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„Schonende Krebsvorsorge mit neuer Untersuchungs-Methode“

„Schonende Krebsvorsorge mit neuer Untersuchungs-Methode“

Eine Lokalseite berichtet über neu eingeführte OP-Techniken für die Darmspiegelung im örtlichen Krankenhaus. Sie bieten laut Artikel nur Vorteile, diese werden aber lediglich ungenau beschrieben und nicht belegt.

Zusammenfassung

Dies ist ein weiterer der inzwischen zahlreich bewerteten Artikel, in denen eine Regionalzeitung neue Technologien eines regionalen Krankenhauses vorstellt. In diesem Fall geht es um den Einsatz von Kohlendioxid statt Raumluft, um den Darm für eine Darmspiegelung (Koloskopie) aufzublähen – und um eine Methode namens Hybrid-Knife, mit der Darmpolypen entfernt werden.

Wie schon bei früheren Beiträgen, lässt auch dieser Text einiges an wichtigen Informationen vermissen. Die einzige Quelle ist ein Mediziner des Krankenhauses, das die Technologie eingeführt hat. Angabe zum möglichen Nutzen werden nur allgemein beschrieben, es fehlt jegliche Quantifizierung. Es wird ausschließlich über Vorteile der Systeme gesprochen, wobei Informationen dazu fehlen, wie gut die Aussagen durch Studien belegt sind. Zumindest wird in diesem Beitrag jedoch deutlich, wie verbreitet das System in der Region ist, und dass es zwar in diesem Krankenhaus neu ist, die Technologie selbst aber schon seit Jahren international genutzt wird.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen der Kohlendioxid-Koloskopie wir nur kurz und allgemein dargestellt (z.B. „weniger Spannungsgefühl und weniger Schmerzen“). Es gibt allerdings keinerlei Quantifizierung. Damit wird nicht deutlich, in welchem Ausmaß etwa Schmerzen oder Spannungen abnehmen. Auch zur dargestellten „Hybrid-Knife“-Methode gibt es keine genaueren Angaben – außer dass es das großflächige Abtragen von Polypen für den Arzt erleichtern soll. Es wird weder erklärt, was dies genau bedeutet, noch die Verbesserung quantifiziert. Ebenso wenig, wird deutlich, was diese Erleichterung für den Arzt konkret für den Patienten bringt. So könnte man etwa die Frage stellen, ob durch diese Methode die Zahl der Blutungen sinkt, wenn Polypen abgetragen werden oder, ob mehr Krebstumoren aufgespürt werden.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Zu möglichen Nebenwirkung der Kohlendioxid-Koloskopie erfährt der Leser (wie schon im Kriterium Nutzen dargestellt), dass Spannungsgefühle und Schmerzen schneller verschwinden als bei Raumluft. Eine Patientin erklärte, laut dem befragten Arzt, sie habe gar nicht bemerkt, dass eine  Spiegelung bei ihr schon durchgeführt worden sei ­– was ein Beleg dafür sein soll, dass das Verfahren sanft ist (siehe aber auch Kriterium Belege). Außerdem wird kurz erwähnt, dass Patienten mit Lungenerkrankungen nicht mit der Kohlendioxid-Koloskopie behandelt werden sollten. Über Risiken und Nebenwirkungen des Hybrid-Knife erfahren Leser hingegen nur, dass sie für Patienten „schmerzfrei“ sei. Da es sich bei diesem Verfahren um einen operativen Eingriff handelt, wäre es allerdings wichtig gewesen, Lesern deutlich mehr Informationen zu Risiken dieser Methode zu geben – etwa wie es mit Blutungen nach Entfernen der Polypen aussieht. Da dies nicht der Fall ist, werten wir „nicht erfüllt“.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es gibt keine Informationen, wie gut die beiden vorgestellten Systeme in Studien untersucht sind. Es wird lediglich darauf verwiesen, was der Mediziner des Krankenhauses sagt, dass er „voll des Lobes“ für die Kohlendioxidmethode nach den ersten 100 behandelten Patienten ist. Diese persönlichen Eindrücke können mit Einschränkungen hilfreich sein, ersetzen aber keine Ergebnisse aus unabhängigen kontrollierten Studien. Auch weist der Text nicht auf die beschränkte Aussagekraft einer reinen Expertenmeinung hin, was auch für die Aussage der Patientin gilt (siehe Kriterium Risiken).

