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„Töne geben Kranken neue Kraft“

„Töne geben Kranken neue Kraft“

Der Beitrag berichtet ausführlich über den Einsatz der Musiktherapie in der Medizin. Ein Haupttext, ein Interview und ein Infokasten bieten viel Raum für Informationen – doch in wichtigen Punkten bleibt er nur an der Oberfläche.

Zusammenfassung

Die Musiktherapie gilt als sanfte Hilfe oder zumindest Unterstützung bei vielen gesundheitlichen Problemen, vom Burn-out bis zur Krebstherapie. Dieser Artikel widmet sich ausführlich dem Thema, ergänzt durch ein Interview und einen Infokasten. Es wird deutlich, in welchen Bereichen Musiktherapie eingesetzt wird, dass sie weit verbreitet ist und was sie kostet. Bei anderen Punkten, liefert der Text indes wenig konkrete Informationen.

Die Aussagen zum Nutzen bleiben nur allgemein, zu den Nebenwirkungen warnt der Experte zwar davor, Musiktherapie als „unschädliche Wunderarznei“ ab zu tun, wie es um Risiken und Nebenwirkungen konkret bestellt ist, erfahren die Leser dann aber nicht; ebenso wenig, wie gut die Aussagen zur Therapierichtung durch Studien belegt sind. Insgesamt liefert der Artikel kaum Kritik, was auch daran liegt, dass kein Experte präsentiert wird, der sich kritisch mit den Aussagen des Hauptexperten auseinandersetzt.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der Nutzen wird nur allgemein beschrieben. In der Überschrift liest man etwa, dass „Töne neue Kraft geben“, im Fließtext dann, dass Musik „viel bewirken kann“, „die Psyche beeinflusst“ oder die „Selbstheilungskräfte“ aufdecke und steuere. Es heißt auch: „Heute wird neben der Onkologie die Musik in allen Bereichen der Therapie und Medizin eingesetzt. Bei Herzinfarktpatienten, Tinnitus, Burn-out, Depression, Borderline, Trauma bedingten Störungen, Schlaganfall, Schmerzpatienten, Migräne, Aphasie, Autismus, Intensiv- und Palliativmedizin.“ Das suggeriert, dass Musiktherapie in all diesen Bereichen einen medizinischen Nutzen erbringt.

Was dies aber konkret bedeutet oder bedeuten kann, wird nicht beschrieben, weil das Ausmaß des therapeutischen Nutzens in keinem Fall quantifiziert wird (z.B. Wie weit geht Schmerz in einer Schmerztherapie mit musiktherapeutischen Maßnahmen zurück? Ist dieser Rückgang so groß, dass er klinisch relevant ist?).

Lediglich an einer einzigen Stelle (im Interview) gibt es eine konkrete Aussage, was Musiktherapie leisten könne. Dort heißt es, dass die gegebenen Anästhetika durch Musiktherapie um 70 Prozent gesenkt werden können (gemeint ist offenbar die Menge). Allerdings wird nicht deutlich, ob dies für jede Art von Operation gilt oder nur für bestimmte Formen. Was dies letztlich für die Gesundung der Patienten bedeutet, erfahren die Leser allerdings nicht.

Alles in allem werten wir daher „nicht erfüllt“.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Zu Beginn des ersten Absatzes erklärt der maßgebliche Experte des Beitrags zwar, dass Musik eben nicht eine „unschädliche Wunderarznei in Noten“ sei. Das ist bei einer als „sanft“ wahrgenommenen Therapierichtung ein wichtiger Hinweis. Ob und wie Musiktherapie aber im therapeutischen Fall tatsächlich auch schaden könnte, erklärt der Text dann leider nicht. Sollte sie kaum Nebenwirkungen haben, wäre es durchaus sinnvoll gewesen, zu erklären, dass dies ein Vorteil der Musiktherapie gegenüber anderen Therapien ist.

