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„Mit Magnetkraft auf sanftem Weg mitten ins Herz“

„Mit Magnetkraft auf sanftem Weg mitten ins Herz“

Ein Klinikum führt ein neues Kathetersystem ein, das bei Herzoperationen über Magneten ferngesteuert wird. Der Bericht darüber liest sich wie ein Werbetext für das Klinikum. Konkrete Informationen – etwa über Nutzen und Risiken der „Perle des Gefäßzentrums“ – erhalten die Leser nicht.

Zusammenfassung

Wenn Krankenhäuser neueste Technologien in ihren OP-Sälen einführen, dann berichten sie darüber gerne in der Öffentlichkeit. Regionalzeitungen nehmen solche Berichte über Neuanschaffungen immer wieder als Anlass für Artikel auf. So auch dieser Beitrag hier über eine neue Technologie, mit der ein Katheter bei Herzoperationen über ein Magnetsystem ferngesteuert wird.

Doch anstatt Lesern konkrete Informationen über den medizinischen Nutzen und Risiken und Nebenwirkungen zu liefern, hat der – insgesamt nicht sehr lange – Artikel mehr von einem PR-Text als einem journalistisch-kritischen (oder zumindest neutral gehaltenen) Beitrag. Die neue Kathetertechnologie wird überschwänglich als „Perle des Gefäßzentrums“ beschrieben. Ob die „sanfte und sichere“ Technik in medizinischen Studien untersucht wurde, erfahren die Leser nicht. Einzige Quelle war das Krankenhaus und der verantwortliche Mediziner. Ein ernsthafter Vergleich mit der klassischen Kathetermethode findet nicht statt. Ob durch die neue Technik Kosten für die Pateinten entstehen, wird ebenfalls nicht erklärt. Die Presseabteilung des Krankenhauses hätte den Text kaum besser schreiben können.

Medizinjournalistische Kriterien

1. Der NUTZEN ist ausreichend und verständlich dargestellt.

Der medizinische Nutzen wird nur allgemein dargestellt, zum Beispiel: „Herzrhythmusstörungen können (…) jetzt noch schonender und sicherer behandelt werden.“ An anderer Stelle heißt es zwar etwas konkreter: „Zudem sind die Patienten jetzt nur noch fünf statt 30 Minuten lang Röntgenstrahlen ausgesetzt.“ Warum dies so ist, wird allerdings nicht deutlich. Genauere Angaben dazu, ob sich beispielsweise die Operationszeit durch das Verfahren verkürzt, oder ob die Zahl erfolgreicher Operationen steigt, wird nicht erklärt.

2. RISIKEN und Nebenwirkungen werden angemessen berücksichtigt.

Auch hier gibt es keine konkreten Angaben, da nur pauschal von „sanfter und sicherer“ gesprochen wird. Wenn dies einer der Vorteile des Verfahrens ist, sollten Leser zumindest erfahren, was dies genau  bedeutet. Welche für Kathetereinsätze typischen Risiken und Nebenwirkungen werden auf welche Weise (und in welchem Umfang) verringert?

3. Die Qualität der Evidenz (STUDIEN etc.) wird richtig eingeordnet.

Es gibt keinerlei Informationen, ob und in welcher Form das System in Studien untersucht wurde.

4. Es werden weitere EXPERTEN/Quellen zitiert und es wird auf INTERESSENSKONFLIKTE hingewiesen.

Es wird lediglich ein Arzt des Krankenhauses zitiert, der das neue System einsetzt.

5. Der Beitrag geht über die PRESSEMITTEILUNG hinaus.

Wir haben keine Pressemitteilung dazu gefunden. Da wir in diesem Fall nicht entscheiden können, ob eine Pressemitteilung die überwiegende Quelle des Textes war, wenden wir dieses Kriterium nicht an.

6. Der Beitrag macht klar, wie NEU der Ansatz/das Mittel wirklich ist.

Dass das System neu im vorgestellten Krankenhaus ist, wird zwar deutlich. Wie lange es ein solches System aber überhaupt schon gibt, dazu liefert der Text keine Informationen. Bereits 2006 berichtete jedenfalls die Firma Siemens über ihr System.

7. Es werden ALTERNATIVE Behandlungsarten/Produkte/Tests vorgestellt.

Es wird zwar deutlich, dass die Führung des Katheters durch Magneten eine Alternative zur bisherigen Methode per Hand ist. Beide Verfahren werden aber nur sehr oberflächlich verglichen, und es werden lediglich Vorteile des Magnetsystems beschrieben. Ein ernsthafter Vergleich der beiden Verfahren ist das nicht. Daher werten wir „nicht erfüllt“. Ob es andere Verfahren gibt, wird nicht erklärt.

