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„Das könnte die Heilung sein“

„Das könnte die Heilung sein“

Für die Behandlung von Hepatitis C steht eine neue vielversprechende Generation von Medikamenten an. Dieser Artikel verdeutlicht dies auf nachvollziehbare Weise an der Geschichte eines Patienten, lässt aber Informationen zu den Studien vermissen.

Zusammenfassung

Der insgesamt lange Artikel berichtet von einer neuen Generation von Arzneimitteln (Boceprevir und Telaprevir) gegen Hepatitis C, die höhere Heilungschancen für Betroffene bringen sollen. Wie diese ausfallen, wird zwar nur kurz, aber noch ausreichend beschrieben. Vor allem wird deutlich, das diese zusätzlich zur etablierten Therapie verabreichten Medikamente auch zusätzliche Nebenwirkungen bedeuten. Die Verfügbarkeit und auch die Kosten werden erklärt. Praktisch keine Informationen erhalten Leser zu den Studien, auf denen all die Aussagen zu den neuen Wirkstoffen beruhen. Es wird auch nicht klar, dass diese firmenfinanziert waren. Der Text räumt der persönlichen Geschichte eines Betroffenen viel Raum ein; dadurch wird der Kampf des Patienten mit dieser Krankheit und die Bedeutung der neuen Medikamente für Leser leichter verständlich.


Anmerkung: Die Autorin des bewerteten Artikels ist Gutachterin beim Medien-Doktor. Die Gutachter wussten dies zum Zeitpunkt der Begutachtung nicht.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der mögliche Nutzen der beiden neuen Medikamente wird ausreichend erklärt, auch wenn man es hätte anschaulicher und etwas ausführlicher machen können. Im Grunde werden die Ergebnisse dreier Studien in zwei Sätzen erklärt. Es wird klar, dass die neuen Mittel helfen, Hepatitis C zu heilen, und zwar bei deutlich mehr Menschen als mit der Standardtherapie alleine. „Die Autoren berichten, statistisch gesehen, lasse sich die Heilungsrate durch den zusätzlichen Einsatz der neuen Wirkstoffe fast verdoppeln: Bei 75 Prozent aller zuvor unbehandelten Patienten verschwand die Infektion, in Fällen wie dem von Gerhard Prött immerhin bei zwei Dritteln. Die Therapiedauer konnte von einem Jahr auf sechs Monate oder weniger gesenkt werden.“ An anderer Stelle war zuvor der Erfolg der etablierten Therapie kurz beschrieben worden: „Wirksam ist die Therapie bei Patienten mit der bei Weitem häufigsten Variante des Virus nur in zwei von fünf Fällen.“ Damit wird nachvollziehbar, worauf sich die relative Angabe („fast verdoppeln“) bezieht.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Der Artikel geht ausführlich auf mögliche Nebenwirkungen ein. Dargestellt werden zunächst die unerwünschten Wirkungen der Standardbehandlung: „Die Behandlung hat unangenehme Nebenwirkungen Fieber, Schüttelfrost, auch das Blutbild kann sich verändern und dauert bis zu 72 Wochen“.

Es wird aber auch erwähnt, dass die neue Behandlung, eine Kombination der Standardtherapie mit einem Hemmstoff des Hepatitis-C-Enzyms Protease, auch zusätzliche Nebenwirkungen mit sich bringt: „Zu den altbekannten kamen Gliederschmerzen sowie eine von ihm nie gekannte Aggression. Außerdem verdarb ihm ein bleierner Geschmack im Mund jeglichen Appetit eine typische Folge der neuen Wirkstoffe. Dabei musste er doch mit jeder Mahlzeit mindestens 20 Gramm Fett aufnehmen. „Ich habe Zwangsessen praktiziert“, sagt Prött.

Wichtig wäre noch der Hinweis gewesen, dass es zu einer dramatischen Anämie (Blutarmut) kommen kann. Laut Studien benötigten neun Prozent der Patienten eine Bluttransfusion.

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Der Artikel erwähnt zwar Schlüsselpublikationen, die im März und Juni des Jahres im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden. Auf das Design der Studien geht der Artikel nicht ein. Er referiert lediglich die Ergebnisse. Es wird nicht deutlich, was genau, an wie vielen Personen, in welcher Form untersucht wurde.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es werden zwar insgesamt drei Mediziner namentlich zitiert, zwei davon stammen aber von der Medizinischen Hochschule Hannover, die eine von mehreren Studienzentren für die erwähnten Untersuchungen war. Der dritte Mediziner war offenbar nicht an den Studien beteiligt, kommt aber im insgesamt langen Artikel nur kurz zu Wort. Hinzu kommt: Es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass die Studien, auf die im Artikel verwiesen wird, firmenfinanziert waren.