Im Interview geht der befragte Experte lediglich auf die möglichen (negativen) Effekte von Musik im Allgemeinen ein (Zitat): „So beschleunigt schnelle Musik den Kreislauf, verändert Blutdruck, Herzrhythmus, Atmung sowie alle EKG-und tomografischen Ergebnisse. Heavy Metal und Techno können tranceartige Zustände hervorrufen und in einem Rhythmus gegen den Herzschlag sogar bis zum Tod führen.“ Ob dies im Fall einer Therapie eine Rolle spielt, wird ebenfalls nicht deutlich.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es wird einzig auf die vielen Fallbeispiele des zitierten Experten verwiesen und die mehrfach übersetzten Bücher, die dieser geschrieben hat. Auf konkrete (neuere) Untersuchungen wird nicht verwiesen. Wie gut die Studienlage ist (und wie aussagekräftig die Studien sind) erfahren die Leser nicht.

Ein Blick in die Übersichtsstudien der Cochrane Collaboration hätte hier gezeigt, dass es durchaus Studien zu einer Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten der Musiktherapie gibt, dass die Effekte aber zum Teil nur gering ausfallen und die Qualität oft nicht ausreicht, um ein abschließendes Urteil zu geben.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Bis auf zwei kurze Statements stammen sämtliche Informationen und das Interview von einem einzigen Experten, der zwar mehrfach als ausgewiesener Experte beschrieben wird, aber im Grunde als Hauptquelle für fast alle Aussagen zur Musiktherapie in der Medizin herhalten muss („Prof. Decker-Voigt, einer der bekanntesten Fachautoren mit Übersetzungen in 14 Sprachen. (…) forschte mehr als 22 Jahre an fünf Kliniken und hat weit mehr als 2000 Patienten behandelt“.) Ergänzt werden diese Aussagen nur kurz von einem anderen Musiktherapeuten, der allerdings keine Einschätzung abgibt, sondern erklärt, um was es bei der Musiktherapie aus psychosomatischer Sicht geht.

Eine Sichtweise von außen liefert lediglich ein im Artikel unvermittelt aufgeführter Hirnforscher, der in einem einzigen Satz nur positives zum Thema Singen als Therapie zu sagen hat. Woher er stammt, und ob er zum Thema geforscht hat, wird nicht deutlich. Er verschwindet im Artikel genau so unvermittelt wie er mit seiner Aussage auftaucht.

Alles in allem werten wir daher knapp „nicht erfüllt“, weil der Artikel im Grunde nur die Aussagen des Hauptexperten wieder gibt, und keine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema erkennbar ist. So hätte ein geeigneter Experte   sicher etwas dazu sagen können, wie gut all die Aussagen zum vermeintlichen Nutzen der Musiktherapie durch Studien belegt sind. Damit würde auch klar, wie berechtigt der Vorwurf des Hauptexperten ist, dass Musiktherapie endlich von den Krankenkassen bezahlt werden sollte.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Dazu haben wir keine Pressemitteilung gefunden, insgesamt macht der Beitrag aber nicht den Eindruck, dass eine Pressemitteilung als einzige Quelle gedient hätte. Daher werten wir „erfüllt“.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Dass die Musiktherapie vor 50 Jahren entwickelt wurde, wird erklärt, ebenso die weitere Entwicklung des Ansatzes, so dass ausreichend deutlich wird, dass es sich um eine bereits bekannte Therapie handelt: „Vor rund 50 Jahren entwickelte sich die Musiktherapie zunächst im Umgang mit behinderten Menschen sowie in Psychiatrie und Psychosomatik.“

