerische Aussage, die aufgrund der kleinen Studie so nicht haltbar ist: „Gegen Schwachsichtigkeit kann eine ungewöhnliche Therapie helfen, und das sogar noch im Erwachsenenalter: Videospiele.“ Wenn dies tatsächlich so wäre, benötigte  man auch keine größeren Studien mehr.

Die Erklärungen im weiteren Text sind zu knapp und schwer verständlich geschrieben; so wird die Wirkung „spezieller Übungen“ (im Vergleich zum Videospiel) wie folgt beschrieben: „Außerdem helfen sie nur für jeweils ganz bestimmte angesprochene optische Reize – zum Beispiel horizontale Linien. Andere Aspekte – in diesem Fall etwa vertikale Linien – bleiben unbeeinflusst.“ Die Beschreibung ist sehr abstrakt, es bleibt unklar, worum es sich bei den „Linien“ handelt und wofür diese „Aspekte“ gut sein sollen.

Am Ende des Beitrags geht es übergangslos vom Effekt bei Erwachsenen um die Frage, wie Videospiele bei Kindern wirken würden, obwohl dies gar nicht untersucht wurde.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Der Artikel steigt mit einem schwerwiegendem – offenbar redaktionellem Fehler – im Vorspann in den Text ein: Dort heißt es: „Forscher ermuntern zum Selbsttest“, obwohl am Ende des Artikels ausdrücklich davor gewarnt wird: „Und Li rät ausdrücklich vom Selbstversuch ab: „Man muss definitiv mit seinem Augenarzt zusammenarbeiten.“ Damit ermuntert der Artikel vor allem flüchtige Leser anzunehmen, die Sehschwäche könne man mit Videospielen lindern. Im ursprünglichen Agenturtext gibt es diesen Vorspann nicht. Da dies ein gravierender Fehler ist, werten wir dieses Kriterium als „nicht erfüllt“.


Aufgrund deutlicher Mängel in den allgemeinjournalistischen Kriterien werten wir um einen Stern ab.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 5 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 1 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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