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird lediglich ein Mediziner des Krankenhauses zitiert, in dem das neue System eingesetzt wird.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Wir haben dazu keine Pressemitteilung gefunden.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Es wird einerseits deutlich, dass das System neu am Klinikum eingesetzt wird. Deutlich wird aber auch, dass es keine völlig neue Technologie ist, denn es heißt, „Die Techniken der Kohlendioxid-Koloskopie und des Hybrid-Knifes werden in den USA und in Kanada bereits seit mehreren Jahren erfolgreich eingesetzt.“

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird einerseits deutlich, dass Kohlendioxid eine Option zur etablierten Methode ist (bei der Raumluft genutzt wird), und gegenüber der sie einige Vorteile bietet. Wir werten allerdings nur knapp erfüllt, weil dieser Vergleich für das Hybrid-Knife, dem insgesamt nur ein Absatz gewidmet wird, im Grunde fehlt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Die für eine Lokalseite nötigen Informationen werden genannt: „In Nordrhein-Westfalen ist das Klinikum Niederberg in Velbert nach einer Klinik in Köln erst das zweite Krankenhaus, das diese Geräte nutzt.“

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Auf Kosten für die beiden Verfahren wird nicht eingegangen. Es heißt nur indirekt: „Ein Anrecht auf die Krebsvorsorgeuntersuchung haben Männer und Frauen ab 55.“ Dies könnte man als Hinweis verstehen, dass sich das ‚Anrecht‘ auf die Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse bezieht. Ob für Patienten aber Kosten entstehen, wenn die Darmspiegelung aus anderem Grund vorgenommen werden soll, darüber erfahren Leser nichts.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Es sind keine Hinweise für Übertreibung im Zusammenhang mit Darmkrebs erkennbar.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Die ersten Erfahrungen einer neuen Technologie im örtlichen Krankenhaus können auf einer Lokalseite durchaus ein relevantes und aktuelles Thema sein – zumal bei einem Eingriff wie der Darmspiegelung. Daher werten wir „erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text hat sprachlich und auch vom Aufbau her einige Schwächen. Der Einstiegssatz ist deutlich zu lang und schreckt Leser mit einem Fremdwort („Karzinom“) vom Weiterlesen ab. Im nächsten Satz geht es dann gleich mit „CO2-Coloskopie“ und „Hybrid-Knife“ weiter, unter dem sich viele Leser zunächst gar nichts vorstellen können. Später folgen Begriffe aus dem Ärzte-Jargon „abatmen“ und „unterspritzen“. Der wichtige Begriff „Polypen“ wird mehrfach verwendet, aber nicht erklärt.

Es hätte womöglich geholfen, den Leser zunächst in das grundsätzliche Problem der Krebsvorsorgeuntersuchungen einzuführen und sich dann näher mit den „neuen“ Techniken zu beschäftigen. Insgesamt fehlt dem Beitrag jegliche journalistisch-skeptische Distanz. Positiv ist der Versuch, die Technik der Darmspiegelung, die ein „Aufblasen“ des Darms erfordert, zu verdeutlichen. Aber dass der Dickdarm „wie ein Ballon aufgeblasen werden [muss], damit der Arzt auf seinem Monitor den Zustand der inneren Darmwand erkennen und beurteilen kann“, ist nicht unbedingt das beste Bild, da ein Ballon rund und groß aufgeblasen wird (hier wäre ein Bild  wie etwa „wie ein Fahrradschlauch“ passender).

Insgesamt fallen die Erklärungen zum Hybrid-Knife zu spärlich aus. Es wird nicht mal erklärt, was der englische Begriff bedeutet, und warum diese Technik so genannt wird.

Trotz der vereinzelt positiven Ansätze werten wir dieses Kriterium alles in allem als „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns ist ein durchaus  bedeutsamer Fehler bzw. zumindest sehr missverständliche Darstellung aufgefallen. Im Text heißt es: „(…) das Hybrid-Knife erleichtert dem Arzt im Dickdarm das großflächige Abtragen von Polypen ohne Operation.“ Warum dies „ohne Operation“ vonstatten gehen soll, bleibt unklar. Vermutlich ist eine offene Operation gemeint, die aber bei der normalen Darmkrebsvorsorge ebenfalls nicht erforderlich ist, da Polypen schon direkt während der Darmspiegelung entfernt werden können. Dies ist aber ein operativer Eingriff. Da uns ansonsten keine gravierenden Faktenfehler aufgefallen sind, werten wir dennoch „knapp erfüllt“.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 4 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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