8. Es wird klar, ob oder wann ein(e) Therapie/Produkt/Test VERFÜGBAR ist.

Die Verfügbarkeit wird für eine Regionalzeitung ausreichend deutlich: „Jetzt verfügt er hier mit seinen Kollegen über die neueste Errungenschaft seiner Disziplin: einen Magnetnavigator, wie es ihn derzeit in Bayern nur noch in München gibt.“

9. Der Beitrag geht (angemessen) auf die KOSTEN ein.

Kosten werden nicht thematisiert, es heißt lediglich, dass das Gerät „mit allem Drum und Dran rund 2,5 Millionen Euro“ kostet. Ob aber zum Beispiel eine vergleichbare Operation mit dem neuen Magnetsystem teurer ist als eine mit konventioneller Methode, wird nicht erklärt. Unklar bleibt auch, ob für Patienten Kosten durch den Einsatz des neuen Systems entstehen.

10. Der Beitrag vermeidet Krankheitsübertreibungen/-erfindungen (DISEASE MONGERING).

Herzrhythmusstörungen werden im Artikel nicht übertrieben dargestellt.

Allgemeinjournalistische Kriterien

1. Das THEMA ist aktuell, relevant oder ungewöhnlich.

Anlass ist die Vorstellung des neuen Systems am regionalen Klinikum. Dies ist für eine Regionalzeitung ein durchaus berichtenswerter Anlass, allerdings hätten wir eine andere Form der Berichterstattung für besser gehalten.

2. Die journalistische Darstellung des Themas ist gelungen (VERSTÄNDLICHKEIT/VERMITTLUNG).

Der Text ist hinsichtlich Satzlänge, Verwendung von Passiv- und Nominalstil routiniert verfasst. Er liest sich allerdings mehr wie eine Werbeschrift für das Klinikum als ein journalistischer Artikel. Es fehlt jegliche kritische Einordnung. Das neue System wird als „Spitzentechnologie“ beschrieben, als „Paradestück der Medizintechnik“ und „Perle im neuen Gefäßzentrum“. Abgesehen davon, das das System neu ist und 2,5 Millionen Euro gekostet hat, gibt es kaum Hinweise im Text, die nachvollziehbar machen, aus welchem Grund das System so euphorisch beschrieben wird (siehe Kriterien Nutzen und Risiken).

Sprachlich ungelenk sind Passagen wie „Gestopft mit Technik von Siemens & Co. …).“ oder dieser unlogische Anschluss, wenn es zu Vor- und Nachteilen heißt: „Dennoch erfordert die Steuerung viel Geschick und Erfahrung. „Zudem sind die Patienten jetzt nur noch fünf statt 30 Minuten lang Röntgenstrahlen ausgesetzt“(…).“

Das System selbst wird auch nur wenig beschrieben. Es heißt nur: „(…) sind dazu neben, über und unter dem OP-Tisch Magnete angeordnet.“ Mehr erfährt man dazu nicht. Zumindest vermittelt ein Foto, dass der Arzt offenbar im Nebenraum am Computerbildschirm sitzt und von dort den Katheter führt. Laut Pressemitteilung des Herstellers ist das der Grund warum Ärzte (nicht Patienten) weniger Röntgenstrahlung ausgesetzt sind. Eine wichtige Aussage wie: „Zudem sind die Patienten jetzt nur noch fünf statt 30 Minuten lang Röntgenstrahlen ausgesetzt (…).“ bekommt der Leser ohne weitere Erklärung präsentiert. Warum ist das so? Dauert die OP dank des Systems nicht mehr so lange?

Im Vorspann heißt es: „Das Klinikum Nürnberg Süd verfügt über die Spitzentechnologie zur Behandlung von Rhythmusstörungen.“ Ob sich jedem Leser auf Anhieb erschließt, um welche Form von Rhythmusstörungen es sich dabei dreht, kann man bezweifeln, obwohl es im Titel heißt: „Mit Magnetkraft auf sanftem Weg mitten ins Herz.“

Alles in allem werten wir „nicht erfüllt“.

3. Die Fakten sind richtig dargestellt.

Uns sind keine gravierenden Faktenfehler aufgefallen.


Anmerkung: Aufgrund erheblicher Mängel in der journalistischen Umsetzung werten wir das Gesamtergebnis um einen Stern ab.

 

Medizinjournalistische Kriterien: 2 von 9 erfüllt

Allgemeinjournalistische Kriterien: 2 von 3 erfüllt (Abwertung)


Kriterium erfüllt Kriterium erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht erfüllt | Kriterium erfüllt Kriterium nicht anwendbar


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