Des weiteren heißt es im Text: „Nun aber sei bei der Bekämpfung der Leberinfektion eine „neue Ära“ angebrochen, versprechen selbst vorsichtige Mediziner.“ Wer diese vorsichtigen Mediziner sind, wird nicht erklärt. Damit werten wir das Kriterium als knapp „nicht erfüllt“.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Der Artikel geht deutlich über die Pressemitteilung hinaus.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Der Artikel macht mehrfach deutlich, dass es sich um neu entwickelte Medikamente handelt: „Nach der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA haben Ende Juli auch die Aufseher der European Medicines Agency (EMA) dem Medikament Boceprevir die Zulassung erteilt. Das Konkurrenzpräparat Telaprevir soll im September auf den deutschen Markt kommen.“

Es wird auch klar, dass es sich um ein neues Wirkprinzip gegen Hepatitis C Viren handelt. Der Artikel erwähnt zudem, dass weitere gezielt gegen das Virus wirkende Medikamente in der Entwicklung sind.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird deutlich, wie die etablierte Behandlung aussieht: „Bislang setzen Ärzte ein Wirkstoffduo ein: Interferon wird einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt, um die Immunantwort des Körpers zu verstärken. Zweimal täglich müssen die Patienten dazu den Polymerasehemmer Ribavirin schlucken, der die Vermehrung der Viren unterbindet.“ Erklärt wird auch, dass die neuen Mittel bislang nur in Kombination mit der etablierten Therapie eingesetzt werden kann.

Der Artikel erwähnt zudem, dass es – anders als bei der Hepatitis A und B – keine Schutzimpfung gegen das Virus gibt. Und er weist darauf hin, wie sich Infektionen vermeiden lassen (z.B. „ (…) Von ambulanter Tätowierung an ägyptischen Stränden oder in marokkanischen Urlaubsdomizilen ist dringend abzuraten.“).

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Der Artikel erwähnt, dass das Präparat „Boceprevir“ bereits europaweit zugelassen ist und „Telaprevir“ im September auf den Markt kommt.

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Der Artikel geht auf die Kosten ein: „Für die Krankenkassen aber dürfte sich diese rechnen: Bislang kostete die Standardbehandlung eines Hepatitis-C-Patienten rund 25000 Euro, dazu käme künftig der Preis für eines der beiden neuen Medikamente die Kosten einer 28-TageTherapie werden mit rund 4000 Euro angegeben. Künftig könnten dann teure Krebstherapien ebenso vermieden werden wie Transplantationen.“

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Hepatitis C wird nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Der Artikel nimmt den von der Weltgesundheitsorganisation ausgerufenen  „Welt-Hepatitis-Tag“ zum Anlass, die Fortschritte bei der Behandlung der Hepatitis C zu beschreiben. Das Thema ist wichtig, denn die im Artikel erwähnten Studien sind jenseits von Fachmedien bisher kaum zur Kenntnis genommen worden. Die Relevanz ergibt sich auch dadurch, dass es sich bei den neuen Mitteln um einen wichtige Entwicklungsschritt in der Behandlung von Hepatitis C handelt.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der gut strukturierte Artikel erzählt die Geschichte eines Mannes, der dreißig Jahre mit Hepatitis C infiziert war. Dank einer neuen Behandlung ist er jetzt geheilt. Dass diese neue Behandlung auch ihre unangenehmen Seiten hat, auch dafür findet der Protagonist klare Worte. Der Artikel referiert nicht, er veranschaulicht das Thema an einem Einzelschicksal – das macht einen Teil seiner guten Lesbarkeit aus. Diese Beschreibungen nehmen aber auch ein großen Teil des Textes ein, sodass einige Informationen zu kurz kommen (siehe Kriterium Qualität der Belege). Durchaus geschickt ist die Überleitung vom Einzelfall auf die Ergebnisse der Studie in nur einem Satz: „Nach fast 30 Jahren ist er geheilt. Jetzt berät er andere Hepatitis-Patienten. Dieser Erfolg lässt sich verallgemeinern, das zeigen mehrere große Studien (…).“

Der Artikel ist insgesamt sehr verständlich geschrieben. Ein Infokasten liefert die notwenigen Informationen zu Hepatitis C, die damit nicht im Fließtext erläutert werden müssen. Die Sätze sind in der Regel recht kurz. Nominalstil wird gemieden.  Auch komplizierte Sachverhalte – wie die Wirkweise der neuen Medikamente – sind weitgehend gut zu verstehen.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Fehler aufgefallen, daher werten wir das Kriterium als „erfüllt“. Wir haben lediglich zwei Ungenauigkeiten in dem insgesamt langen Artikel entdeckt. Im Artikel heißt es, das Hepatitis C Virus sei 1988 entdeckt worden. Die maßgebliche Beschreibung erfolgte aber erst im April 1989 im Fachmagazin Science (pdf).

Die Aussage: „In Deutschland wurde das Virus bei rund 500.000 Menschen festgestellt“ ist in dieser Form nicht korrekt. Die Zahl der sicheren Diagnosen ist sehr viel kleiner. Da das Virus aber lange unbemerkt bleiben kann, geht man von einer hohen Dunkelziffer aus und schätzt die Zahl der Infizierten auf 500.000. Auf die Unsicherheiten hinsichtlich der tatsächlichen Zahl der Infizierten wird im Beitrag aber deutlich hingewiesen.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 8 von 10 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 3 von 3 erfüllt


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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