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es werden keine anderen Therapien – auch nicht beispielhaft – im Vergleich vorgestellt, sodass deutlich wird, wo Musiktherapie besondere Vorteile bietet oder Nachteile hat.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Hierzu gibt es eine hinreichende Aussage: „(…) der täglichen Arbeit von bundesweit 3000 diplomierten Therapeuten an insgesamt 800 der rund 1000 Kliniken (…)“. Zudem wird durch Aussagen im Text und der Bildunterschrift deutlich, wo Musiktherapie beispielsweise in der Region, in der die Zeitung erschienen, als Therapie genutzt werden.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Im Interview erfährt der Leser, dass Krankenkassen eine Musiktherapie derzeit noch nicht erstatten. Dieser Hinweis wird ergänzt mit dem Hinweis, dass langsam eine Änderung eintritt und erste Kassen die Behandlungskosten übernehmen. Der Leser erfährt zudem, dass die Kosten pro Sitzung je nach Berufserfahrung des Therapeuten zwischen 30 und 65 Euro liegen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Da es hier nicht um eine konkrete Krankheit geht, wenden wir dieses Kriterium nicht an.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Das Stück bezieht sich – jedenfalls ist es nicht erkennbar – auf keinen aktuellen Anlass. Keine neue Studie, kein neu eröffnetes Therapiezentrum oder ein Kongress der Musiktherapeuten. Dennoch ist das Thema interessant, da sicher jeder Leser ganz eigne Assoziationen mit einer solchen Behandlung verbindet. Damit gehört das Thema eher in die Kategorie „ungewöhnliche Therapien“. Angesichts des fehlenden Anlasses, werten wir nur knapp „erfüllt“.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Das Thema „Musiktherapie“ wird sehr umfassend behandelt: so gibt es einen allgemeinen Überblicksartikel, einen Infokasten und ein Interview. Der Hauptartikel führt interessant ins Thema mit einer Aussage, die zunächst überrascht und neugierig macht: „Wir arbeiten viel mit Stille.“

Der Haupttext bietet indes kaum harte Fakten, es wird vor allem beschrieben, in welcher Bereichen die Musiktherapie eingesetzt wird und was sie vermag ohne dabei konkret zu werden (siehe Kriterium Nutzen). Hier zeigt sich eine generelle Schwäche des Textes, weil der Beitrag sich mit unscharfen Begriffen wie „Kraft geben“, „Selbstheilungskräfte“ u.ä. zufrieden gibt, anstatt nachzuhaken und genauere Erklärungen einzufordern.

Der Infokasten erklärt kurz und verständlich zwei verschiedene Ausprägungen der Therapie. Nur im Interview sind konkrete Beispiele und Zahlen zu finden, wenn der befragte Professor etwa erklärt, was unter Musik-Einfluss möglich wird, wie viele Therapeuten es in Deutschland gibt, oder was eine Behandlung kostet.

Erschwert wird das Verständnis an zwei Stellen durch unerwartet Sprünge im Artikel: Im Fließtext tritt plötzlich ein Musiktherapeut in einem bis dahin unbenannten Krankenhaus auf. Wenig später wird ganz unvermittelt ein Hirnforscher zitiert, ohne das erklärt wird, wo er plötzlich her kommt, wer er ist, und was ihn zum Experten für das Thema macht (siehe Kriterium Experten).

Sprachlich gibt es einige weniger gelungene Passagen, etwa wenn abgegriffene Formulierungen verwendet werden (wenn der Patient auf „Tuchfühlung mit den Instrumenten“ gehen darf), schiefe Bilder (die Patientin, „die aktiv ihren Krebs gestaltet“) oder wenn Substantive mit unterschiedlichem Genus, Numerus und Kasus in eine Aufzählung gepackt werden: „(…) eingesetzt. Bei Herzinfarktpatienten, Tinnitus, Burn-out, Depression,…Schmerzpatienten, Intensiv – und Palliativmedizin.“). Zwischendurch taucht auch ein Satz auf, der eigentlich keiner ist: „Auch zur Aufdeckung und Steuerung der Selbstheilungskräfte.“ Gut getan hätte dem Artikel möglicherweise auch die konkrete Beschreibung einer Therapiesitzung oder die Erfahrung eines Patienten.

Abgesehen von den weniger gelungenen Stellen ist der Beitrag insgesamt aber durchaus gut lesbar und verständlich, sodass wir insgesamt knapp „erfüllt“ werten.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Fehler aufgefallen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 4 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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